Es ist bei brillanten Menschen oft schwer zu sagen, ob sie arrogant sind, oder ob es für die weniger brillanten unter uns einfach nur danach aussieht. Diejenigen jedenfalls, die selbst genug Größe hatten, um sich nicht von ihm einschüchtern zu lassen, haben ihn immer unterstützt. So wie Lessig, der ihn für das akademische Jahr 2010/11 als Fellow an sein Edmond J. Safra Center for Ethics in Harvard berufen hatte, obwohl Swartz nie einen Studienabschluss gemacht hat.

Swartz war entscheidend daran beteiligt, den Stop Online Piracy Act (SOPA) zu kippen und damit weltweit eine nie gekannte Aufmerksamkeit für Internet-Regulierung zu schaffen. Wenn man ihn bei seinem Vortrag darüber sieht, wie es zu diesem spektakulären Ereignis gekommen war, dann sieht man einen gut aussehenden, engagierten, humorvollen jungen Mann, der nicht darauf aus ist, die Welt zu verändern, sondern weiß, dass er sie bereits verändert hat.

Amerikanische Behörden hatte er sich bereits vorher zum Feind gemacht, indem er etwa ein Fünftel der Gerichtsakten der eigentlich kostenpflichtigen Datenbank PACER veröffentlicht hatte. Für ihn war es Teil seines Einsatzes für offenes Wissen. Ein Aktivismus, der ihn letztendlich in Konflikt mit dem Gesetz brachte. Im Jahr 2010 verschaffte er sich Zutritt zum Intranet des Massachusetts Institute of Technology (MIT), zu dem er als Nicht-Universitätsangehöriger keinen offiziellen Zugang besaß. Anschließend lud er aus der Datenbank JSTOR ungefähr vier Millionen Artikel aus wissenschaftlichen Zeitschriften herunter.

Swartz flog auf und wurde 14 verschiedener Straftaten angeklagt, obwohl er keinen der Artikel veröffentlicht hatte und obwohl JSTOR bekannt gab, den Fall nicht weiter verfolgen zu wollen. Der Prozess, in dem er nach Ansicht der Staatsanwaltschaft zu 35 Jahren Haft und einer Million Dollar Strafe hätte verurteilt werden sollen, sollte im April beginnen.

Am vergangenen Freitag wurde Swartz erhängt in seiner Wohnung in Brooklyn gefunden. Am Tag darauf verbreitete sich die Nachricht im Netz wie ein Lauffeuer. Freunde erinnerten daran, dass Aaron Swartz Depressionen hatte. Viele wussten das; er sprach offen darüber. Doch sein Mentor Lawrence Lessig warnt in seinem Blog unter der Überschrift Der Staatsanwalt als Tyrann (Prosecutor as Bully) davor, Swartz' Fall zu "pathologisieren". Sicher habe es einige Verrücktheit gebraucht, um das zu tun, was Swartz getan habe. Aber das dürfe nicht darüber hinweg täuschen, dass er damit konfrontiert war, den Rest seines Lebens im Gefängnis zu verbringen. Das Verhalten der Behörden habe jegliche Verhältnismäßigkeit vermissen lassen.

Inzwischen haben mehr als 11.000 Menschen eine Petition unterzeichnet, die die Entlassung der zuständigen Staatsanwältin Carmen Ortiz fordert, weil sie in ihrer Anklage den Grundsatz der Verhältnismäßigkeit missachtet habe. Rafael Reif, Präsident des MIT, das im Gegensatz zu JSTOR nie eindeutig Stellung dagegen bezogen hatte, ihn als Straftäter anzuklagen, kündigte eine Untersuchung an.

Swartz soll am Dienstag in Highland Park im US-Bundesstaat Illinois beigesetzt werden. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass wir die Auseinandersetzungen um das Urheberrecht in Zukunft einteilen werden in "die Zeit vor Aaron Swartz' Tod" und die danach. Die Urheberrechtsextremisten haben mit ihm jemanden zum Opfer gemacht, der in seinem Leben sehr viele Menschen berührt hat. Diese werden seinen Tod nicht als Ende und nicht als Niederlage akzeptieren.