Musik-AppsDigitale Luftgitarren

Auf der größten Musikmesse der Welt in Cannes spielen mittlerweile App-Entwickler eine Hauptrolle. Sie erfinden den Musik-Zugang von morgen. Den Musikern hilft das kaum. von Annika Joeres

Musikmesse Midem

Besucherin der Musikmesse Midem in Cannes  |  © VALERY HACHE/AFP/Getty Image

Früher trafen sich auf der der größten Musikmesse der Welt, der Midem in Cannes, vor allem Vertreter von Plattenkonzernen und ihre künftigen Stars. Erfolgshungrige Musiker spielten bis zum Sonnenaufgang in den Bars der Stadt am Mittelmeer. So hat sich zum Beispiel Amy Winehouse ihren ersten größeren Plattenvertrag ersungen. Nun ist die Ikone tot und auch die alte Musik-Branche leidet: Bislang können die digitalen Strategien den raschen Abstieg des CD-Geschäfts nicht auffangen. Die Midem spiegelt diese Entwicklung wider, sie ist mittlerweile zu einem Technik-Event geworden.

So suchen in Cannes die nun Branchengrößen wie YouTube und Musikdienste wie das französische Deezer oder das schwedische Spotify nach zukunftsweisenden Apps oder der besten Streaming-Lösung. Und sie suchen junge Entwickler, deren Ideen und Dienste sie für wenig Geld einkaufen. "Die Musik-Apps kommen alle von der jungen Generation", sagt Alexandre Passant.

Anzeige

Der 30-jährige Franzose hat gerade eine App an Deezer verkauft, mit der man seine Lieblingssongs an Orten auf einer digitalen Karte hinterlegen kann, beispielsweise an einer U-Bahnstation oder einer Kreuzung. Dem nächsten User wird dann ebendieser Song vorgespielt, sobald er denselben Platz passiert. "So können Wildfremde ihre Stimmung an dem Ort teilen und neue Musik entdecken", sagt Passant. Geld bekommt er aber nur, wenn ein Nutzer seiner kostenlosen Anwendung anschließend bei Deezer ein Monatsabo abschließt.

Branchenkenner bezweifeln, dass diese Art von Apps erfolgreich sein werden. "Den neuerlich vorgetragenen Optimismus über den App-Markt kann ich nicht teilen", sagt der britische Musikanalyst Mark Mulligan. Die aktuelle Generation der Musiknutzer sei nicht bereit, für Apps zu bezahlen. "Niemand wird davon leben können." Auch, weil es an durchschlagenden Ideen mangele. Nur den sogenannten Discovery-Anwendungen räumt Mulligan eine Chance ein. Sie führen Hörer und Fans von einem Lieblingslied zu ähnlichen Songs, leiten von einer Platte zu verwandter Musik von anderen Künstlern. "Wir brauchen ernsthafte Apps, die durch den Dschungel des Angebots führen", sagt Mulligan.

Gewinne der Streaming-Anbieter wachsen, Musiker haben davon wenig

Bislang dominieren aber im Web und auch in Cannes eher die Spaß-Anwendungen. Wie zum Beispiel die von Eyal Eldar. Der Israeli hat die iPad-App Songful entwickelt, mit der das Gerät als Gitarre genutzt werden kann: Mit der Hand können virtuelle Saiten auf dem Touchscreen zum Klang der Lieblingslieder gebracht werden und wer mag, kann die aufpoppenden Lyrics dazu mitträllern. Eine Art digitale Luftgitarre. Bislang nutzen rund 10.000 Menschen die Klimper-App. Künftig sollen sich mehrere Nutzer zusammenschließen und mit ihren Tablets ein Orchester bilden können.

Aus welchem Just-for-fun-Artikel am Ende bares Geld wird, ist für niemanden absehbar. Deshalb, so Analyst Mulligan, kauften die großen der Digital-Branche, allen voran Apple, jährlich Hunderte kleine Erfindungen vorsorglich ein, unter anderem bei der Midem. Nur wenige davon schaffen es letztlich, ein größeres Publikum zu finden.

Die wahren Gewinner der Musikbranche sind derzeit die Streaming-Dienste: Marktforscher schätzen ihren Gewinn auf insgesamt 1,1 Milliarden Dollar im Jahr 2012. "Es wird nicht mehr die Musik verkauft, sondern nur noch der Zugang zu ihr", sagt Mulligan.

