Chaos Computer ClubDen Staat zu hacken, ist nicht genug

Staatstrojaner zu hacken, genügt nicht, denn es macht sie besser. Hacktivisten aber sollten neue Systeme entwerfen, nicht das alte optimieren, fordert Michael Seemann. von Michael Seemann

Teilnehmer beim 29C3, dem Kongress des Chaos Computer Clubs

Teilnehmer beim 29C3, dem Kongress des Chaos Computer Clubs  |  © Patrick Lux/Getty Images

Die Aufdeckung des sogenannten Staatstrojaners ist einer der größten Erfolge des Chaos Computer Clubs. Er steht in einer Reihe mit dem BTX-Hack (1984) und mit der Verhinderung der Wahlcomputer (2009). Am 8. Oktober 2011 veröffentlichte der CCC die extrahierten Binärdateien des staatlichen Schadprogramms. Es war ein Coup, der tagelang durch alle Medien ging. Die FAZ druckte den dekompilierten Quellcode in einer Extra-Beilage ab. Es gab empörte Politiker, Anfragen, Untersuchungen und mittlerweile einige Berichte und Gutachten, unter anderem vom Bundesdatenschützer Peter Schaar, der kein gutes Haar am Staatstrojaner lässt.

Doch wenn man heute, anderthalb Jahre später, nach den politischen Konsequenzen fragt, gibt es nicht viel zu erzählen. Es ist nicht mal klar, ob die von fast allen Experten als grundrechtswidrig eingeschätzten Aktivitäten einiger Landeskriminalämter wirksam eingestellt worden sind.

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Und nicht nur das. Der Fall zeigt, dass die Idee des Hacktivismus, wie er derzeit gelebt wird, ihre Grenzen hat.

Der Staatstrojaner ist ein Computerprogramm, das von einigen Landeskriminalämtern eingesetzt wurde, um heimlich die Kommunikation von Verdächtigen auf deren Rechnern abzuhören. Der Einsatz geschah ohne Wissen der Öffentlichkeit und in einem Rahmen, der sich laut einigen Experten jenseits des rechtsstaatlich Zulässigen bewegte.

Gesetzliche Grundlage?

Die derzeitige Situation sei der Worst Case, sagt Ulf Buermeyer: kein Gesetz, keine Spielregeln, keine rechtsstaatliche Kontrolle und Behörden, die dennoch nicht darauf verzichten wollten, die Trojaner-Software einzusetzen. Buermeyer ist Richter am Landgericht Berlin und Mitglied des Chaos Computer Clubs. Auf dem 29. Kongress des CCC sitzt er zusammen mit Constanze Kurz, einer der Sprecherinnen des Clubs, auf der Bühne und fordert eine rechtliche Grundlage für die staatliche Schnüffelsoftware, ein Gesetz, das festlegt, wer wann und wie den Trojaner einsetzen darf. "Am besten sollte man so etwas gar nicht einsetzen, klar, aber das scheint mir derzeit politisch nicht durchsetzbar."

Vermutlich hat er Recht, wenn er ein solches Gesetz als das geringere Übel ansieht, dennoch wäre es ein harter Schlag – nicht allein gegen die Bürgerrechte – sondern auch gegen den CCC und gegen die Idee des Hacktivismus. Alles, was der derzeit anscheinend zu leisten vermag, ist eine Verbesserung des Bestehenden. Doch um dem zu entgehen, bräuchte der Hacktivismus eine eigene Vision, den Entwurf einer neuen, besseren Zukunft.

Hacktivismus ist mehr als nur eine neue Spielart des linken Aktivismus. Ein Hacktivist ist jemand, der sich mit technischen Systemen befasst, weil er die Gesellschaft verändern will. Dieser neue Aktivismus geht mit einer neuen Haltung einher. Während die klassische Linke nur die Ablehnung und Bekämpfung des Systems kannte und erst viel später – während des sogenannten Marsches durch die Institutionen – diese Haltung nach und nach um eine distanzierte Kooperation ergänzte, geht der Hacktivismus neue Wege. Das System wird nicht von vornherein abgelehnt und bekämpft, sondern zunächst kritisch begutachtet. Man beschäftigt sich mit ihm, lernt es kennen, begibt sich hinein. Der Hacker will verstehen. Nicht, um im System zu funktionieren, sondern um Schwachstellen zu finden. Statt sich die Köpfe an Wänden einzurennen, eröffnet er einen dritten Weg: die öffentliche Demontage, das Wenden des Systems gegen sich selbst.

Wenn die CCC-Sprecher über den Staatstrojaner erzählen, hat dabei natürlich die Kritik am Eingriff in die Privatsphäre der Bürger ihren Platz. Lieber noch sprechen die Hacker aber von der Schlampigkeit, mit der die Software programmiert wurde. Das Gejohle ist groß, wenn über unverschlüsselte Verbindungen zu amerikanischen Servern berichtet wird oder über die Abwesenheit eines Löschbefehls. Und wenn Buermeyer detailliert die fehlende Rechtsgrundlage des Trojaners nachweist, wird er von den Hackern beklatscht, als hätte er einen weiteren Bug gefunden.

Leserkommentare
  1. Beim Staatstronjaner war klar, dass er deutlich mehr kann als das Verfassungsgericht für zulässig erklärt hat. Was beobachten wir nun? Der Staat antwortet auf das Problem nicht, indem er mit der Verfassung konform geht, sondern indem er weiter aufrüstet. Hier sollten die interne Warnsirene anspringen.

