Yandex-Mitbegründer"Wir sind nicht politisch, wir sind nur eine Suchmaschine"

Ilja Segalowitsch ist einer der Gründer der russischen Suchmaschine Yandex. Im Interview spricht er über Expansionspläne und Kritik an der russischen Regierung. von Astrid Herbold

Ilja Segalowitsch

Yandex-Mitbegründer Ilja Segalowitsch  |  © Burda Direkt Services

ZEIT ONLINE: Herr Segalowitsch, es gibt seit Langem Gerüchte, dass Yandex seine Suchmaschine nach Europa bringen will. Allerdings liegt der Marktanteil von Google in Europa bei 95 Prozent. Sind wir ein aussichtloser Fall?

Ilja Segalowitsch: Wir dachten immer, wenn es auf einem Markt nur einen großen Player gibt, dann haben die Nutzer irgendwann genug von diesem Anbieter. Und sehnen sich geradezu nach Konkurrenz. Mit dieser Hoffnung sind wir vor eineinhalb Jahren in den türkischen Markt gestartet.

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ZEIT ONLINE: Und wie läuft es in der Türkei?

Segalowitsch: Nicht ganz so gut, wie wir es uns vorgestellt hatten. Wir liegen jetzt bei rund zwei Prozent Marktanteil. Wir hoffen, irgendwann zehn oder 15 Prozent zu schaffen. Wir konnten schon einige Promotiondeals und Kooperationen abschließen. Außerdem versuchen wir Produkte ins türkische Internet zu bringen, die Google nicht anbietet. Unsere Stauschau-App zum Beispiel ist in Istanbul sehr beliebt, mit dem Service liegen wir auf Platz eins.

ZEIT ONLINE: Und von der Türkei aus kommt Yandex dann direkt nach Deutschland? 

Ilja Segalowitsch

Seit 1997 ist die russische Suchmaschine Yandex im Netz. Ilja Segalowitsch (48) ist einer der Mitbegründer und heute CTO des Unternehmens.

Yandex, das ähnlich wie Google Dutzende weiterer Dienste betreibt, ist mit 60 Prozent Marktanteil bei Internetsuchen der Marktführer in Russland. 4,8 Milliarden Suchanfragen gingen laut ComScore im Dezember 2012 bei Yandex ein. Damit hat Yandex im weltweiten Vergleich erstmals Microsoft mit seiner Suchmaschine Bing hinter sich gelassen.

Segalowitsch: Wir lieben und bewundern Deutschland, aber wir haben auch Respekt vor diesem großen Markt. Wir können nicht einfach losziehen, wir müssen das geschickt angehen. Deshalb suchen wir nach Partnern. Auch weil wir überzeugt sind, dass wir den Nutzern qualitativ etwas zu bieten haben.

ZEIT ONLINE: Yandex hat in Russland 60 Prozent Marktanteil, Google 26 Prozent. Wie dicht ist Ihnen der Konkurrent auf den Fersen?

Segalowitsch: Seit sechs Jahren sind unsere Marktanteile mehr oder weniger stabil. Durch einen Deal mit Firefox konnte Google in Russland mehrere Prozentpunkte zulegen. Bis vor zwei Jahren hat Mozilla mit Yandex kooperiert, dann sind sie – nachdem Google sie mit einer Spende bedacht hat – umgeschwenkt. Abgesehen davon ist Google im Laufe der Jahre auch besser geworden ist. Für Yandex heißt das: Wir müssen wettbewerbsfähig bleiben, ständig neue linguistische Technologien entwickeln wie die Suche nach Synonymen, nach Übersetzungen oder nach semantischen Verknüpfungen.

ZEIT ONLINE: Suchmaschinen sind oft eng mit bestimmten Browsern verknüpft, auf den mobilen Geräten hat diese Abhängigkeit noch zugenommen. Wird das für Yandex zunehmend zum Problem?

