Netzsperren : Was hat ein Hundesalon in Miami mit Chinas Zensur zu tun?

Ein britischer Wissenschaftler hat die chinesische Firewall näher untersucht und ist beeindruckt: Sie ist komplex, groß und manchmal sehr seltsam.
Zugang verweigert – Website eines chinesischen Magazins namens "Annals of the Yellow Emperor", das im Januar nach einem kritischen Artikel blockiert wurde. © STF/AFP/Getty Images

Die Existenz der großen chinesischen Firewall ist kein Geheimnis, ihre genaue Funktionsweise aber ist weniger bekannt. Joss Wright, Research Fellow am Oxford Internet Institute der britischen Oxford University, wollte wissen, nach welchen Regeln die Firewall funktioniert – welche Inhalte auf welche Weise im chinesischen Netz gefiltert oder blockiert werden. Er fing an zu forschen, nur um dabei auf ein neues Rätsel zu stoßen.

Er fand heraus, dass die chinesischen Zensoren viele Zugriffsversuche auf unliebsame Domains auf ganz bestimmte Seiten umleiten. Beispielsweise auf die Website eines Hundesalons in Miami, Florida. Oder auf die Seite eines Journalisten aus Los Angeles.

Eigentlich interessierte sich Wright dafür, ob die Mechanismen der chinesischen Zensur zentral vorgegeben werden oder ob lokale Behörden und Internetzugangsanbieter Einfluss auf solche Entscheidungen haben. Dazu untersuchte er ein spezielles Phänomen der Netzzensur, das sogenannte DNS-Poisoning. DNS steht für Domain Name System. DNS-Server sind von Netzanbietern betriebene Strukturen, die die IP-Adresse einer Seite mit ihrem zugehörigen Namen verknüpfen. Die Seite von ZEIT ONLINE, um ein Beispiel zu nennen, ist unter der IP-Adresse http://217.13.68.220/ erreichbar. Das aber muss keiner wissen, der den Namen oder die URL der Seite weiß. Denn das DNS kennt die Verknüpfung und leitet jeden, der zu ZEIT ONLINE will, auf den Server mit der entsprechenden IP-Adresse.

Regionale Unterschiede

In China manipulieren Zensoren dieses System, wie Wright in seiner Studie nachwies. Sie "vergiften" das DNS, daher der englische Ausdruck poisoning. Wright testete chinesische DNS-Server auf ihre Reaktion und stellte dabei fest, dass die meisten von ihnen Adressen von kritischen Websites falsch auflösten oder die Anfrage ins Leere laufen ließen. "Kritisch" meint dabei populäre Seiten wie Twitter, YouTube oder Facebook, aber auch die Angebote des Tor-Projektes oder die Seite tibet.net.

Ihm fielen dabei Besonderheiten auf. Einerseits gibt es regionale Unterschiede. So wird demnach am stärksten in Peking zensiert. Die DNS-Server dort lieferten sehr viel mehr falsche Ergebnisse als Server in anderen Regionen. Auch in Guangzhou, Changsha und Chongqing wird stark zensiert, in anderen Städten wie Chengdu und Hefei dagegen eher wenig.

Das spricht für regionalen Einfluss bei Art und Menge der Zensur. Andererseits fand Wright auch Belege für eine zentrale Steuerung. Denn viele Server in ganz unterschiedlichen Regionen reagierten auf bestimmte Anfragen gleich. Beispielsweise leiteten 14 verschiedene DNS-Server die Anfrage nach der Adresse www.torproject.org eben auf die in den USA gehostete Homepage eines amerikanischen Journalisten um, mehrere andere auf die des Hundesalons.

In einem Beitrag auf seinem Blog schreibt Wright dazu: "Um es ganz klar und dem Journalisten gegenüber völlig fair zu sagen, das bedeutet nicht, dass es irgendeine Beziehung zwischen ihm und dem chinesischen Filtersystem gibt. (...) Ich bin mir nahezu sicher, dass er kein verdeckter Netzkrieger ist."

Verlagsangebot

Entdecken Sie mehr.

Lernen Sie DIE ZEIT 4 Wochen lang im Digital-Paket zum Probepreis kennen.

Hier testen

Kommentare

10 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

vermutlich weil....

... die Forschung wohl wieder in das Licht einer (US-)Negativkampagne gegen China gerückt werden soll. Nur so eine Vermutung ;-)

Die Zeit wird zeigen ob es reicht die Menschen von Socialmedia und co. abzuschneiden um den politische Wandel zu verhindern. Genaugenommen verstehe ich inzwischen auch nicht mehr was das ZK der KPCh überhaupt noch zu schützen versucht. Das politische System wird es wohl eher nicht sein, denn die Chinesen sind heute vielerorts genau solche Kapitalisten wie wir.

Da geht es vielmehr darum den eigenen Hintern samt Brieftasche zu schützen, nicht mehr, nicht weniger.

Ob man damit Erfolg haben wird darf bezweifelt werden. Mit 1,3 Milliarden Menschen sollte man besser keinen Streit anfangen, selbst wenn man 350 Mio. davon auf der eigenen Gehaltsliste hat bleiben immernoch eine Milliarde übrig ;-)