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  2. Die "Hacker" des CCC haben mit der Veröffentlichung der Lücken im Staatstrojaner viel mehr GEGEN den Einsatz dieser Überwachungstechnik getan, als ZEIT online in den letzten 10 Jahren zusammen.

    Es wäre die Sache der Journalisten gewesen, bereits beim BKA Gesetz usw. auf die Gefahren hinzuweisen. Und es ist Sache der Journalisten, politische Alternativen einer breiten Diskussion zugänglich zu machen.

    Das Versagen der Presse in diesem Thema kann man nicht den "hackern" anhängen. Sie kompensieren mit ihren Aktionen teilweise die mangelhafte vierte Gewalt.

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  3. Herr Seemann bringt den CCC mit dem Begriff "Hacktivismus" zusammen und das ist grundlegend falsch.

    > Hacktivismus (Kofferwort aus Hack und Aktivismus, engl. Hacktivism), ist die Verwendung von Computern und Computernetzwerken als Protestmittel, um politische Ziele zu erreichen. Die erste Verwendung erfuhr der Begriff im Juli 2004 von Mitgliedern eines Hacker-Kollektivs namens Omega. <

    Und das ist sicherlich nicht das Ziel vom CCC. Deshalb bitte vorher recherchieren.

    7 Leserempfehlungen
    • Thems
    • 24. Januar 2013 18:43 Uhr

    Wieso sollen die Hacker das System umkrempeln? Was sollen sie denn machen? Ein neues System erfinden?

    Es ist ja eine bequeme Position, von anderen zu fordern, das System neu zu gestalten. Wie wäre es mal, wenn die Presse solche Themen noch stärker behandeln würde? Als vierte macht im Staat solltet ihr doch genug Einfluss haben, solche Themen penetranter in die Politik zu bringen. Wo bleiben Schlagzeilen wie "Politiker fordern Überwachungsstaat wie in Syrien" oder "Wie lange noch, bis Zeit-Online gesperrt wird?".

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  4. Das Problem liegt mMn. nicht bei den untätigen Hackern, sondern an den mangelnden politischen Alternativen (ob bewusst oder unbewusst medial verschwiegen, wie zB. die freien Wähler oder einfach nicht vorhanden) abseits des Einheitsblocks CDUFDPSPDGRÜNLINKS, welche seit Jahren sukzessive unser Grundgesetz aushöhlen.

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    Ich kann ja nachvollziehen, dass man angesichts der momentanen Politik den eindruck bekommt, es gäbe im BT so etwas wie einen "Einheitsblock". Dass Sie aber auch die Linke in diesen Block miteinreihen ist doch geradezu lächerlich. Diese Partei wird von den anderen Parteien bei jeder Gelegenheit, konsequent geschnitten. Als Beispiele ließen sich die Neufassung des Wahlrechts oder die "überparteiliche" Suche nach einem neuen Bundespräsidenten anführen. Auch war die Linke die einzige Partei, die für keines der vermeintlichen "Rettungspakete" im BT gestimmt hat.

    Diese Tatsachen sollten Sie zumindest anerkennen, auch wenn Sie einer anderen Partei anhängen, wie ich aus ihrem Hinweis auf die Freien Wähler ableite.

  5. wenn ich das lese "FinFisher hat den Vorteil, bereits vielfach im Einsatz gewesen zu sein. Unter anderem in autoritären Regimen wie Bahrain und Syrien" na BRAVO.........ich werde mal meinen Honeypot und anderes befuellen

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  6. Die Position des CCC dürfte klar sein: KEIN STAATSTROJANER!

    Warum sollte der CCC sich einer Sache andienen, die seiner Überzeugung diametral zuwider läuft?

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    • Derdriu
    • 24. Januar 2013 17:52 Uhr

    Der Staat hat keine Super-Entwickler. Kaum ein Entwickler will sich vor den Karren spannen lassen. Klar gibt es Programme, die man als Staatstrojaner benutzen kann, sie wurden aber höchstwahrscheinlich nicht dafür gebaut.

    Die wirklich guten Entwickler/ Hacker werden sich hüten, sich bei Behörden anstellen zu lassen. Und das aus folgenden Gründen:

    1. Behörden verstehen das Netz nicht. Keiner hat Lust, das den Beamten immer wieder zu erklären. Man sieht auch an den Gesetzen, wie inkompetent sie sind in Bezug auf das Thema.

    2. Wer viel mit IT zu tun hat -vor allem als Entwickler- vertritt einige Grundsätze und Philosophien, die einfach gegen jedes Restriktion innerhalb des Netzes sind (z.B.: Alle Informationen sollen frei sein, Autorität sollte misstraut werden, Dezentralisierung ist zu bevorzugen,...)

    Der Staatstrojaner kann gehackt werden und die Gefahr, dass er von Außen (China, USA, ...) gehackt wird ist sehr groß, da das Internet nicht national begrenzt ist. Diese Staaten halten sich aber nicht an UNSER Grundgesetz!

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    • 29C3
    • 25. Januar 2013 5:49 Uhr

    1. Gesetze werden von Lobby-Gruppen als Entwurfsvorlagen frei haus geliefert,
    2. Der Staat verfügt sehr wohl über angekauftes know-how, siehe Stuxnet,
    3. Halten wir uns an die eigene Verfassung?

    Träumen Sie weiter.

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Computer | Peter Schaar | Bundeskriminalamt | Software | Wahlcomputer | Chaos
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