Aaron Swartz : Ein schwieriger Mensch, der viele berührt hat

Aaron Swartz war jung, brillant und kämpfte für freies Wissen. Er wurde ein Opfer der Urheberrechtsextremisten, schreibt Matthias Spielkamp in seinem Nachruf.
Aaron Swartz auf einer Aufnahme im Februar 2008 © REUTERS/Noah Berger

Aaron Swartz ist 26 Jahre alt geworden. Er hat in dieser kurzen Zeit – ziemlich sicher – bei allen Menschen, die ihm je begegnet sind, einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen. Und wohl noch bei viel mehr Menschen, die ihn nie getroffen haben.

Ich selbst habe ihn – flüchtig – persönlich kennengelernt, vor langer Zeit, beim Stanford Internet Law Programm im Sommer 2003. Es war eine einschüchternde Begegnung. Aaron war 16 Jahre alt und bereits seit einem Jahr im Team von Creative Commons. Er entwickelte dort die dritte Variante der Urheberrechtslizenz mit, die "machine readable" (von Maschinen lesbare) Version, die letztlich für den Erfolg des Lizenzmodells mitentscheidend war. Zu dem Zeitpunkt hatte Swartz bereits den ArsDigita Prize gewonnen und die Spezifikation für RSS 1.0 mitgeschrieben.

Man konnte die Brillanz dieses (von der Statur her) kleinen Jungen mit der Nicht-Frisur geradezu mit Händen greifen. Von Lawrence Lessig, Terry Fisher und Charles Nesson, den drei Organisatoren des Programms und sämtlich prominente Professoren in Stanford und Harvard, wurde er als Peer behandelt, als gleichwertiger Kollege. Er saß immer in der ersten Reihe rechts außen, ganz nah am Podium, hinter seinen Laptop gekauert. Vieles, was in den Vorträgen gesagt wurde, schien ihn nicht zu interessieren; wohl, weil er es bereits wusste. Wenn er um Kommentare gebeten wurde, antwortete er schnell, auf den Punkt und bisweilen nur für Experten verständlich.

Ein Nerd, wie er im Buche steht, aber selbst unter Nerds eine Ausnahme. Mit seinem rigorosen Intellekt war er eine Herausforderung für jedes Gegenüber. Stanford, eine der angesehensten Universitäten der Welt, beschrieb er "als eine idyllische kleine Schule in Kalifornien, wo immer die Sonne scheint und das Gras grün ist und die anderen Kids ständig draußen sind, um braun zu werden". Zwar gebe es dort "einige tolle Professoren und ich habe einiges gelernt, aber es war keine besonders intellektuelle Atmosphäre, denn die meisten anderen Studis erschienen mir doch hochgradig desinteressiert an ihrem Studium." Nach einem Jahr verabschiedete er sich von Stanford und zog weiter.

Er hat wohl viele verprellt

Unter anderem zu Reddit. Paul Graham, Programmierer, Mitentwickler einiger Computersprachen, Essayist und mit seiner Firma Y Combinator einer der bekanntesten Risikokapitalgeber der USA, hatte Swartz eingeladen, an dieser Website mitzuarbeiten – einer schwer zu beschreibenden Plattform, die es Nutzern erlaubt, Artikel zu empfehlen und zu diskutieren.

Reddit wurde so erfolgreich, dass sie vom Großverlag Condé Nast, der auch Wired herausgibt, aufgekauft wurde. Swartz bekam eine Menge Geld, musste in einem Büro arbeiten und fühlte sich elend, wie er selber schrieb: "Ich konnte San Francisco nicht ausstehen. Ich konnte Wired nicht ausstehen. Ich habe einen langen Weihnachtsurlaub gemacht, bin krank geworden, habe an Selbstmord gedacht. Ich bin vor der Polizei weggelaufen. Und als ich montags zurück ins Büro kam, wurde ich aufgefordert zu kündigen."

Nur um kurze Zeit später von Brewster Kahle, dem Gründer des Internet Archive, gefragt zu werden, ob er bei der Entwicklung von openlibrary.org helfen könne.

Es ist nicht überraschend, dass Swartz in seinem kurzen Leben viele Menschen verprellt hat. Er kritisierte die Organisatoren der Wikipedia, allen voran ihren Gründer Jimmy Wales, in einer Serie berühmt gewordener Essays, um sich selbst als Mitglied des Aufsichtsrats zu empfehlen. Wales war nicht der letzte in der Reihe. Auch enge Kollegen und Vertraute wie etwa Cory Doctorow beschreiben Swartz als jemanden, der schwierig zu nehmen war.

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Kommentare

46 Kommentare Seite 1 von 5 Kommentieren

Richtig lesen und so.

"Und sind Forderungen nach 35 Jahren Knast fuer den Download wissenschaftlicher Veroeffentlichungen oder Millonen-Schadensersatz fuer ein Paar Songs, mit denen Existenzen von Privatmenschen zerstoert werden, etwas anderes als Terror?"

Wenn Sie meinen Beitrag richtig gelesen hätten, dann hätten Sie bemerkt, dass ich diese Strafforderung ebenfalls mehr als unverhältnismäßig und unsensibel finde. Aber dabei von einer Form von 'Terror' auszugehen (gebraucht man das Wort, wie es heute üblich ist, und nicht seinem Wortursprung gemäß) geht zu weit; den begraben liegenden Hund sollte man vielleicht eher im amerikanischen Justizsystem suchen (dazu gab es ja bereits einige gute Kommentare).

