Internetkriminalität"Mit Fahrrädern einen Porsche jagen"

Europa hat ein neues Zentrum zur Abwehr von Internetkriminalität. Ein längst überfälliger Schritt, findet Marco Gercke, Experte für Internetkriminalität. von 

EU-Kommissarin Cecilia Malmstroem und der Chef des neues Zentrum zur Abwehr von Internetkriminalität, Troels Oertin

EU-Kommissarin Cecilia Malmstroem und der Chef des neues Zentrum zur Abwehr von Internetkriminalität, Troels Oertin  |  © GEORGES GOBET/AFP/Getty Images

In Den Haag ist am Freitag das Europäische Zentrum zur Bekämpfung der Cyberkriminalität, kurz EC3, eröffnet worden. Die Behörde ist bei Europol angegliedert und soll laut EU-Kommissarin Cecilia Malmström helfen, dass die "EU wesentlich effizienter gegen Cyberkriminalität vorgehen" kann. Dabei soll es vor allem um die Bekämpfung organisierter krimineller Gruppen gehen. Das Zentrum würde Know-how sammeln und verbreiten, so Malmström.

ZEIT ONLINE: Herr Gercke, am Freitag ist das Europäische Zentrum zur Bekämpfung der Cyberkriminalität, kurz EC3, eröffnet worden. Warum braucht Europa ein Zentrum zur Cyberabwehr?

Marco Gercke: Weil die Polizei grundsätzlich immer nur bis zur jeweiligen Landesgrenze ermitteln kann. Sehr häufig ist es aber so, dass die Straftäter in einem und die Opfer in einem anderen Land sind. Das EC3 soll hier die Zusammenarbeit zwischen den Behörden in den Ländern verbessern.

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ZEIT ONLINE: Das gibt es aber doch schon länger, zum Beispiel bei schwerer, grenzüberschreitender Kriminalität?

Gercke: Auch im Bereich der Internetkriminalität gibt es bereits eine länderübergreifende Zusammenarbeit, die Strafverfolgung gestaltet sich hier aber als sehr schwer.

Marco Gercke

Marco Gercke ist Rechtsanwalt und Professor aus Köln. Er ist Autor vieler rechtsvergleichender Studien zum Thema Internetkriminalität sowie Herausgeber des Handbuchs Internetkriminalität. An der Universität Köln hält er Vorlesungen zum Thema Cyberwar.

ZEIT ONLINE: Inwiefern?

Gercke: Nehmen wir als Beispiel die organisierte Kriminalität. Im Internet wirken selten klassische Banden, wie man sie bisher kannte. Darüber hinaus unterscheiden sich oft auch die Schäden. Es gibt zahlreiche Fälle von Internetkriminalität, bei der die Täter Millionenschäden anrichten, aber jedes Opfer nur einen kleinen Betrag verliert. Man hat dann hunderttausend kleine Fälle statt einen großen.

ZEIT ONLINE: Wie sind Behörden denn bisher gegen Internetkriminalität vorgegangen?

Gercke: Die Behörden versuchen ihr Bestes – es fehlt aber an Personal und oft auch an den gesetzlichen Grundlagen. Gerade bei der Bekämpfung von Internetkriminalität ist Geschwindigkeit aber unglaublich wichtig. Manche Mitgliedsländer müssen so mit Fahrrädern einen Porsche jagen. Auf der anderen Seite ist es für die meisten Opfer undenkbar, zur Polizei zu gehen, wenn der Rechner von einem Virus befallen ist. Auch da muss sich etwas ändern.

ZEIT ONLINE: Was zum Beispiel?

Gercke: In manchen Ländern gibt es Meldestellen, bei denen  Fälle aufgenommen, zusammengefasst und analysiert werden. Hier ist Deutschland noch hinterher.

Leserkommentare
  1. Heute jagt eine Gruppe einäugiger Gestalten auf Krücken Ferraris und Lamborghinis hinterher. Daran wird das neue Zentrum auch nichts ändern, denn damit wird man die unbedarfte und unprofessionelle Fraktion der Cyber-Kriminellen erwischen. Der gut organisierte Teil wird auch weiterhin ruhig Golf auf den Caymans spielen können.