Segalowitsch: Auf dem mobilen Markt in Russland sind wir immer noch größer als Google. Wir versuchen einerseits über unsere Yandex-Apps mit unseren Diensten präsent zu sein. Andererseits schließen wir auch Vereinbarungen ab. Microsoft hat zugestimmt, Yandex für Windows 8 und Windows 7 zuzulassen. Nokia ebenfalls, zumindest auf manchen Geräten. Apple beziehungsweise iOS ist dagegen eine sehr geschlossene Welt. Und aus irgendeinem unerfindlichen Grund will Apple die russischen Nutzer nicht zufriedenstellen.

ZEIT ONLINE: Stehen Sie mit Apple in Verhandlung?

Segalowitsch: Wir suchen immer wieder das Gespräch. Wir haben ihnen auch geholfen, die Suchergebnisse ihrer Kartendienste für Russland zu verbessern. Aber eigentlich wollen wir natürlich unsere Suche auch im Safari-Browser auf Apple-Geräten anbieten. Das können wir noch nicht.

ZEIT ONLINE: Wir haben es mit immer mehr Gated Communities im Netz zu tun. Fluch oder Segen?

Segalowitsch: Gated Communities haben eine gute und eine schlechte Seite. Die gute Seite ist, dass der Kunde ein perfekt aufeinander abgestimmtes Produkt bekommt. Bei iOS arbeiten alle Dienste und Apps Hand in Hand. Das Schlechte daran ist, dass der Nutzer nichts verändern darf. Er kann keine anderen Kartendienste benutzen, und keine alternative Suchmaschine im Safari-Browser, weil der als Standardsuchmaschine nur Google, Yahoo oder Bing anbietet.

ZEIT ONLINE: Braucht der Nutzer die denn unbedingt?

Segalowitsch: Keine Suchmaschine kann alle URLs der Welt lesen. Es kann also passieren, dass der Nutzer bei einer Suchmaschine nicht findet, was er sucht. Bei Yandex gibt es deshalb am Ende jeder Ergebnisseite einen direkten Link zu anderen Suchmaschinen. Das machen wir schon immer so, seit dem ersten Tag. Rund ein Prozent unserer Nutzer lässt sich auch die Ergebnisse anderer Suchmaschinen anzeigen. Und wir finden das absolut in Ordnung.

ZEIT ONLINE: Wenn Sie Yandex nicht in Apples iOS-Kosmos integrieren dürfen, dann wenigsten in den von Googles Android?

Segalowitsch: Android war ursprünglich eine Open-Source-Software. Die voreingestellten Google-Dienste sind kein direkter Bestandteil von Android. Man kann an den Programmierschnittstellen ansetzen, damit die Nutzer die Android-Google-Welt auch mal verlassen können. Android wieder mehr öffnen – das wäre unserer Meinung nach der richtige Weg. Dafür müssen wir nur noch ein paar Verbündete finden.

ZEIT ONLINE: In Europa werden die Rufe nach staatlicher Regulierung der Monopolisten lauter.

Segalowitsch: Vielleicht ist die Debatte in Deutschland oder Europa eine andere, weil es keinen großen europäischen Player gibt, der den amerikanischen Konzernen Konkurrenz machen kann. Yandex ist da in Russland in einer anderen Position.

ZEIT ONLINE: Sie müssen sich in Russland nicht nur mit der Konkurrenz auseinandersetzen, sondern auch mit der Politik. Letzten Sommer verabschiedete der Kreml ein Gesetz, nach dem "gefährliche Inhalte" ohne richterlichen Beschluss aus dem russischen Internet verbannt werden dürfen. War das der erste Schritt, um eine Infrastruktur für Zensur zu schaffen?

Segalowitsch: Yandex hat damals mit einem Banner auf der Startseite protestiert. Uns gefiel vor allem das Verfahren nicht. Wir waren schon lange im Gespräch mit der Regierung, es ging um sichere Internetzugänge an den Schulen. Und plötzlich, innerhalb weniger Wochen, wurden alle Pläne geändert und ein völlig neues Gesetz entworfen, in dem es um Netzwerke und Filter ging. Das Parlament hat das dann ganz schnell durchgewunken. Wenn man sich das Gesetz jetzt anschaut, dann ist es sicher nicht das bestgeschriebene Gesetz der Welt, auch nicht das schädlichste. Die Frage bleibt allerdings, wie es ausgelegt werden könnte. Bislang wird es nicht missbraucht. Es gibt zwar eine schwarze Liste, aber die beschränkt sich tatsächlich auf illegale Pornographie sowie Selbstmord- und Terrorismus- oder Extremismus-Propaganda.

