Liquid Democracy: "Repräsentative Demokratie wollten wir gar nicht infrage stellen"
Andreas Nitsche, einer der Programmierer von LiquidFeedback, erzählt im Interview, warum flüssige Demokratie das Vertrauen der Bürger in Politik wieder herstellen könnte.
© Stephanie Pilick dpa

Die Beteiligungsplattform LiquidFeedback, so wie sie bei der Piratenpartei eingesetzt wird
ZEIT ONLINE: Was will Liquid Democracy?
Andreas Nitsche: Für uns ist das ein Organisationsprinzip, das die Nachteile der beiden Demokratieformen kompensieren will: Direkte Demokratie führt zu einer Überforderung der Menschen; parlamentarische Demokratie hat zwar den Vorteil der Arbeitsteilung, ist dafür aber statisch – wer mitmachen will, muss sich wählen lassen. Liquid Democracy will die Arbeitsteilung dynamisieren: Jeder beteiligt sich genau da selbst, wo er etwas beitragen will und kann. In anderen Gebieten kann er seine Stimme einem Menschen oder einer Gruppe übertragen, er kann sie an jemanden delegieren, dem er vertraut.
ZEIT ONLINE: Wird nicht mit der Delegation genau der Punkt übernommen, der bei der parlamentarischen Demokratie kritisiert wird? Dass man seine Stimme einmal abgibt, dann aber nicht mehr entscheiden kann, was die Gewählten damit tun?
Andreas Nitsche ist einer der vier Entwickler der Software LiquidFeedback. Die wird unter anderem bei der Piratenpartei und im Landkreis Friesland eingesetzt, um politische Stimmungsbilder zu erstellen und Themen zu debattieren. Im Jahr 2009 begann Nitsche mit Jan Behrens, Axel Kistner und Björn Swierczek, das Programm zu schreiben. Nach wenigen Monaten existierte die erste Version und wurde beim Berliner Landesverband der Piratenpartei eingesetzt.
Nitsche: Eben nicht. Man kann sich jederzeit selbst an einer Diskussion beteiligen oder abstimmen. Wenn man das tut, werden gleichzeitig die eventuellen Delegationen für das Thema ausgesetzt.
ZEIT ONLINE: Könnte eine Liquid Democracy in der Zukunft Wahlen ersetzen?
Nitsche: Es handelt sich um eine Vision, ein Gedankenexperiment. Eine Liquid-Democracy-Gesellschaft lässt sich zwar nicht für alle Zeiten ausschließen. Ich kann allerdings aus heutiger Sicht keinen realistischen Weg dahin sehen.
Es ist beispielsweise unklar, ob die vollständige Aufhebung der Arbeitsteilung zwischen Politik und Bürger, also jeden Bürger zum Politiker zu machen, überhaupt ein sinnvolles Ziel ist. Und es bräuchte eine Gesellschaft, die komplett diskriminierungsfrei ist, in der es keine existenziellen Ängste auslöst, wenn man zu seiner Meinung steht und seine Position vertritt, in der es keine Abhängigkeit zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern gibt.
ZEIT ONLINE: Warum ist es wichtig, dass die Gesellschaft dazu zuerst diskriminierungsfrei wird?
Nitsche: Wir sehen, dass die Menschen nicht mit "maus123" diskutieren wollen, sie wollen nicht vermuten, dass das Gegenüber der eigene Nachbar oder der Schuldirektor ist, sie wollen es wissen. Gleichzeitig baut das System auf Vertrauen auf, denn ich muss ja wissen, an wen ich meine Stimme delegiere. Es geht also nur mit Klarnamen – daher muss sichergestellt sein, dass niemand aufgrund seiner Haltung oder Wahl diskriminiert wird.
Es gibt aber auch technische Hürden. Mit einem Computer kann man nicht wählen. Denn es gibt keinen Weg, über Computer und Internet geheim abzustimmen und das Ganze dabei vertrauenswürdig zu gestalten. Ergebnisse sind einerseits immer manipulierbar und andererseits würde irgendwo die Information anfallen, wer was gewählt hat. Aus dem Grund wurden Wahlcomputer höchstrichterlich abgelehnt. Deswegen sagen wir, LiquidFeedback sollte nur dort benutzt werden, wo namentliche Abstimmungen möglich sind und jeder weiß, worauf er sich einlässt.
ZEIT ONLINE: In der derzeitigen Gesellschaftsstruktur ist es also kein Ersatz für Wahlen, sondern höchstens eine Ergänzung?
