Durchleitungsgebühren : Google gibt die Netzneutralität auf

Für die Durchleitung von YouTube-Videos zum Nutzer zahlt Google eine Gebühr an den Provider France Télécom-Orange. Sagt der Orange-Chef. Google hüllt sich in Schweigen.
Orange ist die France-Télécom-Marke für Internet, Fernsehen, Mobilfunk und digitale Dienste. © ERIC PIERMONT/AFP/Getty Images

Stéphane Richard, der Chef von France Télécom-Orange, behauptet, einen ungewöhnlichen Deal mit Google abgeschlossen zu haben: Google zahle seinem Unternehmen Geld dafür, dass es Google-Inhalte durch seine Netze zu den Orange-Kunden transportiert, sagte er vor einigen Tagen in einem Interview. Allerdings hat sich Google auch auf mehrfache Anfrage verschiedener Medien noch nicht dazu durchringen können, die Behauptung von Richard zu bestätigen oder zu dementieren. Doch wenn sie stimmt, wäre es ein Dammbruch, der Anfang vom Ende der Netzneutralität.

In der Debatte um die Netzneutralität prallen ideologische und geschäftliche Interessen aufeinander. Die Verteidiger der Netzneutralität sagen: Jedes Datenpaket muss bei der Übertragung gleich behandelt werden. Egal, ob es sich um eine E-Mail, den Inhalt einer Nachrichten-Website oder um ein YouTube-Video handelt. Andernfalls drohe ein Zweiklassen-Internet nach dem Motto: Wer es sich leisten kann, zahlt für alle gewünschten Inhalte. Wer nicht genug Geld hat, kann nur das halbe Internet nutzen. Auch Google hat bislang immer so argumentiert. Das ist verständlich, denn Google ist einer der größten Traffic-Verursacher im Internet.

Die Gegner der Netzneutralität sind vor allem unter den Netzbetreibern zu finden. Sie sagen: Die gigantischen Datenmengen, wie sie zum Beispiel durch den Upload und das Abrufen von YouTube-Videos entstehen, belasten ihre Netze übermäßig. Deshalb wäre es nur fair, wenn die Verursacher – allen voran Google – den Ausbau der Netze mitfinanzieren würden, indem sie für die Durchleitung Gebühren zahlen.

Zuletzt wurden solche Wünsche im Vorfeld der ITU-Konferenz in Dubai öffentlich geäußert. Die europäischen Provider hatten sich zusammengeschlossen und mit einem Antrag auf die Einführung dieses Sender-Pays-Prinzip eine Art Testballon steigen lassen. Unter den Regierungen fand der Vorschlag zwar keine nennenswerte Unterstützung. Wolfgang Kleinwächter aber, der in Dubai als Vertreter der Zivilgesellschaft zur deutschen Delegation gehörte, rechnet fest damit, dass dieses Anliegen auch im Jahr 2013 bei den diversen Konferenzen zur Internet Governance wieder auf der Tagesordnung landen wird.

Patrick Beuth

Patrick Beuth ist Redakteur im Ressort Digital bei ZEIT ONLINE. Seine Profilseite finden Sie hier.

Es gibt längst Beispiele dafür, dass die Netzneutralität bröckelt. Vodafone etwa untersagt in mehreren seiner Mobilfunktarifen die Nutzung von Voice over IP (VoIP). Wer übers Internet telefonieren möchte, muss das hinzubuchen. Vodafone argumentiert, auf diese Weise könne das Unternehmen günstige Tarife für diejenigen anbieten, die keinen Wert auf VoIP legen. In diesem Fall muss der Kunde für die Netzneutralität zahlen.

