Die Beteiligungsplattform LiquidFeedback, so wie sie bei der Piratenpartei eingesetzt wird © Stephanie Pilick dpa

ZEIT ONLINE: Was will Liquid Democracy?

Andreas Nitsche: Für uns ist das ein Organisationsprinzip, das die Nachteile der beiden Demokratieformen kompensieren will: Direkte Demokratie führt zu einer Überforderung der Menschen; parlamentarische Demokratie hat zwar den Vorteil der Arbeitsteilung, ist dafür aber statisch – wer mitmachen will, muss sich wählen lassen. Liquid Democracy will die Arbeitsteilung dynamisieren: Jeder beteiligt sich genau da selbst, wo er etwas beitragen will und kann. In anderen Gebieten kann er seine Stimme einem Menschen oder einer Gruppe übertragen, er kann sie an jemanden delegieren, dem er vertraut.

ZEIT ONLINE: Wird nicht mit der Delegation genau der Punkt übernommen, der bei der parlamentarischen Demokratie kritisiert wird? Dass man seine Stimme einmal abgibt, dann aber nicht mehr entscheiden kann, was die Gewählten damit tun?

Nitsche: Eben nicht. Man kann sich jederzeit selbst an einer Diskussion beteiligen oder abstimmen. Wenn man das tut, werden gleichzeitig die eventuellen Delegationen für das Thema ausgesetzt.

ZEIT ONLINE: Könnte eine Liquid Democracy in der Zukunft Wahlen ersetzen?

Nitsche: Es handelt sich um eine Vision, ein Gedankenexperiment. Eine Liquid-Democracy-Gesellschaft lässt sich zwar nicht für alle Zeiten ausschließen. Ich kann allerdings aus heutiger Sicht keinen realistischen Weg dahin sehen.

Es ist beispielsweise unklar, ob die vollständige Aufhebung der Arbeitsteilung zwischen Politik und Bürger, also jeden Bürger zum Politiker zu machen, überhaupt ein sinnvolles Ziel ist. Und es bräuchte eine Gesellschaft, die komplett diskriminierungsfrei ist, in der es keine existenziellen Ängste auslöst, wenn man zu seiner Meinung steht und seine Position vertritt, in der es keine Abhängigkeit zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern gibt.

ZEIT ONLINE: Warum ist es wichtig, dass die Gesellschaft dazu zuerst diskriminierungsfrei wird?

Nitsche: Wir sehen, dass die Menschen nicht mit "maus123" diskutieren wollen, sie wollen nicht vermuten, dass das Gegenüber der eigene Nachbar oder der Schuldirektor ist, sie wollen es wissen. Gleichzeitig baut das System auf Vertrauen auf, denn ich muss ja wissen, an wen ich meine Stimme delegiere. Es geht also nur mit Klarnamen – daher muss sichergestellt sein, dass niemand aufgrund seiner Haltung oder Wahl diskriminiert wird.

Es gibt aber auch technische Hürden. Mit einem Computer kann man nicht wählen. Denn es gibt keinen Weg, über Computer und Internet geheim abzustimmen und das Ganze dabei vertrauenswürdig zu gestalten. Ergebnisse sind einerseits immer manipulierbar und andererseits würde irgendwo die Information anfallen, wer was gewählt hat. Aus dem Grund wurden Wahlcomputer höchstrichterlich abgelehnt. Deswegen sagen wir, LiquidFeedback sollte nur dort benutzt werden, wo namentliche Abstimmungen möglich sind und jeder weiß, worauf er sich einlässt.

ZEIT ONLINE: In der derzeitigen Gesellschaftsstruktur ist es also kein Ersatz für Wahlen, sondern höchstens eine Ergänzung?

Nitsche: Uns erschien, als wir die Software LiquidFeedback programmierten, der direkte Parlamentarismus als wenig praxisnah. Das Problem der direkten Demokratie ist aus meiner Sicht die Überforderung des Einzelnen. Es sind viele Entscheidungen über komplexe Probleme zu treffen. Wir wollten es daher vor allem Parteien und Organisationen anbieten. Dort sammeln sich Menschen, die sich an Politik beteiligen wollen. Außerdem gibt es bei Parteien viel Gestaltungsspielraum, Mitglieder können miteinander die Richtung verhandeln. Das ist in der gesamten Gesellschaft nicht so leicht.