Nitsche: Uns erschien, als wir die Software LiquidFeedback programmierten, der direkte Parlamentarismus als wenig praxisnah. Das Problem der direkten Demokratie ist aus meiner Sicht die Überforderung des Einzelnen. Es sind viele Entscheidungen über komplexe Probleme zu treffen. Wir wollten es daher vor allem Parteien und Organisationen anbieten. Dort sammeln sich Menschen, die sich an Politik beteiligen wollen. Außerdem gibt es bei Parteien viel Gestaltungsspielraum, Mitglieder können miteinander die Richtung verhandeln. Das ist in der gesamten Gesellschaft nicht so leicht.
Die repräsentative Demokratie wollten wir gar nicht infrage stellen. Wir wollten erreichen, dass Parteien volksnäher werden. Damit wäre schon sehr viel gewonnen. Und es gibt wirkungsvolle Möglichkeiten – beispielsweise bessere innerparteiliche Demokratie und zusätzliche Kanäle zwischen Bürgern und Abgeordneten: Wenn man beides richtig macht, kann man sowohl die Attraktivität von Parteien für Bürger steigern als auch das Vertrauen der Bürger in die Politik wiederherstellen.







Das Problem bei Liqiud Democracy inhärenten sporadischen Beteiligung ist, dass Menschen stark dazu tendieren, Interdependenzen auszublenden.
Dafür gibt es ein feines Beipiel: Bayern hat seit einem Volksentscheid eines der strengsten Rauchergesetze Deutschlands. Ob in einer Kneipe geraucht werden soll, scheint auf den ersten Blick eine ganz einfache Pro oder Kontra Entscheidung, Genussmittelkonsum der einen gegen die Gesundheit der anderen.
Inzwischen kommt es in Bayern aber massiv zu Anwohnerklagen, weil zum Rauchen vor die Türe des Gastronomiebetriebs gegangen werden muss und das natürlich mit einem Geräuschpegel verbunden ist. Da wird halt draußen weitergeredet und gelacht und nicht stumm am Glimmstengel gezogen.
Diesen Effekt hatten viele Menschen bei der Abstimmung nicht auf dem Schirm. Genauso wenig, wie die damit einhergehende Verschmutzung durch weggeworfenene Kippen im öffentlichen Raum. Denn ein Wirt kann im Gastraum auf sieben Tische mindestens sieben Aschenbecher stellen, aber er kann den Bürgersteig vor seinem Betrieb natürlich nicht mit sieben Aschenbechern zupflastern.
Schon solche auf den ersten Blick eigentlich einfache Entscheidungen führen eben zu Konsequenzen, die nicht intendiert waren, sich aber zwangsläufig ergeben. Es braucht - so denke ich - viele Jahre aktiver politischer Beteiligung und Erfahrung, um Regelungen so zu gestalten, dass unerwünschte Nebeneffekte so gering wie möglich auftreten.
Das kann sporadische Partizipation nicht gewährleisten.
Ich finde das System grundsätzlich gut.
Ein Problem, dass ich sehe, ist, dass es zu einem Großteil von kompetenten und selbstständig denkenden Bürgern betrieben werden muss.
Die Frage ist, wer beeinflusst die Meinung der Bürger? Die "unabhängigen" Medien? Die BILD? Die Öffentlichkeitsarbeit der Konzerne?
Was wir brauchen, sind wirklich mündige, gebildete Bürger, wirklich unabhängige Berichterstattung, gepaart mit wirklicher Macht in der Hand des Volkes.
Alle drei Punkte finde ich utopisch. Aber die Einstiegshürde der Partizipation ist bei Liquid Democracy sehr niedrig. Das finde ich fantastisch. Ich wär dafür.
...wenn der dahinterkommt - und zugegeben, dass wird eine Weile dauern - das er tatsächlich was beeinflussen/verändern kann, dann wird er auch aktiv.
Den einzigen Nachteil den ich sehe, ist der das nicht alle alles interessiert oder betrifft, soll heissen, bei den meisten Themen wohl (gefühlt) nur höchstens ein Drittel der Wähler auch aktiv wäre. Aber das es da um viele verschiedene Sachthemen geht und nicht nur einmal alle vier Jahre mal ein Kreuz machen, wäre selbst das mMn in Ordnung.
Ich würde liquid demokracy zuerst in Gemeinden ausprobieren.
Da sehen Menschen noch am ehesten und recht bald was ihre Entscheidungen bewirken.
Von da kann man dann Schritt für Schritt bis hinauf ins Parlament verbessern, verändern, was auch immer.