Dass auch Inhalteanbieter wie Google dafür zahlen, um bis zum Kunden "durchgestellt" zu werden, ist aber neu. Falls es denn so ist. Es wäre ein Präzedenzfall, auf den sich weitere Provider stürzen dürften. Der Ausbau etwa von Glasfasernetzen ist teuer. Warum also sollte nicht zum Beispiel die Deutsche Telekom bei Google vorstellig werden und um finanzielle Unterstützung dafür bitten, dass Googles Produkte auch im ländlichen Raum genutzt werden können? Und warum sollte nur Google zahlen müssen? Das Unternehmen ist groß, hat genug Geld und ist für eine Menge Datenverkehr verantwortlich. Dennoch müssten früher oder später auch andere Anbieter damit rechnen, zur Kasse gebeten zu werden.

Wie viel Google zahlt, hat Stéphane Richard nicht bekannt gegeben. Es sollen "keine Hunderte Millionen" sein, mehr ist nicht bekannt. Ist es überhaupt eine feste Summe oder ist der Betrag abhängig von der Menge der durchgeleiteten Daten? Es wäre wichtig, das klarzustellen. Denn in die Debatte um Netzneutralität gehört immer auch der Begriff Deep Packet Inspection – das Durchleuchten jedes einzelnen Datenpakets durch die Netzbetreiber, um festzustellen, um welche Art von Content es sich handelt. Mithilfe dieser Technik können sie messen, wie viel Traffic wirklich von einem Anbieter ausgeht und so bestimmen, wie viel sie Google und anderen in Rechnung stellen können. Provider würden so aber auch zu Wächtern über die Internetaktivitäten ihrer Kunden, zur privatwirtschaftlichen Überwachungszentrale.

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Kommentare

7 Kommentare Kommentieren

Gedanken zur Netzneutralität

Die Telekom stand vor einer Weile in der Kritik den Datendurchfluss zu youtube zu drosseln. Wenn ich mich recht entsinne haben sie wegen des öffentlichen Drucks nachgegeben.

Ob eine "Deep Package Inspection" wirklich eine zwingende Folge einer Abschaffung der Netzneutralität ist bezweifle ich. Anhand der Zieladresse des Pakets kann der Anbieter, z. B. Youtube, bereits identifiziert werden.

Die sog. Netzneutralität begünstigt leider auch viele negativen Aspekte des Internets. Weil Datenübertragung nichts kostet können Piratenserver im Ausland gûnstig Musik und Filme zum Download anbieten. Ohne Netzneutralität hätten diese Anbieter vermutlich mit sehr niedrigen Übertragungsraten zu kämpfen, die den Service weniger attraktiv machen.

Was gegen die Abschafung der Netzneutralität spricht: Die Netz- und Mobilfunkanbieter, mit ihren undurchsichtigen Verträgen, den zweifelhaften "0 Euro Tarifen und Handys", der dummen Werbung, der niedrigen Innovationskraft und -Willen, Firmen, die fast nur noch aus Marketingabteilungen zu bestehen scheinen, solche Unternehmen sollten möglichst wenig Einfluss auf ein so innovatives und bedeutendes Medium wie das Internet erhalten.

Einfach seltsam

Die richtige Gegenmaßnahme, um adäquat auf den ersten Dammbruch zu reagieren, wäre ein Providerwechsel von Orange-Kunden in nennenswerter Zahl.
Leider wird dieses eine Wunschvorstellung bleiben, denn kurzfristig läuft es ja eher auf Vorteile für die Orange-User hinaus. Und natürlich darf man, wie bei allen Versorgungsverträgen, mit hoher Trägheit bzw. Wechselunwilligkeit rechnen.

Was für mich unklar bleibt, das ist die Motivlage von Google. Wo, wenn es denn bestätigt wird, befindet sich die win-Situation für Google - zumal es sich ja um eine dauerhafte Gebühr und nicht um eine Einmalzahlung handeln soll? Erpressbar dürfte der Suchmaschinen-Riese auch nicht sein. Wer als Provider Google boykottiert, der darf mit erdrutschartigen Kündigungen auf User-Seite rechnen.

Deshalb bleibt es seltsam. Denn letztendlich hätte Google mit diesem Schritt für sich und andere Content-Anbieter einen neuen Ausgabenposten mit enormer Wachstumsphantasie erschlossen.