Aus für Google ReaderKommt das offene Internet an sein Ende?

Google stellt den RSS-Reader ein. Das ist schade für das RSS-Format, das einen großen Fürsprecher verliert. Nun verbreitet allein Facebook News – und das ist nicht offen. von 

Als Google+ aufgebaut wurde, begann das Unternehmen, sich von seinem RSS-Reader zu verabschieden.

Als Google+ aufgebaut wurde, begann das Unternehmen, sich von seinem RSS-Reader zu verabschieden.  |  © Sean Gallup/Getty Images

Google hat sich entschieden, den Google Reader abzuschalten. Das ist ärgerlich für eine kleine Zielgruppe von News-Junkies, zu denen insbesondere Journalisten und Blogger gehören, und es gibt sogar eine Petition für den Weiterbetrieb. Einerseits. Andererseits ist die Einstellung ein Symptom für ein sehr viel größeres Problem, das letztlich jeden im Internet betrifft: ein Symptom für das schrittweise Aussterben offener Standards.

Das Internet wurde als offene Plattform erfunden. Finanziert hat seine Entwicklung zwar das Pentagon, gedacht aber war es für Universitäten und für Wissenschaftler. Sie sollten darüber Informationen austauschen. Gleichzeitig waren Computer damals selten und teuer, Telefonleitungen konnten nur geringe Datenmengen transportieren. Daher sollte das Internet nicht nur Informationen vernetzen, sondern auch Ressourcen, damit nicht nur Wenige etwas von ihnen haben, sondern alle.

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Deswegen kennen die Techniken, auf denen das Internet bis heute basiert, keine Schranken. Das Transportprotokoll TCP/IP oder die Auszeichnungssprache HTML, um nur zwei Beispiele zu nennen, sollen Plattformen sein, um Dinge zu teilen. Eine solche offene Plattform sind auch der Standard RSS (Really Simple Syndication) und sein Bruder Atom.

Mit Google verliert RSS einen Unterstützer

Jedes Blog, jede Website, kann RSS einsetzen und so Informationen anbieten. Weil RSS jedem offen steht, existieren viele Programme, die das Format verstehen und verarbeiten können: Browser, Mailclients, RSS-Reader, Apps. Da nur wenige Daten übertragen werden, lassen sich große Mengen von Informationen sammeln und überblicken, ohne dass allzu viel Bandbreite benötigt wird.

Mit Google Reader wird nun eines der größten und wichtigsten Programme dieses Ökosystems eingestellt. Seine Funktionen lassen sich zwar ersetzen, es gibt diverse Anbieter, die seine Aufgabe übernehmen können und werden. Beispielsweise Feedly. Die Macher haben bereits angekündigt, einen reibungslosen Übergang zu ihrem Reader-Klon zu ermöglichen. Nicht ersetzen aber lässt sich der Glauben an das Format. Wenn so ein wichtiges Unternehmen wie Google sich aus RSS zurückzieht, bedeutet das etwas.

Facebook und Twitter verbreiten nun News

Ein paar Jahre lang war RSS die beste und am weitesten verbreitete Möglichkeit, um sich über aktuelle Nachrichten zu informieren. Ob das ein neuer Post im Lieblingsblog ist oder eine neue Nachricht von der Newssite des Vertrauens – RSS-Reader sammeln diese Informationen und merken sie sich, bis der Nutzer sie gelesen hat. Millionen Websites nutzen das Format daher, um ihre Neuigkeiten zu verbreiten.

Kai Biermann
Kai Biermann

Kai Biermann ist Redakteur im Team Investigativ/Daten bei ZEIT ONLINE. Seine Profilseite finden Sie hier.

Mit RSS sieht der Nutzer jede Veränderung, die auf einer Website erscheint, deren RSS-Feed er abonniert. Die Beschränkung liegt in der Auswahl der Quellen. Was man nicht aktiv abonniert, kann der Feedreader auch nicht verfolgen. Inzwischen aber haben Netzwerke wie Facebook und Twitter diese Aufgabe übernommen. Und mit ihnen wandelte sich das Nutzungsverhalten.

Bei sozialen Netzwerken ist die Zahl der Quellen theoretisch grenzenlos, keine davon muss aktiv ausgewählt werden. Die Beschränkung erfolgt über Filter: Algorithmen und Freundeskreise bestimmen, welche Nachrichten den Nutzer erreichen. Google selbst hat diesen Trend noch verstärkt. 2011 schaltete das Unternehmen im Reader die Möglichkeit ab, Listen und Inhalte mit anderen zu teilen. Offensichtlich sollten die Nutzer zum firmeneigenen Netzwerk Google plus gelenkt werden.

