Social MediaPräsidenten, Propaganda, Piraten und der Papst

Twitter und Facebook sind endlich im öffentlichen Leben angekommen. Ob Papst, Politiker oder Sportler, diskutiert wird im Netz. Die Höhepunkte und Fehltritte des Jahres. von Jessica Binsch

Barack und Michelle Obama

Das Foto von Barack und Michelle Obama, das per Twitter und Facebook um die Welt ging  |  © LIONEL BONAVENTURE/AFP/Getty Images

Bestes Gespür für den Moment: Barack Obama

Das Bild ging um die Welt: Barack Obama umarmt seine Frau Michelle innig. Er schließt die Augen, sie hat ihre Arme um seinen Hals gelegt. Der US-Präsident verkündete seine Wiederwahl auf Twitter mit diesem Bild, dazu die einfachen Worte "Four more years", vier weitere Jahre. Innerhalb kürzester Zeit wurde das Bild zur am häufigsten weitergereichten Nachricht auf Twitter (bisheriger Spitzenreiter: Justin Bieber).

Auf Facebook wurde es inzwischen mehr als vier Millionen Mal mit dem "Daumen hoch" versehen, ebenfalls ein Rekord.

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Obamas Wahlkampfteam hatte das Foto ausgewählt. Es war kein aktueller Schnappschuss, sondern bereits im August 2012 bei einem Wahlkampfauftritt entstanden.

Göttlichste Botschaft: Papst Benedikt XVI.

Rechtzeitig zu Weihnachten bekam der Papst ein offizielles Twitterprofil, um seine virtuellen Schäfchen um sich zu scharen. Seine erste englische Nachricht umfasste exakt die 140 Zeichen, die eine Botschaft auf Twitter enthalten darf. "Liebe Freunde! Gerne verbinde ich mich mit euch über Twitter. Danke für die netten Antworten. Von Herzen segne ich euch", schrieb er dann auch auf Deutsch.

Und weil es nach katholischem Glauben nur einen Stellvertreter Gottes auf Erden geben kann, bekam der Papst auch gleich ein blaues Häckchen von Twitter verpasst. Das signalisiert: Dieses Profil ist echt. Das soziale Netzwerk umwirbt damit gern Prominente, Politiker und Sportler. Sie sollen über Twitter möglichst exklusive Nachrichten verbreiten und so ihre Fans ebenfalls für den Dienst begeistern.

Auffälligste Propaganda: Israel und die Hamas

Der Krieg zwischen Israel und der Hamas wurde im November nicht nur mit Luftangriffen und Raketen, sondern auch im Internet geführt. "Unser erstes Ziel wurde vor wenigen Minuten getroffen", verkündete die Israelische Armee über ein eigenes Twitterprofil. Ein Video auf YouTube zeigte den Angriff auf den Militärchef der Hamas, Ahmed Jabari. Zu sehen war, wie dessen Auto durch die Macht des Raketeneinschlags in die Luft geschleudert wird und in Flammen aufgeht. YouTube entfernte das Video kurzzeitig mit Verweis auf die Nutzungsbedingungen, entschuldigte sich später jedoch und stellte es wieder ein.

"Wir raten allen Führern der Hamas, sich nicht bei Tageslicht zu zeigen", drohte Israel. Die Antwort von einem Twitterprofil, das der Hamas zugerechnet wird, kam prompt: "Ihr habt die Tore der Hölle selbst geöffnet."

In bizarren Liveberichten zählten beide Seiten dann Tote, Verletzte und militärische Erfolge. Es ist nicht der erste Twitterkrieg, 2011 gab es bereits den von Kenia gegen die Shabab-Miliz. Nach den Nachtsicht-Bildern der Golfkriege haben Kriegshandlungen damit eine neue mediale Dimension erreicht.

Zermürbendster Streit: Piratenpartei

Viele Politiker haben entdeckt, dass sie ihre Kontrahenten auch über soziale Netzwerke piesacken können. Doch keiner pflegt den öffentlichen Dauerstreit so hingebungsvoll wie die Piraten. Kaum eine Woche vergeht, ohne dass sich Vertreter der Partei in Twitterbotschaften und Blogeinträgen gegenseitig beharken. Das "Er hat nichts – aber auch absolut gar nichts – verstanden" des stellvertretenden Bundesvorsitzenden Sebastian Nerz in Richtung des politischen Geschäftsführers Johannes Ponader gehört da noch zu den freundlicheren Äußerungen.

Inzwischen haben sich mehrere prominente Parteimitglieder angesichts des dauerhaft tobenden Shitstorms zurückgezogen. Die gehörlose Julia Probst, Bundestagskandidaten der Piraten in Baden-Württemberg, sah sich nach einem Fernsehauftritt so heftigen Anfeindungen aus dem Netz ausgesetzt, dass sie ihre Kandidatur überdenken will. Vorstandsmitglied Klaus Peukert appelliert fast schon verzweifelt an die Piraten, sich für den Bundestagswahlkampf endlich zusammenzuraufen und nicht in Kleinkrieg und Chaos zu verlieren. Bis das funktioniert, geben sich Piraten untereinander einen eher praktischen Rat: Im Zweifel das Smartphone ausmachen.

