Terrorbekämpfung : Die Drohnen-Fantasien der EU-Kommission

Drohnen, die Netze verschießen, Reifen durchstechen und Farbe versprühen: Die EU-Kommission erforscht, wie sich flüchtende Autos und Boote aus der Luft stoppen lassen.

Eine Drohne, die Autos mit Netzen einfängt – das klingt verrückt, aber die EU-Kommission kann sich so etwas durchaus vorstellen. Sie hat Anfang des Jahres ein Forschungsprojekt namens Aeroceptor ins Leben gerufen, in dem mehrere Hochschulen und Rüstungsunternehmen herausfinden sollen, wie Drohnen ein flüchtendes Auto oder Boot stoppen können, ohne es gleich zu bombardieren.

Das Ziel ist es, "nicht kooperative Fahrzeuge" aufhalten zu können, ohne Einsatzkräfte, Insassen und unbeteiligte Dritte zu gefährden. So steht es in der Projektbeschreibung. Beispiele seien Schmugglerfahrzeuge oder Terroristen mit einer Autobombe.

Die Europaabgeordnete Sabine Lösing und der Bundestagsabgeordnete Andrej Hunko von der Linken wollten wissen, welche Maßnahmen die EU-Kommission dabei im Sinn hat. Die Antwort aus Brüssel im Wortlaut:

  • elektromagnetische Störungen zur Blockierung der Motorelektronik
  • Netze, in denen sich Räder von Fahrzeugen oder Propeller von Booten verwickeln
  • Spezial-Polymerschaumstoff, der allmählich verhärtet und das Fahrzeug zum Halten bringt
  • Vorrichtungen zum Durchstechen der Reifen
  • Farbmarkierungen und Lautsprecher.

"Polizeifantasien aus Entenhausen" nennen die beiden Linken das, von der EU unterstützt mit 3,5 Millionen Euro und angesetzt auf drei Jahre. Federführend in dem Projekt ist das Instituto Nacional de Técnica Aeroespacial (Inta) in Madrid. Beteiligt sind das spanische Innenministerium und weitere Forschungseinrichtungen aus Spanien, Italien, Österreich, Polen, der Türkei, Israel sowie das Rüstungsunternehmen Israel Aerospace Industries (IAI) und das israelische Ministerium für Öffentliche Sicherheit.

Die "ethische und rechtliche Dimension" des Projekts solle "gebührend berücksichtigt" werden, heißt es in der Antwort der EU-Kommission, etwa durch "Arbeitspakete" und "Checklisten" sowie die Einbeziehung der spanischen Datenschutzbehörde. Das für die Qualitätssicherung und Risikoanalyse des Projekts zuständige Austrian Institute of Technology (AIT) teilt auf Anfrage mit, "dass das Projekt sehr strengen und transparenten Beurteilungs- und Auswahlkriterien durch unabhängige ExpertInnen einer Ethik-Komission der EU unterliegt".

Patrick Beuth

Patrick Beuth ist Redakteur im Ressort Digital bei ZEIT ONLINE. Seine Profilseite finden Sie hier.

Obwohl mit IAI der Hersteller der flugzeugähnlichen Heron-Drohne einbezogen wird, will sich das Konsortium auf RPAS (remotley piloted air systems, ferngesteuerte Luftfahrtsysteme) mit Rotoren konzentrieren. Das wären zum Beispiel Quadrocopter.

Lösing und Hunko befürchten, dass diese "vor allem" gegen "unerwünschte Migranten an den EU-Außengrenzen" eingesetzt werden sollen, also um Flüchtlingsboote auf offener See aufzuhalten.

In den öffentlich zugänglichen Informationen zum Aereoceptor-Projekt ist davon nur indirekt die Rede. In der Projektbeschreibung heißt es, US-Studien hätten ergeben, das Aufhalten von Fahrzeugen sei oftmals gefährlich für Polizisten und Grenzschützer.

Zu den Vorteilen von Drohnen-Einsätzen gehören demnach unter anderem das geringere Risiko für Überreaktionen durch Einsatzkräfte, mehr Sicherheit für Gesetzeshüter und die angebliche Allwettertauglichkeit der Fluggeräte. Außerdem sei der Einsatz von Drohnen kostengünstig und umweltfreundlich, weil sie wenig Treibstoff verbrauchen.

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Kommentare

32 Kommentare Seite 1 von 4 Kommentieren

Nicht nur Autos, sondern auch Drohnen selbst m. Netzen einfangen

Das würde passieren, wenn der Schuss nach hinten losgeht und sich die Drohne sozusagen selbst im eigenen Netz verfängt (Eigentor) oder von "Terroristen" eingefangen wird.

Noch schlimmer wäre natürlich das Drohnen-Hacking.

Nicht auszudenken, was "Terroristen" mit gehackten Drohnen alles anstellen können.

Ich fürchte, bevor Drohnen auf Demonstranten mit Tränengas losgelassen werden, müssten sie erst einige Sicherheitstests absolvieren, sonst könnte es im schlimmsten Fall unsere Staatsdiener treffen.