KommunikationChats belegen das Gegenteil von Sprachverfall

Lange dachte man, die Abkürzungen und Smileys in Chats und Kurznachrichten ließen die Sprache verfallen. Die Forschung zeigt: Das Gegenteil ist der Fall. von Astrid Herbold

Alle haben allen etwas mitzuteilen, ständig, dauernd, überall. Über WhatsApp werden stündlich 41 Millionen Mitteilungen verschickt. 100 Millionen Menschen sind weltweit bei Twitter angemeldet. Facebook hat gerade die Milliardenmarke geknackt. Und selbst die SMS ist beliebt wie nie: 55 Milliarden Botschaften verschickten allein deutsche Nutzer im letzten Jahr. Das entsprach laut Bundesnetzagentur einer Steigerung von dreißig Prozent im Vergleich zum Vorjahr.

Es ist, als habe die Menschheit das Schreiben neu entdeckt. Und als hätte sie dabei vor lauter Begeisterung die genormte Schriftsprache über Bord geworfen.

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Kleinschreibung, Abkürzungen, fehlende Artikel und verkürzte Syntax zeichnen die schriftlichen Unterhaltungen aus, geschmückt sind die Dialoge dafür mit grinsenden Gesichtern oder auf der Seite liegenden Gefühlsbekundungen. Ich schenk dir mein Herz? Das schreibt man jetzt so: <3. Müssen Lehrer, Ausbilder, Bildungsbürger sich Sorgen machen?

Bislang gibt es keine einzige Studie, die den oft vermuteten Sprachverfall beweisen würde. Dabei ist die Internetkommunikation gut erforscht. Ende der 1990er Jahre begannen erste Sprachwissenschaftler sich für das komische Geschreibsel in den anonymen Chatforen zu interessieren.

Smileys führen ein ästhetisches Eigenleben

Unter die Lupe haben die Linguisten im letzten Jahrzehnt so ziemlich alles genommen: Was passiert mit der Satzstellung, was mit den Zeitformen, was mit der Rechtschreibung? Welche Rolle spielen Inflektive, also endungslose Verben wie *heul* oder *tröst*? Wann und wozu werden lachende, zwinkernde oder weinende Smileys – die sogenannten Emoticons – eingesetzt? "Eine Zeit lang ging man davon aus, dass in der Chatkommunikation im Gegensatz zum mündlichen Gespräch etwas fehlt", erklärt Georg Albert von der Universität Landau, "und dass diese fehlende Verständigungsebene von den Nutzern unter anderem mit Emoticons aufgefüllt werden müsse." Aber ganz so eindeutig, meint der Wissenschaftler, sei die Sache nicht. Smileys und Konsorten führen längst ein ästhetisches Eigenleben.

Eine andere gängige Forschungsmeinung lautete: Es ist alles der Geschwindigkeit geschuldet. Typische Merkmale wie Kleinschreibung, Wortabkürzungen oder unvollständige Sätze entstünden vor allem aus Platzmangel. Oder weil die Schnelligkeit der Dialoge keine Zeit lässt für korrekte Schreibweisen. Albert, der seit Jahren Internetunterhaltungen analysiert, glaubt das nicht. "Viele Stilmerkmale sprechen gegen die Geschwindigkeitsthese." Die Nutzer lieben es zum Beispiel, ellenlang Ausrufezeichen oder Buchstabenwiederholungen aneinanderzureihen. "Andere schreiben absichtlich im Dialekt, obwohl es länger dauert, die Worte zu tippen. Und sie auch für das Gegenüber schwerer lesbar sind." Schwerer zu entziffern – aber möglicherweise unterhaltsamer. Und darum scheint es zu gehen.

Markierungen zeigen, wie ein Text verstanden werden soll

Vielen Nutzern macht das Experimentieren mit den Buchstaben und Zeichen schlicht Spaß. "Da wird Kreativität mit der Tastatur ausgelebt", sagt Albert. Von wilder Regellosigkeit kann trotzdem keine Rede sein. "Ihre jeweiligen Konventionen handeln die verschiedenen sozialen Gruppen permanent neu aus." Jeder Ort im Netz hat andere Gepflogenheiten, jede Gruppe ihre eigenen Codes und Vorlieben. Und diese Moden kommen und gehen. Was alle benutzen, wird langweilig. Stilmittel wie *grins* gelten heute als altbacken, seit zwei, drei Jahren sind die Sternchen-Ausdrücke größtenteils verschwunden.

Andere Trends sind langlebiger. In E-Mails hat sich die Kleinschreibung ausgebreitet. Bei Twitter weist man sich gerne mit Hashtags ("Stichworten") wie #omg ("Oh mein Gott") oder #hach ("Hach") als erfahrener Internetsprecher aus. Im Facebook-Chat unter Schülern sind Smileys auch dreißig Jahre nach der Erfindung des Zeichens sehr beliebt. "Die Schreibenden setzen Markierungen, wie sie einen Text verstanden wissen wollen", so Albert. Wo bin ich, mit wem und wozu, das alles spielt bei der jeweiligen sprachlichen Performance eine Rolle.