Unüberlegtester Tweet: Hürdenläuferin Papachristou

Ihre Twitternachricht kostete sie die Olympia-Teilnahme: Wegen einer rassistischen Botschaft schloss Griechenland die Dreispringerin Voula Papachristou aus der Olympiamannschaft aus. Sie hatte über die "vielen Afrikaner in Griechenland" gelästert.

Überhaupt waren es wohl die ersten Olympischen Spiele, die auch in sozialen Netzwerken ausgetragen wurden. Allein Twitter verzeichnete 150 Millionen Nachrichten während der Sommerspiele in London. Und nicht nur die Fans nutzten das für Kommentare und Anfeuerungsrufe, auch die Sportler konnten nun die eigene Stimme erheben. Sie taten es, um gegen das Internationale Olympische Komitee zu protestieren. Das wollte ihnen nach dem Fall Papachristou vorschreiben, was sie twittern dürfen und was nicht. Auch Werbung für die eigenen Sponsoren wurde ihnen darin verboten, um die Olympia-eigenen Sponsoren nicht zu ärgern, die sogenannte Regel 40. Die Athleten protestierten, via Twitter, mit den Hashtags #WeDemandChange und #rule40.

Sinnlosester Widerspruch: Facebook-Nutzer

"Aufgrund der neuen AGBs widerspreche ich hiermit der kommerziellen Nutzung meiner persönlichen Daten." Diese Botschaft geisterte tagelang durch Facebook, verbreitete sich von einem Nutzer zum nächsten. Jeder hoffte, er könne sich damit dagegen wehren, dass Facebook seine persönlichen Daten verarbeitet. Irrtum, ein solcher Widerspruch bringt rechtlich nichts. Er müsste dazu dem Vertragspartner, in diesem Fall also Facebook, tatsächlich zugestellt werden, was bei einem Eintrag auf der eigenen Facebook-Seite nicht der Fall ist.

Zudem hatte das Netzwerk, als das Posting umging, seine Nutzungsbedingungen gar nicht geändert. Das tat Facebook erst im Dezember. Mitglieder konnten über die Änderung abstimmen, doch beteiligt haben sich nur die wenigsten. Das war bereits bei vorigen Abstimmungen so, weswegen dies auch die letzte war: Künftig ist diese Mitbeteiligung abgeschafft.

Offensichtlich fühlen sich deutsche Nutzer unwohl bei dem Gedanken, dass Facebook ihre Daten verwendet – allerdings nicht unwohl genug, um massenhaft darüber abzustimmen.

Medienwirksamste Kaffeetasse: Sigmar Gabriel

"Mariechen ist abgefüttert, der Kaffee ist da, also kann's losgehen :-))". So leitete SPD-Chef Sigmar Gabriel im Sommer eine Frage-Antwort-Runde auf Twitter ein. Seine kleine Tochter war versorgt, nun wollte sich Gabriel, die Kaffeetasse noch in der Hand, medienwirksam über Bankenregulierung austauschen.

So wie der SPD-Vorsitzende versuchen inzwischen einige Politiker, ihre Botschaft über soziale Netzwerke an die Wähler zu bringen. Die alten Hasen dort machen es ihnen vor: Dorothee Bär (CSU), Volker Beck (Grüne) und Halina Wawzyniak (Linke), Regierungssprecher Steffen Seibert und Bundesumweltminister Peter Altmaier schicken munter ihre Nachrichten ins Web. Sogar SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück beantwortete jüngst ausgewählte Nutzerfragen; beziehungsweise ließ er die Antworten von einem Mitarbeiter eingeben.

Doch die Transparenz ist oft halbherzig: Kritische Fragen werden so manches Mal ausgeklammert oder das Engagement gleich ganz beendet, wenn der Wahlkampf vorbei ist. NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD) beispielsweise verlor sofort das Interesse an ihrem Twitterprofil, nachdem sie gewählt worden war. Inzwischen twittert auch sie aber wieder.

Gefährlichster Aufruf: Aufforderung zu Lynchjustiz

Ein junges Mädchen war in einem Emdener Parkhaus ermordet wurden, die Polizei hielt einen 17-Jährigen für den Täter. Da rief ein 18-Jähriger auf Facebook dazu auf, das Polizeirevier zu stürmen. Mit Kommentaren stachelten sich andere Nutzer an, schließlich stand eine wütende Menge von 50 Menschen vor der Polizeiwache. Erst später stellte sich heraus: Der vermeintliche Verdächtige war unschuldig, ein anderer 18-Jähriger gestand die Tat. Der Aufrufer wurde später zu zwei Wochen Jugendarrest verurteilt und habe sich "sehr betroffen" über die Folgen seines Handelns geäußert, gab die Staatsanwaltschaft an.