Leserkommentare
  1. Danke für den Link zur Petition. Ich glaube zwar nicht, dass das etwas ändert, aber ein Versuch ist es allemal wert. Ich benutz(t)e den Reader täglich. Wirklich ärgerlich, dass Google diesen Diesnt aufgibt. Feedly habe ich zwar probiert, aber irgendwie ist der Dienst etwas buggy bzw. funktioniert nicht 100% wie der Reader.

  2. Es heißt immer RSS ist nur etwas für Nerds, und dies vielleicht nicht ganz zu unrecht. Ich frage mich aber ob das weniger an der Funktionalität, als einfach am Wording liegt. Für viele wird nicht klar, was RSS ist und was es tut.
    Abonniere ein Webseite. Einfach klar.
    RSS wird integriert werden in viele andere Dienste und dort vielleicht einfach nur nicht mehr so heißen.
    Die Entwicklung des digitalen Lesens insbesondere von längeren Texten ist gerade erst am Anfang.
    Man vergleiche Dienste wie Flipboard oder auch die neue deutsche Longform Reading App dotdotdot.me , die es ermöglicht Texte aus dem Web zusammen mit eBooks in einer Applikation und Library zu lesen, zu verwalten, und mit den Texten zu arbeiten. Für viele dieser Dienste ist eine Technologie wie RSS sehr wichtig, das abonnieren von Webseiten in einem Reader, und wird erhalten bleiben. Nur wir werden RSS vielleicht nicht mehr so nennen.

    6 Leserempfehlungen
    • soykas
    • 15. März 2013 15:41 Uhr

    Große Unternehmen haben es nur selten mit offenen Standards. Wenn sie erst groß genug sind, etablieren sie ihre proprietären Alternativen, die immer ein bisschen bunter und hübscher sind als die Standard-basierte Anwendungen. Leute, das war schon immer so! Der Standard hat jetzt nur noch den Vorteil, dass jemand einen anderen Dienst implementieren kann, der genauso funktioniert. Man sieht aber auch, dass offene Standards nicht jedes Problem lösen: wie übertrage ich meine Feeds von einem Dienst zum anderen, wie übertrage ich Features, die über den Standard hinausgehen?

    3 Leserempfehlungen
    • disc
    • 15. März 2013 15:51 Uhr

    Eigentlich ist das größere Problem nicht das der Reader stirbt, mit allen dessen Folgen, sondern das die API auch abgestellt wird. Auf der basiert nun eine gewisse Menge Programmen, insbesondere auf dem mobilen Markt, die nun entweder ganz aussterben oder vollkommen neu geschrieben werden müssen. Ich bin nun zu einem anderen Reader übergewandelt, nämlich dem Netvibes, der dem Google Reader bis zu den Tastaturkürzeln identisch ist und für die Unternehmen entwickelt zu sein scheint, d.h. mehr Infos, weniger Gimmicks. Das ich aber nun neue Audio-Podcast-Apps für meine tägliche Nachrichten suchen muss, freut mich allerdings weniger.

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  3. 5. Okay!

    Okay, RSS verliert einen prominenten und mächtigen Verbündeten. Aber das ist doch nicht das Ende des Standards. Muss man halt einen anderen RSS Reader bauen oder einen anderen bestehenden benutzen.

    Viel komischer ist die Aussage zu Facebook:
    Einerseits war RSS nur etwas für nerdige News-Junkies (wohl eine Minderheit). Offenbar glaubt man auch, dass diese nerdigen News-Junkies nun nicht in der Lage sind, sich anders zu informieren. und gleichzeitig (obwohl ja nur eine Minderheit betroffen ist) bedeutet das, dass nur noch Facebook die Nachrichten verteilt.

    Das lese ich nicht nur hier, sondern auch andernorts (ganz ohne RSS übrigens) - aber da steckt doch ein Denkfehler drin. Zumindest wird Facebook die Weltherrschaft nicht deshalb übernehmen, weil Google den Reader einstellt. Das ist ja völliger Quatsch!

    2 Leserempfehlungen
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    Die Befürchtung ist, dass mit dem Abschalten des Google-Dienstes erst die Zahl die Nutzer und dann die Zahl der Internet-Seiten, die überhaupt noch RSS anbieten, abnehmen wird.

    Angesichts der bisherigen Marktdominanz des Google-Readers besteht durchaus die Gefahr, dass sich nach dem Abschalten ein Teil der Nutzer einfach abwenden wird. Im Artikel wird ja darauf hingewiesen, dass bereits jetzt die Zahl der großen Homepages mit RSS-Unterstützung im Abnehmen begriffen ist (for your convenience, der Link aus dem Artikel nochmals hier http://trends.builtwith.c... ). Ich hoffe nicht, dass man in zehn Jahren einmal rückblickend konstatieren muss, dass die Einstellung von Google-Reader der Anfang vom Ende von RSS war.