Wie wenig davon die Musiker haben, hat die New York Times gerade noch einmal zusammengefasst: Eine Indie-Musikerin etwa hat die Einnahmen aufgelistet, die sie über Spotify erzielt hat. Ihre Songs wurden demnach im Jahr 2012 insgesamt 131.000 Mal abgerufen, sie bekam dafür 547 US-Dollar, oder 0,42 Cent pro Abruf.

Zur Startseite
 
Leserkommentare
    • Lyaran
    • 29. Januar 2013 18:37 Uhr

    Wenn man denn Gewinn der Dienste liest und dann was einzelne Künstler davon bekommen scheint das etwas mager zu sein. Andererseits kann man kaum eine Aussage treffen. Interessant wäre wieviel die Indie-Musikerin denn über ihren Label verdient hat. Wenn kein Mensch ein Album kauft sind die knapp 500 Dollar doch immerhin etwas!

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    0,0042 Dollars!
    Wenn sie ihr Album nur 2000 mal verkauft, was sogar relativ unbekannte "indie"-Musiker schaffen, bekommt sie je nach Deal etwa 1000 bis 4000 Dollar (falls sie auch Komponistin ist kommt noch was dazu). Bei Spotify sind's 8,40 Dollar. Ein gewaltiger Unterschied.
    .
    Musik verliert auch ihren Wert, weil: wenn's nix kostet ist's auch nix wert (alte Bauernregel). Wollen wir das? Wir Musiker jedenfalls nicht!

    • marv_k
    • 29. Januar 2013 19:36 Uhr

    Es mag sicherlich Ausnahmen geben, aber die Mehrheit aller Smartphone-User dürfte sich wahrscheinlich folgendermaßen verhalten, auch wenn das als Polemik oder Trollerei aufgefasst wird:

    Aus der Unfähigkeit, Musik auf dem eigenen Gerät zu speichern werden irgendwelche Streaming-Dienste genutzt, in die Zeiten von wegbrechender Netzneutralität die Internetleitungen noch mehr belasten. Wenn die Verbindung arbeißt, stehen die Kiddies doof da. Und wenn der Musik-Anbieter nicht mehr existiert, ist die auch die Nutzung an der Musik dahin, weil man die Musik nicht selber besitzt. Das ist nämlich der Nutzerschaft ja abgewöhnt worden, sodass sie nur noch blinde Konsumenten sind wie beim Fernsehen.
    Und echtes Gitarrespielen wird ihnen auch noch abgewöhnt, stattdessen dürfen sie dann mit dem Smartphone rumfuchteln.

  1. Ihr Kommentar wäre mir peinlich, er könnte Urheber sehr beleidigen und Musiker/Komponisten zur Verzweiflung bringen - vor allem der letzte Satz. Versuchen Sie zu erahnen, wie (relativ) erfolgreich sie sind, wenn Sie 131.000 Klicks bekommen - und dafür können Sie dann ein paar mal die Saiten auf ihrem Instrument wechseln? Haben Sie auch nur eine Ahnung, wie viel ein Cello-Bogen kostet? Alleine die professionelle Abmischung eines Songs kostet ein vielfaches. Wie lange wurde an dem Stück wohl gearbeitet? Stundenlohn...?

    Und als nächstes schreiben hier gleich wieder die Foristen/Spezialisten zum Urheberrecht und der GEMA. Und dass die Musik ja immer noch viel zu teuer ist…

    Immer wieder wurde (auch) hier und anderswo behauptet, dass Streaming die Zukunft ist - fragt sich nur für wen. Es gibt ja schon einige Urheber, die aus diesem Model wieder aussteigen, da es sich für die Musikschaffenden nicht im entferntesten rechnet.
    Die Zahlen sind im Übrigen seit längerem bekannt - aber man kann ja auch nicht auf jeden Beitrag hier und in anderen Medien ein Meer von Fakten vorlegen -
    und die sich in diesem Bereich ebenso häufig hervortuenden Foristen lesen diese ja ohnehin nicht… die bleiben in jedem Falle bei Ihrer Meinung: GEMA und Urheberrecht ist böse - solange ich nicht alles (fast) kostenlos bekomme… - und die bösen Urheber verstehen das ja leider auch nicht… ;-)

    Ach was solls - und nicht vergessen - so manche (wertvolle) Musik eignet sich für diese Dienste sowieso nicht

    Eine Leserempfehlung
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Hi,

    es ist vielleicht in der Zukunft fraglich, ob sich digitale Musik überhaupt rechnet, und ob GEMA etc. nicht einfach Krücken sind, um einen Einnahmestrom aus dem Zeitalter der Schallplattenindustrie nicht versiegen zu lassen.