Das Ereignis zeigt, wie leicht die Dynamik in sozialen Netzwerken außer Kontrolle geraten kann. Auch bei Partyeinladungen über Facebook finden sich schnell mal Hunderte oder gar Tausende zusammen. Die Polizei will nun härter gegen die – oft unfreiwilligen – Initiatoren solcher Partys vorgehen. Sie sollen beispielsweise die Kosten des Polizeieinsatzes tragen. Dabei gibt es genug Belege, dass sich Menschen im Netz ganz gut selbst zivilisieren können.

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Leserkommentare
  1. Es ist grundsätzlich von kreativem Vorteil, in Kommunikation mit einem weit gefächerten Potential von Ausdrucksformen zu leben. Eine Erstarrung in „Life-Style Kategorien“ versagt uns die Türen zu einer offenen Gesellschaft. Eine offene Gesellschaft ist da immer als Schichtung und Verflechtung von ästhetischen Situationen in einem Netzwerk von Ethik zu erleben: unsere Kultur. Und weil Kultur nie uniform sein kann, ohne ihren ureigensten Sinn zu verlieren, wird es immer – und immer wieder – diverse Rezeptions- und Emissionsmöglichkeiten geben. UND: Kommunikative Defizite zeigen sich in suboptimalen Resultaten!
    Erst als wirklich offenes und freies Forum kann das Internet in der Lage sein, die Veränderungen von virtuellen wie vitalen Welten hilfreich zu begleiten. Diese neue Ausrichtung in einer Art „Suchprogramm“, in dem Gegenwart und Zukunft von Ideen anhand freier Publikationen für jeden zugänglich werden, schaffte endlich ein Feld gleicher Chancen. Eine Community, die jenseits herkömmlicher Konventionen Momente verallgemeinern kann. - Leider ist das bei ZEITonline seit einem Jahr nicht mehr möglich ...
    http://community.zeit.de/...

  2. Zwei Geschichten fehlen in der Aufzählung.

    Zuerst der bayrische CSU-Abgeordnete Singhammer, der per Pressemitteilung verbreiten lies, dass er nun auch bei Twitter sei.

    Und eine Piratenabgeordnete, die am "Morgen danach" über ein geplatztes Kondom schimpfte - und Wochen später die Ergebnisse mehrerer medizinischen Checks an ihre Follower schrieb: "Alles in Ordnung"

    • 15thMD
    • 19. Dezember 2012 19:19 Uhr

    "Die gehörlose Julia Probst, Bundestagskandidaten der Piraten in Baden-Württemberg, sah sich nach einem Fernsehauftritt so heftigen Anfeindungen aus dem Netz ausgesetzt, dass sie ihre Kandidatur überdenken will."

    Die Piraten sind nicht das Internet.

    Die Anfeindungen haben nichts mit der Piratenpartei zu tun. Und es zwingend Anfeindungen zu nennen halte ich auch für übertrieben (natürlich gabe es auch die, aber), der Großteil waren einfach irgenwelche Kritiken von irgendwelchen Leuten, die scheinbar wenig Taktgefühl hatten (So habe ich das aus ihrem Blog verstanden).

    Das ganze hat nichts mit der Piratenpartei oder dem Streit zwischen den Funktionären zu tun. Der Punkt ist also etwas am Thema vorbei.

    • sinta
    • 19. Dezember 2012 20:26 Uhr
    4. Hypes

    Einer wirklich guter Tweet ist von Zach Braff (JD aus Scrubs):

    "Sleeping on a sidewalk for 4 days for an $800 phone? The Red Cross is always looking for people with extra time ..."

  3. informieren:

    http://www.pseudoreality....

    Erstaunliche Zusammenhänge werden einem da deutlich ...

  4. es gibt einen gravierenden Unterschied zum Waschhaus der Alten: Im Electrisch isch nix g`schafft.
    ... wie der Schwabe sagt ;-)

    • Scheol
    • 20. Dezember 2012 0:49 Uhr

    Facebook und google+ ganz gewaltig.
    Twitter hingegen hat mich überzeugt.
    Es zwingt mich nicht zum Klarnamen und ich werde nicht zum Exhibitionismus genötigt. Dafür kann ich mich in Windeseile mit der ganzen Welt vernetzen und beziehe so Informationen aus erster Hand.

    Angemeldet habe ich mich aufgrund der Revolution Ägyptens und bekam praktisch über einen Liveticker direkt mitgeteilt, was vor Ort passierte, konnte Wünsche versenden und auf die Fernsehnachrichten verzichten, welchen ich Großteils skeptisch gegenüber stehe.
    Gegenlesen kann man immer noch im Printgenre und so bekommt man ein relativ gutes Bild der Wirklichkeit, da beides sich gegenseitig korrigiert.

    Twitter ist meiner Meinung nach -die- soziale Innovation der letzten 10 Jahre.

    Facebook und Konsorten können ruhig pleite gehen, aber wer die Selbstdarstellung unbedingt braucht, bitte.

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Barack Obama | Sigmar Gabriel | CSU | Hamas | SPD | Hannelore Kraft
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