Die repräsentative Demokratie wollten wir gar nicht infrage stellen. Wir wollten erreichen, dass Parteien volksnäher werden. Damit wäre schon sehr viel gewonnen. Und es gibt wirkungsvolle Möglichkeiten – beispielsweise bessere innerparteiliche Demokratie und zusätzliche Kanäle zwischen Bürgern und Abgeordneten: Wenn man beides richtig macht, kann man sowohl die Attraktivität von Parteien für Bürger steigern als auch das Vertrauen der Bürger in die Politik wiederherstellen.

"Wenn Parteien volksnäher sind, wäre viel gewonnen"

ZEIT ONLINE: Nun wird Liquid Democracy aber als große Hoffnung gehandelt, um jene besser an Politik zu beteiligen, die nicht schon in einer Partei sind, oder?

Nitsche: Das finden wir auch durchaus unterstützenswert. Dabei stellt sich aber die Frage, wie das Verfahren legitimiert werden kann. In Parteien kann man eine Urabstimmung machen und so ein solches System verbindlich einführen. Geht es um Bürgerbeteiligung, braucht es aber eigentlich eine gesetzliche Grundlage, um Liquid Democracy als Instrument einsetzen zu können. Das erschien uns immer utopisch. Dann kam der Landkreis Friesland auf uns zu. Die hatten die Idee, es als Bürgerbefragung oder als Eingabe im Sinne der niedersächsischen Kommunalverfassung einzusetzen. Beide Beteiligungen existieren bereits und sind geregelt. So haben die Politiker die Möglichkeit, die Ergebnisse aus dem LiquidFeedback abzuwägen und zu entscheiden, ob sie im Interesse der Gesamtbevölkerung sind oder nicht. Das Versprechen ist, die Vorschläge ernst zu nehmen und sie zu verhandeln. Das ist das Maximum dessen, was man mit Liquid Democracy derzeit machen kann.

ZEIT ONLINE: Demokratie ist mühsam und anstrengend, wer sich beteiligen will, muss sich einarbeiten, muss sich informieren. Kann ein System wie Liquid Democracy so etwas vereinfachen, oder eher nicht?

Nitsche: In der Demokratie herrscht Arbeitsteilung – professionelle und gewählte Politiker arbeiten sich in die Themen ein und entscheiden. An Arbeitsteilung ist solange nichts auszusetzen, wie sie zur Zufriedenheit aller funktioniert. Bei Liquid Democracy muss es nicht unbedingt ein professioneller Politiker sein, der entscheidet, es kann jeder sein. Der Vorteil: Wenn mir als Bürger etwas nicht gefällt, kann ich bei Liquid Democracy viel schneller intervenieren und meine Stimme an jemand anderes übertragen. Es ist aus meiner Sicht daher demokratischer, weil die Beteiligten einem Menschen aufgrund seiner Taten Gewicht geben und nicht beispielsweise aufgrund der Aufmerksamkeit, die er in den Medien genießt. Es bietet die Möglichkeit, dass jemand, der eine brillante Idee hat, auch die entsprechende Aufmerksamkeit in diesem Bereich bekommt und damit auch die Macht verliehen bekommt, das Thema zu verhandeln.

ZEIT ONLINE: Was für eine Form von Demokratie schwebt Ihnen vor?

Nitsche: Eine parlamentarische Demokratie mit Parteien, die jedoch wesentlich volksnäher sind als heute. Indem sie beispielsweise ihren Mitgliedern die direkte Mitbestimmung ermöglichen. Ohne diese gläserne Decke aus Delegierten, die letztlich zur Verselbständigung von Politik führt. Dann würde die parlamentarische Demokratie wieder attraktiver. Man muss das Thema daher gar nicht auf die Ebene von Volksentscheiden und Grundgesetzänderungen holen, denn es spricht ja nichts dagegen, dass Parteien Zusammenschlüsse von Menschen sind, die sich für ein Thema interessieren.

ZEIT ONLINE: Wäre es vorstellbar, dass sich Parteien als Struktur auflösen und sich das Parlament eher nach Themen organisiert, nach Arbeitsgruppen, dich sich zu einem bestimmten Zweck zusammenfinden und unabhängig von der politischen Ausrichtung abstimmen?

Nitsche: Zumindest halte ich es für sinnvoll, den sogenannten Fraktionszwang aufzuheben, um dann nach Proporz abzustimmen. Denn in jeder Partei gibt es Befürworter und Gegner eines Projektes und man könnte ja dementsprechend abstimmen. Dass im Bundestag Anträge der Linkspartei grundsätzlich abgelehnt werden, auch wenn deren Inhalt eigentlich befürwortet wird, ist eine Fehlentwicklung des Systems, die überwunden werden sollte.