ZEIT ONLINE: Was würde Yandex tun, wenn es zu einer politisch motivierten schwarzen Liste käme?

Segalowitsch: Yandex sollte so neutral wie möglich sein. Wir sind nicht politisch, wir sind nur eine Suchmaschine. Aber wenn das Gesetz uns inhaltlich einschränken würde, und wenn beispielweise Google Ergebnisse zeigen dürfte, die Yandex nicht zeigen darf, dann wäre das für uns auch geschäftlich ein Nachteil. Das würden wir dann auch deutlich machen.

ZEIT ONLINE: Sie haben sich – nicht als CTO von Yandex, sondern als Privatperson – im letzten Jahr auch politisch engagiert. Sie haben eine App mitentwickelt, mit der jeder Smartphone-Besitzer Wahlfälschungen melden kann. Und Sie haben eine symbolische Internetwahl mit ausgerichtet, bei der die Wähler sich über ihre Handys ausweisen mussten. 

Segalowitsch: Ich bin kein politischer Mensch, ich gehöre keiner Partei an, aber die Technologie interessiert mich. Bei der Internetwahl ging es für mich um die Frage, wie man elektronische Wahlen sicher machen kann. Mittlerweile kann man Authentifizierungsprozesse über Smartphones oder andere Geräte durchführen. Deshalb habe ich angeboten, bei der Entwicklung dieser Technologie mitzuhelfen. Wir konnten beweisen, dass die Technik perfekt funktioniert hat. Alle Ängste, die im Vorfeld geäußert wurden, – dass das Wahlverfahren anfällig für Manipulation, Betrug oder Störung sei – haben sich nicht bewahrheitet.

ZEIT ONLINE: Die Internetwahl war nur ein Test, die App gegen Wahlbetrug dagegen haben Sie für die realen Präsidentschaftswahlen in Russland konzipiert. Kann das Internet helfen, Demokratie besser und transparenter zu machen?

Segalowitsch: Die App macht die Kontrolle vor Ort sehr einfach. Man arbeitet eine Checkliste ab: Sind die Bücher in Ordnung, war das Wahllokal pünktlich geöffnet, hatten die Wähler Zugang zu den richtigen Wahllisten? Wenn Sie ein unerfahrener Wahlbeobachter sind, hilft das ungemein. Insgesamt wurde die App 11.000 Mal runtergeladen und rund 6.000 Wahlberichte wurden eingeschickt.

ZEIT ONLINE: Sie sind einer der bekanntesten Internetunternehmer Russlands. Wie gefährlich ist es selbst für Ilja Segalowitsch, die Regierung zu kritisieren?

Segalowitsch: Ich versuche nicht, irgendwen zu kritisieren. Aber wenn es bei Wahlen keine Übereinstimmungen zwischen den abgegebenen Stimmen und den Einwohnerstatistiken gibt, dann sollte das thematisiert werden. Das ist nicht Politik, das ist Mathematik. Ich würde die Daten gerne genauer analysieren. Es gibt in Russland so viele Probleme mit irgendwelchen Extra-Wählern auf Extra-Listen. Es gibt Leute, die wählen mehrfach, an unterschiedlichen Orten. Das wirft Fragen auf. Keine davon wurde nach den Wahlen im Frühling 2012 beantwortet.

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Leserkommentare
  1. ...entscheiden muss, ob ich meine Suchanfragen in den amerikanischen oder russischen Sumpf werfe, dann ist mir google lieber.
    Überigens hat Yandex noch eine menge zu tun,
    eine Suchanfrage nach "silhouette" in bildern liefert eine menge 'Schrott'

    • bvdl
    • 20. Februar 2013 19:18 Uhr

    ...koennen Sie nicht einmal einen Artikel verfassen, in dem nicht (schon durch die suggestiven Fragen) in epischer Breite erklaert wird, wie boese doch das Putin-Russland ist? das wird langsam langweilig...

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