Der Bürger ist nicht gebildet oder aufgeklärt genug zu Entscheiden - so haben vor 200 Jahren die Aristorakten argumentiert :-)
...wenn der dahinterkommt - und zugegeben, dass wird eine Weile dauern - das er tatsächlich was beeinflussen/verändern kann, dann wird er auch aktiv.
Den einzigen Nachteil den ich sehe, ist der das nicht alle alles interessiert oder betrifft, soll heissen, bei den meisten Themen wohl (gefühlt) nur höchstens ein Drittel der Wähler auch aktiv wäre. Aber das es da um viele verschiedene Sachthemen geht und nicht nur einmal alle vier Jahre mal ein Kreuz machen, wäre selbst das mMn in Ordnung.
Ich würde liquid demokracy zuerst in Gemeinden ausprobieren.
Da sehen Menschen noch am ehesten und recht bald was ihre Entscheidungen bewirken.
Von da kann man dann Schritt für Schritt bis hinauf ins Parlament verbessern, verändern, was auch immer.
Der Bürger ist nicht gebildet oder aufgeklärt genug zu Entscheiden - so haben vor 200 Jahren die Aristorakten argumentiert :-)
Denn hinter dem Wunsch nach mehr direkter Demokratie versteckt sich allzu oft nur der Wunsch nach dem Ausleben des eigenen kleinlichen Egoismus ("Moderner Flughafen? Ja, bitte, aber nicht vor meiner Tür, und deswegen stimme ich dagegen...!"), der selten über den Tellerrand hinausschaut. Schon gar nicht orientieren sich direktdemokratische Volksentscheide meistens an der Sinnhaftigkeit für das Gemeinwohl. Genau deshalb sollten wesentliche Entscheidungen von übergeordneten Repräsentanten des Volkes mit der entsprechenden Distanz und damit auch Objektivität getroffen werden. Als Ergänzung demokratischer Prozesse scheint "liquid democracy" zu funktionieren - allerdings nicht mehr und nicht weniger.
...wenn der dahinterkommt - und zugegeben, dass wird eine Weile dauern - das er tatsächlich was beeinflussen/verändern kann, dann wird er auch aktiv.
Den einzigen Nachteil den ich sehe, ist der das nicht alle alles interessiert oder betrifft, soll heissen, bei den meisten Themen wohl (gefühlt) nur höchstens ein Drittel der Wähler auch aktiv wäre. Aber das es da um viele verschiedene Sachthemen geht und nicht nur einmal alle vier Jahre mal ein Kreuz machen, wäre selbst das mMn in Ordnung.
Ich würde liquid demokracy zuerst in Gemeinden ausprobieren.
Da sehen Menschen noch am ehesten und recht bald was ihre Entscheidungen bewirken.
Von da kann man dann Schritt für Schritt bis hinauf ins Parlament verbessern, verändern, was auch immer.
Der Bürger ist nicht gebildet oder aufgeklärt genug zu Entscheiden - so haben vor 200 Jahren die Aristorakten argumentiert :-)
Die Besonderheit der sog. "Liquid Democracy" ist nicht nur das Potenzial Bürger in Entscheidungen einzubinden, sondern sie auch an der Vorbereitung (!) zu beteiligen.
Es ist dieser Tage viel über die Piraten zu lesen. Die Journalisten sind nun aber daran gewöhnt die Piraten mit derselben Brille zu betrachten wie den Rest. Das greift meiner Meinung nach zu kurz.
Ich finde die Piratenpartei nicht einmal als Wahlalternative interessant, sondern als eine Art Versuchslabor. Denn dort werden in größerem Stile Beteiligungsformen ausprobiert, die über simple "Ja oder Nein"-Entscheidungen hinausgehen. Über die verschiedenen Formen (Piratenwiki, -pad, -foren uvm.) werden Basismitgliedern die Möglichkeiten geboten, an der Vorbereitung von Entscheidungen teilzunehmen. So wird viel Input generiert und Raum für Debatten geschaffen und es werden die Stimmen gehört, die nicht auf den Parteitagen anwesend sind.
Inwieweit sich das alles auf außerparteiliche Level übertragen lässt, wird sich zeigen, aber bei aller berechtigter Kritik an den Piraten ist deren Arbeitsweise dennoch ein interessanter Versuch das Internet und elektronische Medien zu nutzen. Darüber wird viel zu wenig berichtet, Dauerstreit scheint viel interssanter für die meisten Journalisten und verkalkte Parteifans.
Wir sollten dabei nicht vergessen, dass das alles noch in den Kinderschuhen steckt und noch viel Rumprobieren erfordert. Denn bei all dem Chaos sind die Piraten weder inhaltlich noch prozessual unproduktiv.
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