Al Ghanim unterbricht die Sitzung. Im Saal bildet sich sofort eine größere Gruppe, in der fieberhaft nach einer Lösung gesucht wird. Ganz vorne mit dabei: Wolfgang Kleinwächter. Er diktiert den Umstehenden mögliche Formulierungen, die Artikel 3.8 entschärfen würden – indem er ausdrücklich auf Telefonie beschränkt wird. Dazu müsse im Text einfach ein "telecommunication" vor das "naming, numbering, adressing..." gestellt werden, sagt Kleinwächter. Denn nach ITU-Definition umfasst Telekommunikation nur Telefonie, nicht aber die Verwaltung von Internetadressen.

Den Streit im Plenum beendet dieser Vorschlag nicht, im Gegenteil. Es ist der Moment, an dem allen im Saal klar wird, dass eine Verabschiedung der neuen ITR an diesem Punkt scheitern könnte. Dabei ist es nur eine von mehreren kritischen Stellen im ITR-Entwurf.

"From friction comes light" , versucht der ITU-Generalsekretär Hamadoun Touré zu beruhigen. Es ist einer seiner Lieblingssprüche – frei übersetzt: Reibung erzeugt Wärme. Er appelliert ans Plenum, den eben formulierten Kompromiss anzunehmen. Doch es gibt keine Einigung, der Punkt wird verschoben. Und so geht es den ganzen Nachmittag weiter.

Eigentlich braucht niemand neue Regeln

Aus der deutschen Delegation heißt es, die Saudis hätten offenbar wirklich vor, den Internetzugang in ihrem Land strikter zu kontrollieren und wünschen sich dafür den Segen der ITU. Sie hätten Angst vor dem nächsten arabischen Frühling. Ob das nun zutrifft oder nicht – auch nach zehn Tagen ist nicht absehbar, ob die Konferenz ein Erfolg wird oder ein Desaster.

Dabei geht es um viel. Das Scheitern der Konferenz wäre eine Blamage für die ITU, für Touré, und auch für Al Ghanim als Gastgeber. Und als gescheitert gilt die WCIT, wenn die USA, die Europäische Union oder auch Saudi-Arabien die neuen ITR nicht unterschreiben.

Das aber wäre nur ein kurzfristiges Problem. Langfristig geht es um den Fortbestand der ITU. Die Bedeutung von Funk und Telefonie nimmt ab, alles bewegt sich in Richtung Internet. "Was bleibt der ITU denn in ein paar Jahren noch? Nichts mehr", sagt Michael Rotert, Vorstand des eco, des Verbandes der deutschen Internetwirtschaft. "Wenn die ITU nicht komplett umstrukturiert wird, damit sie als Stakeholder in die Internetverwaltung aufgenommen werden kann, dann ist ihr Ende absehbar."

Rotert gehört ebenfalls zur deutschen Delegation. Er spricht aus, was viele andere im Saal denken: Eigentlich braucht niemand neue ITRs. Würden die alten einfach weiterhin gelten, es würde niemanden ernsthaft stören. "In Deutschland nutzen die ITRs sowieso niemandem, sie schaden aber auch nicht", sagt Rotert. "Roaming und andere Themen werden von der EU geregelt. Die ITU wird nur noch von wenigen Staaten genutzt – von Staaten, die noch ein Telefonie-Monopol haben, oder von solchen, deren Demokratieverständnis noch ausbaufähig ist."

Dennoch wird weiter um diesen Vertrag gerungen. Denn auch wenn er nur wenigen nutzt, kann er doch vielen schaden.