    3 Leserempfehlungen
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    Die Nutzer sind sich häufig der Gefahren überhaupt nicht bewußt und machen sich damit anfällig für einfachste Angriffe. Eigentlich müßte man Anonymisierungsdienste und Verschlüsselung im Privatbereich viel stärker pushen, anstatt ständig von verschiedenen Seiten eine Authentifizierung mit Klarnamen und vielfach unnötige Speicherung von Echtdaten einzufordern. Das Geld muß in Forschung gesteckt werden, wie Kriminalität unterbundne werden kann, nicht in die Aufklärung von Straftaten ohne etwas grundlegend zu ändern.

  2. Die Nutzer sind sich häufig der Gefahren überhaupt nicht bewußt und machen sich damit anfällig für einfachste Angriffe. Eigentlich müßte man Anonymisierungsdienste und Verschlüsselung im Privatbereich viel stärker pushen, anstatt ständig von verschiedenen Seiten eine Authentifizierung mit Klarnamen und vielfach unnötige Speicherung von Echtdaten einzufordern. Das Geld muß in Forschung gesteckt werden, wie Kriminalität unterbundne werden kann, nicht in die Aufklärung von Straftaten ohne etwas grundlegend zu ändern.

    5 Leserempfehlungen
  3. Ich möchte übrigens anmerken, dass es im Stadtverkehr oft ohne weiteres möglich ist, mit dem Fahrrad einen Porsche zu jagen.

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    mehr muss nicht gesagt werden ^^

  4. mehr muss nicht gesagt werden ^^

    Antwort auf "Fahrrad vs Porsche"
  5. "Bekämpfung organisierter krimineller Gruppen" - ich wette, binnen einiger Monate wird die Hauptbeschäftigung darin liegen, minderjährige Raubkopierer zu verfolgen.

    7 Leserempfehlungen
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    Ich halte dagegen.
    So pessimistisch muss man nicht sein.

  6. Ich halte dagegen.
    So pessimistisch muss man nicht sein.

    2 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Eine kleine Wette:"
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    wahrscheinlich dauert es nur Tage. :p

    • Bashu
    • 12. Januar 2013 3:14 Uhr

    Kümmert sich die Cyberabwehr dann auch um die kriminellen Aktivitäten des CIA?

    Zur Info: Die Amerikaner haben sich nationalem Gesetz die Legitimation gegeben, private Daten auch von europäischen Accounts bei z.B. Google (also auch ihren Gmail account) und Facebook bei Bedarf einzusehen.

    Eine Leserempfehlung
  7. Niemand aus der Branche, welcher noch alle Tassen im Schrank hat und sein Handwerk ausreichend beherrscht, würde für eine Bundes- oder EU-Behörde arbeiten. Der Lohn ist verglichen mit dem, was in der freien Wirtschaft oder anderen Sparten *hust* geboten wird, einfach nur lächerlich.

    Selbst dem berühmt berüchtigte Bundestrojaner (Witz des Jahres) wurde von externen Programmierern Leben eingehaucht.

    Das Problem ist, dass durch Internetkriminalität dem Staat selbst kein oder kaum finanzieller Schaden entsteht. Die Opfer sind die einfachen Bürger, welche sich in die tiefen des Internets gewagt haben, bevor sie gelernt haben, wie man es denn überhaupt richtig nutzt.

    Wieso sollten die Staaten oder die EU also viel Geld für die Bekämpfung der Internetkriminalität ausgeben. Die Bürokratien haben davon nichts ...

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    "Niemand aus der Branche, (...) würde für (...) [diesen] Lohn (...) verglichen mit dem, was in der freien Wirtschaft geboten wird, [arbeiten].
    Das Problem ist, dass durch Internetkriminalität dem Staat selbst kein oder kaum finanzieller Schaden entsteht. Die Opfer sind die einfachen Bürger, welche sich in die tiefen des Internets gewagt haben, bevor sie gelernt haben, wie man es denn überhaupt richtig nutzt."

    DAS ist tatsächlich ein Problem, und obwohl das Kräfte-Verhältnis im "real life" (Waffen und so) auch nicht anders ist, so sind die Auswirkungen auf die Gesellschaft ganz andere.

    Ich bin gespannt, ob auch nach diesem Problem erst dann wieder Geld geworfen wird, wenn es unnötig teuer / zu spät ist.
    Siehe Euro-Krise, siehe Reaktionszeit.
    Au weia!

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