    Schön, die Stones sind mit denen reichgeworden - nur standen davor 300 Konzerte im Jahr und 'ne Platte fix zwischendurch, und da war von Reichsein noch keine Rede, die Jungs wollten Blues spielen.

    Und sie verdienen heute noch Geld - nur nicht so sehr mit neuen Platten, sondern mit ihren Live-Shows.

    Die "Konserve" war ja mal eher ein Vehikel zur Konservierung musikalischer Künste, und die Musiker, die darauf verewigt wurden, waren Konzertkünstler. Die Platten haben da auch eine Präsentationsrolle - und für mich bis heute.

    Ich lese, was heute in die Stadt kommt, und gehe zu YouTube oder wo auch immer, und denke: Hmmh, klingt gut, nichts wie hin! Und sehe dann eine Band für irgendwas zwischen 10 bis 100 Aussie-Dollar (ich lebe in Melbourne).

    Und wenn die Band gut war kaufe ich eine Platte, als Erinnerung, und eben auch als Förderbeitrag für eine junge Band, die hoffentlich noch mehr und bessere Musik macht.

    Ich glaube nicht, daß sich Streaming und Download für den Musiker rechnen muß.

    Es grüßt
    Peter

  2. 4. [...]

    Entfernt. Bitte beteiligen Sie sich mit sachlichen Beiträgen. Danke, die Redaktion/ls

    Eine Leserempfehlung
  3. 0,0042 Dollars!
    Wenn sie ihr Album nur 2000 mal verkauft, was sogar relativ unbekannte "indie"-Musiker schaffen, bekommt sie je nach Deal etwa 1000 bis 4000 Dollar (falls sie auch Komponistin ist kommt noch was dazu). Bei Spotify sind's 8,40 Dollar. Ein gewaltiger Unterschied.
    .
    Musik verliert auch ihren Wert, weil: wenn's nix kostet ist's auch nix wert (alte Bauernregel). Wollen wir das? Wir Musiker jedenfalls nicht!

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • 15thMD
    • 29. Januar 2013 23:03 Uhr

    Seit wann kauft man bei Spotify denn Alben?

    Also entweder haben Sie keine Ahung, oder Sie schmeißen Ihre Alben nach einem mal Abspielen gleich weg.

    Es mag ja sein, dass es an Streamingdiensten etwas zu kritisieren gibt, aber dann doch bitte nicht so.

    • 15thMD
    • 29. Januar 2013 23:09 Uhr

    Aufgrund eines Doppelpostings entfernt. Danke, die Redaktion/au

    • Panic
    • 30. Januar 2013 3:28 Uhr

    Relativ unbekannte Indi-Bands verkaufen keine 2000 Platten. Sorry, aber das ist utopisch. Und keine relativ unbekannte Indi-Band macht irgendeinen Deal mit einer Company. Denn die relativ unbekannte Indiband produziert den Kram selbst. Zumindest die relativ unbekannten Indi-Bands, die ich kenne.

    cheers

  4. wenn die Musik nicht gut ist? Es ist wie beim Fernsehen. Die Fernseher werden immer besser und die Sendeprogramme immer schlechter. Ich habe gar kein Fernseher mehr und bestelle immer noch die guten alten Cds oder sogar Platten bei dem Metalversand meines Vertrauens aus Donzdorf. Auf meinem intelligenten Telefon klingen die meisten Lieder grauenhaft.

  5. Aufgrund eines Doppelpostings entfernt. Die Redaktion/ls

    • 15thMD
    • 29. Januar 2013 23:03 Uhr

    Seit wann kauft man bei Spotify denn Alben?

    Also entweder haben Sie keine Ahung, oder Sie schmeißen Ihre Alben nach einem mal Abspielen gleich weg.

    Es mag ja sein, dass es an Streamingdiensten etwas zu kritisieren gibt, aber dann doch bitte nicht so.

    Eine Leserempfehlung

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Apple | Amy Winehouse | Apps | US-Dollar | Cannes | New York
Service