Im Artikel fällt das Wort 'Terror' nicht, aber das Wort 'Urheberrechtsextremisten'. Es suggeriert, dass diejenigen Leute, die gegen eine umfangreiche Liberalisierung oder gar Abschaffung des Urheberrechts eintreten, erstens Extremisten und zweitens an Swartz' Tod mitverantwortlich sind. Und das ist schlicht und ergreifend daneben (um es freundlich zu formulieren).

Dass es Interessengruppen und Unternehmen gibt, die maßgeblich auf den SOPA hingewirkt und an ihm mitgeschrieben haben, darf man mit gutem Recht annehmen, und ich bin froh, dass das Gesetz gestoppt worden ist.

Richtig verstehen und so

Sie reden vom "Ursprung des Wortes" Terror. Terror bedeutet "Schrecken". Und genau das ist das richtige Wort fuer das, was in Amerika in Bezug auf das Urheberrecht ablaeuft: Wenn du einen Song illegal runterlaedst, ruinieren wir deine Existenz fuer immer.

Und nein, wer das Wort "Urheberrechtsextremisten" benutzt, sagt damit nicht, dass jeder, der gegen eine Veraenderung des UHR ist, ein Extremist ist. Wer "Autonarr" sagt, behauptet ja auch nicht, dass jeder, der ein Auto hat, ein Narr ist. Spielkamp bezieht sich gerade durch die Verwendung des Begriffs "Extremisten" nur auf die, denen fuer ihr Ziel jedes Mittel recht ist.

Und ein Drittes: Natuerlich traegt die Staatsanwaeltin Ortiz ebenso wie die, die hinter ihr stehen, eine Mitschuld an dem Selbstmord. Das zu sagen, ist nicht "daneben", sondern einfach nur die Feststellung einer offensichtlichen Tatsache.

Richtig lesen und so, Teil 2.

Da Ihnen sowohl das Lesen als auch das Verstehen meiner Kommentare schwer zu fallen scheint, hier noch einmal eine Aufklärung.

Ich schrieb: "gebraucht man das Wort [Terror], wie es heute üblich ist, und nicht seinem Wortursprung gemäß". Sie beobachten ganz richtig, dass ich vom Ursprung des Wortes rede. Nun ist es aber so, dass viele Wörter in einer anderen als der ursprünglichen Bedeutung gebraucht werden. Beispiel: "Omnibus" - bezeichnet heute, vor allem in der Kurzform "Bus" ein großes Kraftfahrzeug zum Personentransport; die Römer meinten damit u.a. "für alle". Zwischen den Römern und uns bezeichnete es auch mal eine Pferdekutsche. Niemand würde heutzutage mit "Omnibus" eine Pferdekutsche bezeichnen oder "für alle" sagen wollen (Lateinlehrer ausgenommen).

Ich betone noch einmal: Das Wort "Terror" stammt in diesem Zusammenhang von mir und ist nicht aus dem Artikel entnommen (anders als das Wort "Extremisten"). Ich habe es benutzt als Bestandteil von "Terroranschläge", und unter Terroranschlägen versteht man heute nicht ein Bedrohen oder Angstmachen, sondern politisch motivierte Gewalttaten gegen eine herrschende Ordnung (oder sind für Sie Geisterbahnen ein Hort des Terrorismus? So nach dem Motto: "Und, was machst du zur Zeit" - "Ich arbeite als Terrorist in der Geisterbahn."). In diesem Fall wäre also die weder vom Artikel noch von mir vorgenommene Unterstellung, die Staatsanwältin hege terroristische Absichten, gerechtfertigt.

Richtig lesen und so, Teil 2. (2)

Sie schreiben: "was in Amerika in Bezug auf das Urheberrecht ablaeuft: Wenn du einen Song illegal runterlaedst, ruinieren wir deine Existenz fuer immer."

Das ist Unfug (und das ist eine offensichtliche Tatsache). Wie viele Menschen kennen Sie, die mal illegal einen Song runtergeladen haben und denen dafür ihre Existenz ruiniert wurde? Belangt werden in der Regel solche Leute, die mit der unbezahlten Arbeit anderer eine Menge Geld scheffeln.

Sie schreiben: "Und nein, wer das Wort "Urheberrechtsextremisten" benutzt, sagt damit nicht, dass jeder, der gegen eine Veraenderung des UHR ist, ein Extremist ist."

Damit haben Sie tatsächlich nicht Unrecht, verkennen aber den Punkt meiner Kritik: Eine Staatsanwältin, über deren Motive wir nur spekulieren können, erhebt eine unmäßig hohe Strafforderung für die Straftaten eines offenbar schwer Depressiven - und nun sind es "die" Urheberrechtsextremisten, die für seinen Tod verantwortlich sind? Wenn nur bestimmte Unternehmen und Interessengruppen gemeint sind, kann man die auch deutlicher benennen, und muss nicht irgendeinen "Urheberrechtsextremismus" herbeischreiben.

Sie schreiben: "Natuerlich traegt die Staatsanwaeltin Ortiz ebenso wie die, die hinter ihr stehen, eine Mitschuld an dem Selbstmord."

Kannten Sie Swartz persönlich, haben Sie mit ihm über die Motive seines Suizids gesprochen? Oder kennen Sie die Staatsanwältin persönlich und Sie, was sie bewegt hat? Verschwörungstheorien zu basteln macht Spaß, das weiß ich ja selbst.