    Schon seit langem (eigentlich von Anfang an) gibt es diesen Trend zum vertikal integrierten Internet in Konzernhänden. Facebook, Microsoft, Apple und natürlich auch Google verhalten sich in dieser Hinsicht zum offenen Internet, wie ein großes Shoppingcenter zum kleinteiligen Einzelhandel in der Innenstadt (einheitliches Corporate design, geschlossener Raum, das Konzept der Stadt in der Stadt usw). Wer fragt da noch nach einem offenen Format wie RSS?

  4. und wird es danach auch noch geben. Verstehe die Aufregung nicht und das Facebook da jetzt in die Bresche springen wird, kann ich mir auch nicht vorstellen, denn viele die RSS Feeds nutzen, werden sich sicherlich nicht bei Facebook prostituieren um an ihre News/Info zu kommen.

    Eine Leserempfehlung
  5. Bitte Entschuldigen Sie Herr Biermann, aber sind sie noch bei Trost? Dieser Artikel ist inhaltlich schlicht und ergreifend Falsch!
    „Um den ist es nicht schade“ und „Das ist ärgerlich für eine kleine Zielgruppe von News-Junkies“ könnten Realitätsferner gar nicht sein! Wenn sie sich vor diesem peinlichen Ausrutscher zumindest etwas kundig gemacht hätte, dann wäre ihnen bekannt, das alleine „The Verge“ zu diesem Thema an die 10 News Meldungen heraus gebracht hat und der Hashtag #GoogleReader nicht einmal eine Stunde nach der Papst Wahl unangefochten 2 Tage ununterbrochen DAS Thema auf Twitter gewesen ist. Dort ist ein Sturm der Entrüstung zu diesem Thema losgetreten und sie betiteln das mit: „ärgerlich für eine kleine Zielgruppe von News-Junkies“ u. „„Um den ist es nicht schade“ ? Das Ende von Google Reader wird einen monumentalen Impact auf sämtliche News Seiten im Internet haben. Dass sie das hier jetzt so herunterspielen, zeigt, dass sie nicht im Geringsten die Tragweite dieser Entscheidung seitens Google verstanden haben…

    7 Leserempfehlungen
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    miteinander umgehen. Ich finde es schade, dass immer wieder in diesem eigentlich guten Leser-Kommentaren einige nicht respektvoll mit den Journalisten umgehen. In diesem Fall: Zu fragen, ob der Journalist noch "bei Trost" sei, geht einfach zu weit. Da nützt es auch nichts, das der Kommentator sich dafür auch noch vorher entschuldigt.

    Solche Kommentare machen aus meiner Sicht das Lesen dieser Seiten unangenehm.

    Vielleicht haben sie einfach nur den Sinn dieser Form der Ansprache nicht verstanden und das ist außerordentlich schade. Denn genau so etwas, macht das lesen solcher Seiten erst wirklich außerordentlich schade. Der Inhalt des Artikels ist inhaltlich schlicht und ergreifend Falsch und selbst ZDnet.de macht sich über den Autor und diesen Artikel lustig. Vielleicht sollten sie versuchen etwas weiter zu denken und zumindest mal versuchen, hinter den Kommentar und dessen Inhalt zu schauen. Dann wäre ihnen diese Peinlichkeit mit ihrem Kommentar jetzt wahrscheinlich erspart geblieben. ;)

  6. Ich empfehle für Mac OS den kostenlosen Open Source Reader „Vienna“:
    http://www.vienna-rss.org/

    Man stellt nach der Installation einfach in den Safari-Einstellungen bei RSS ein, dass Vienna der Standard-RSS-Reader sein soll.
    Fortan genügt in Safari ein Klick auf das RSS-Symbol, und der zugehörige Feed wird in Vienna abonniert.

    Man kann in Vienna die Feed-Vorschau lesen (die oft schon den ganzen Inhalt enthält), man kann die verlinkte Seite mit dem Vienna eigenen Browser ansehen, oder man kann mit rechter Maustaste die verlinkte Seite in Safari öffnen.

    Der Sinn von RSS-Readern besteht darin, dass
    - selten veränderte Seiten, z.B. Blogs, nicht ständig manuell auf Veränderungen überprüft werden müssen. Der Reader zeigt an, ob es etwas Neues gibt.
    - häufig veränderte Seiten besser überblickt werden können, weil man die Überschriften der Meldungen in der Reihenfolge des Eingangs sieht
    - alte Meldungen auch gespeichert werden können und leicht gefunden werden, auch wenn die Originalseite bereits wieder aus dem Netz gelöscht wurde
    - die Darstellung in der Übersicht sehr textbasiert ist. SPIEGELonline ist in der Übersicht eines RSS-Readers etwas ganz anderes als die zugehörige Webseite. Man konzentriert sich leichter auf Inhalte und entdeckt auch unscheinbare Meldungen, die sonst neben Riesenschlagzeilen und sensationellen Fotos untergehen.

    Soviel zum Thema „Nerd“.

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