Leserkommentare
    • 可为
    • 14. Januar 2013 13:02 Uhr

    das gilt auch für Sprache; und wenn sie sich tatsächlich verändert ist das nur die logische Konsequenz daraus, dass das Medium in dem Schriftsprache hauptsächlich verwendet wird ein anderes geworden ist.
    Wenn ich sehe wo es mich persönlich betrifft, so neige ich dazu kürzere, eindeutigere Formulierungen und Sätze zu wählen - während Satzzeichen (vermutlich der dialogartigen Form wegen) mehr zu Dingen wie "..." und Bindestrichen tendieren.

    Ich meine aber z.B. auch zu beobachten, dass ich dank Chats gelernt habe Emotionen viel klarer rüberzubringen als zuvor.

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    • alkyl
    • 14. Januar 2013 13:05 Uhr

    Ich finde es gut und vernünftig, Veränderungen positiv zu deuten. Und ich glaube inzwischen auch längst nicht mehr daran, dass füher alles besser war und der Untergang des Abendlands droht, wenn jüngere Leute Dinge anders tun als Ältere. Wenn meine Kinder tage- und nächtelang vor großen oder winzigen Bildschirmen hocken und anders schreiben als ich es gewohnt war, dann ist es nicht per se schlecht, sondern eben auch ihre Art, mit Veränderungen ihrer (und meiner) Umwelt umzugehen. Das ist auf jeden Fall erst einmal gut! Und ich selbst habe allen Anlass, auch von ihnen zu lernen und nicht nur sie von mir!

    7 Leserempfehlungen
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    Menschen, die in der Jugend die Hochsprache nie richtig erlernten, bleiben im Berufsleben zeitlebens benachteiligt. Bei Jobinterviews haben sie natürlich keine Chance, und Aufstiegsmöglichkeiten sind ihnen weitgehend verschlossen.

    Ich finde es auch sehr positiv, dass inzwischen für viele Menschen schriftlichen Äußerungen ganz normal sind, die sich früher nicht daran herangetraut hätten aus Angst vor ätzenden Kommentaren derjenigen, die meinen, es so viel besser zu können.

    Einen Verfall der Schriftsprache braucht man wohl wirklich nicht zu fürchten - sie verändert sich, wird dadurch aber nicht unbedingt ärmer. Mir fällt allerdings oft eine gewisse Inhaltsleere auf. Es wird wie wild getextet, meist nur die Hälfte gelesen, in "Echtzeit" reagiert, ohne dass eine wirkliche Kommunikation stattfindet.

  1. 3. Frage?

    Zitat:
    "Morgens im Büro korrektes Hochdeutsch, nachmittags auf Twitter kurzsilbige Pointen, abends im Chat schluderiger Redeschwall."
    Nachts folgt dann die Verwandlung zum Höhlenmenschen mit Symbolsprache?!

    Ich bezweifle die These mit dem korrekten Hochdeutsch. Das mag vielleicht für angehende Akademiker gelten, aber mit Sicherheit nicht für die Masse.

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    Hier wurde eventuell Sprechen mit Schreiben verwechselt. Sicher reden nur wenige im Alltag überkorrektes Hochdeutsch. Aber im Schriftverkehr ist es gerade in Firmen wichtig, sich an standardsprachliche Ausdrücke zu halten. Wie jemand mit anderen Arbeitskollegen redet, steht hier gar nicht im Fokus.

    Ich gehöre glücklicherweise zu diesen Menschen, die problemlos von Arbeit auf Familie oder auf Freundeskreis oder auf Chat umschalten können. Vor allem älteren Menschen fällt es jedoch meinen Erfahrungen nach schwer, sich einfach umzustellen. Den Unterschied zwischen gesprochener Sprache und geschriebener Sprache kennt jeder, aber dass man auch im schriftlichen Verkehr völlig andere Akzente setzen kann, überfordert wohl manche, die dann auch in Chats oder Mails bei ihrer Form bleiben.

    Wichtig ist meiner Ansicht nach vor allem die Einsicht (gerade bei Schülern), dass dennoch eine Standardschrift/sprache benötigt wird. Wie die junge Generation dann miteinander kommuniziert, ist nicht mein Problem. Aber um von allen verstanden zu werden, benötigt man Grundregeln, an die sich alle halten sollten. Dass die Sprache sich wandelt, ist ein normaler Prozess.

    Sprachverfall klingt immer nach diesen Meckerfritzen, die behaupten, dass doch früher alles besser gewesen sei.

  2. Das Hin- und Herswitchen zwischen verschiedenen Registern ist für die von Hause aus Eloquenteren sicher kein Problem. Von allgemeiner Degeneration zu schwafeln ist daher auch unangebracht. Gleichwohl sollte man diejenigen, die es - wie Henn-Memmesheimer sagt - "verweigern", sich standardsprachliche Kompetenzen anzueignen, im Blick behalten. Diese Problemklientel sollte man gezielt fördern. Wohlfeile Generalisierungen sind das eine, die in puncto Bildung Schwächsten/Benachteiligten voranzubringen etwas anderes.

    2 Leserempfehlungen
  3. Menschen, die in der Jugend die Hochsprache nie richtig erlernten, bleiben im Berufsleben zeitlebens benachteiligt. Bei Jobinterviews haben sie natürlich keine Chance, und Aufstiegsmöglichkeiten sind ihnen weitgehend verschlossen.

    3 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Interessanter Ansatz!"
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    • alkyl
    • 14. Januar 2013 17:47 Uhr

    Meine Kinder sind zwar wie alle ihre Freunde heftig netz- und computerspielaffin, aber um ihre "Hochsprachen"-und weitere Kultur-Kompetenz ist es trotzdem bestens bestellt. Das bekommen die Schule, die Musikschule, Vereine und ein anregendes Familienumfeld schon ganz ordentlich hin. Das mag längst nicht für alle kidz gelten, aber allein modernes Elektroschreibverhalten ist ganz gewiss nicht Schuld daran.

  4. 6. Moment

    Was haben denn "dissen" und "Kanzler können" mit Spielarten der Internetsprache zu tun? "Dissen" kommt ja wohl aus der Hip-Hop-Szene und hätte über diesen Kanal mit oder ohne Internet Einzug in den deutschen Sprachgebrauch gefunden. Eigenwortschöpfungen gab es schon vor der digitalen Revolution, man kann nicht dem Internet jede neu entstandene Kreation kategorisch verhaften wollen. Das gilt auch für den veränderten Einsatz von Modalverben.

    Mir scheint gegen Artikelende wurde hier ein wenig geschludert.

  5. und Sprechsprache waren früher viel klarer getrennt. Einen Brief, auch privater Natur, aufzusetzen, war eine richtige Aufgabe, ich erinner mich, dass ich als Kind Briefe noch vorzuschreiben hatte, bevor ich sie ins Reine schrieb.
    Dank der mobilen Kommunikationsmittel benutzen mittlerweile auch viele Menschen eine Schriftsprache, die früher kaum mehr als ihre Unterschrift auf ein Formular geschrieben hätten. Das Internet weist aber einen eklatanten Unterschied zum altmodischen Schriftverkehr auf: es bildet die gesprochene Sprache viel unmittelbarer ab.
    Mündliche Sprache hatte schon immer viele Register, die auch Menschen benutzten, die wenig schrieben: Familie, Peergroup, Arbeit, Behörden. Aber vieles davon wurde eben nie verschriftlicht. Was die KOrrektheit der Schriftsprache angeht, find ich interessant, dass in nahezu jedem Forum sich User gegenseitig verbessern, wenn die Lesbarkeit zu sehr beeinträchtigt wird (Auslassung von Satzzeichen etwa). Eine gewisse Erziehung herrscht also durchaus vor. Was auf jeden Fall stark zum Ausdruck kommt, ist die Vielfalt der mündlichen Sprache, dwie z.B. der erwähnte Dialekt. Auch ich kommuniziere mit meiner Schwester im Chat auf Dialekt, weil es für mich eine direkte Unterhaltung ist, die ich außerhalb des Netzes nie auf Hochdeutsch führen würde. Klassischen Briefverkehr hätte ich mit ihr mit Sicherheit nicht im Dialekt geführt.

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  6. ...nutze auch solche Chats und drücke mich dort meist gewählter aus als in Gesprächen, wie ich es beispielsweise auch hier tue. Von Zeitdruck kann bei einer solchen Plattform keine Rede sein - im Gegenteil: Es bleibt mehr Zeit, seine Gedanken zu ordnen und in Worte zu fassen.
    Platzmangel ist im Grunde auch nur auf Twitter und bei SMS ein Problem. Aber Abkürzungen wie omg, lol und rofl sind wohl eher auf Faulheit zurückzuführen.

    Den Trend zur "größeren Standardnähe" kann ich bestätigen, Undinge wie die genannten Inflektive verschwinden zunehmend.

    Allerdings merkt man den Usern solcher Plattformen schon oft ihr fehlendes Sprachgefühl bzw. fehlende Bildung an. Das verhält sich im "second life" auch nicht anders als im wirklichen Leben. Der Verfall droht also auch im virtuellen Umfeld nur (oder besonder?) bei denen, die ohnehin schon sprachliche Schwierigkeiten haben.

    Und nur am Rande: Die Formulierung "Im Facebook-Chat unter Schülern sind Smileys auch dreißig Jahre nach der Erfindung des Zeichens sehr beliebt." fand ich etwas verwirrend. Für mich besteht ein Smiley oder Emoticon aus mindestens 2 Zeichen.

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  • Schlagworte Kommunikation | Bundesnetzagentur | Chat | Facebook | SMS | Twitter
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