Es ist der Fluch des Erfolges: Je besser sich ein Produkt in der Vergangenheit verkauft hat, je mehr Kunden es bereits benutzen, je weiter es im Markt schon verbreitet ist, desto schwerer wird es für den Hersteller, in Zukunft noch mehr davon unters Volk zu bringen. Irgendwann bekommt die schönste Wachstumskurve einen hässlichen Knick.

Es gibt kaum eine Branche und kaum ein Produkt, das von dieser Entwicklung, nicht schon betroffen war. Irgendwann hatte jeder Deutsche einen VW-Käfer, jeder Haushalt einen Fernseher, jeder Manager einen Laptop, jeder Koffein-Junkie seine Espresso-Maschine. Auf Wachstum folgt – bestenfalls – Austausch in einem gesättigten Markt. Und ist es ein großer Markt, dann ist es ein ebenso großes Austausch-Geschäft.

In einer Welt, die den digitalen Durchmarsch des Personal Computers erfolgreich durchlaufen hat, ist es für den Anbieter des dominierenden Betriebssystems dieser elektronischen Revolution nicht anders. Genau in diesem Dilemma steckt Microsoft mit seinem aktuellen Betriebssystem Windows 8. Die Windows-Plattform ist nach wie vor der Motor des PC-Zeitalters, sie verkauft sich zig-Millionen-mal.

Microsoft setzt Milliarden von Dollar damit um – alleine 5,8 Milliarden Dollar im ersten Vertriebsquartal nach dem Windows-Start im Oktober vergangenen Jahres und ein Plus von 24 Prozent gegenüber dem Vorjahresquartal. Und die Zahlen Ende des ersten Quartals 2013 werden natürlich wieder zehnstellig sein.

60 Millionen mal verkauft

Das sind Absatz- und Umsatzzahlen, nach denen sich so mancher Großkonzern die Finger leckte. Warum also reißt dennoch die Kritik nicht ab, dass Windows 8 für den Softwareriesen aus Redmond alles andere als Erfolg sei, dass der Absatz eigentlich enttäusche und das neue Windows im Grunde sogar ein Fehlschlag für Konzernchef Steve Ballmer?

Weil Windows 8 die Antwort auf die Frage nach dem künftigen Wachstum eben noch nicht gibt, sondern bestenfalls andeutet. Im Januar vermeldete Microsoft in seinem Unternehmens-Blog, dass der Absatz des neuen Windows mit rund 60 Millionen Stück seit Marktstart in etwa auf dem Niveau des Vorgängers Windows 7 läge.

Das war eine gute Nachricht, und eine schlechte zugleich: Gut, weil Windows 7 nach dem zurecht gescholtenen Vorläufer Windows Vista ein großer Sprung nach vorne war – technologisch, wie ökonomisch. Eine Schlechte, weil konstante Verkäufe eben kein Wachstum mehr bedeuten.

Das muss aus anderen Geschäftsfeldern kommen als dem traditionellen Geschäft mit Schreibtisch- oder Laptop-Computern. Und hier hat Microsoft in den vergangenen Jahren die Konkurrenz von Apple und Google mit seinen iPad- und Android-Tablet-Rechnern mangels wettbewerbsfähiger Software nahezu unbedrängt davon ziehen lassen. Auch, weil Windows 7 (wohl von der Programmierung aber nicht vom Bedienkonzept) für den Einsatz auf den Flachcomputern gänzlich ungeeignet war.

Jede Menge Erklärungsbedarf

Entsprechend radikal musste der Umbruch in Optik und Design ausfallen, wenn Microsoft mit Windows 8 endlich eine wettbewerbsfähige Tablet-taugliche Plattform auf den Markt bringen wollte. Und genau das ist das vor ziemlich genau einem halben Jahr eingeführte Betriebssystem auch geworden: radikal anders und eine Zumutung für die etablierten Windows-Anwender.

Kein Wunder also, dass sowohl Anwender als auch Hardwarepartner über das neue Windows stöhnen, sich an konzeptionellen Brüchen stoßen und (völlig zurecht) den Verlust des vertrauten "Start"-Buttons bemängeln. Es gab und gibt jede Menge Erklärungsbedarf beim Kunden.

Und die Begeisterung der potenziellen Tablet-Kundschaft für die neue Oberfläche ist – für Microsofts Verhältnisse – noch sehr überschaubar. An die Absatzzahlen von iPad oder Android-Tablets jedenfalls reicht das neue Windows noch nicht heran, selbst wenn Umfragen speziell im Unternehmensumfeld großes Interesse für die entsprechenden Geräte ergibt. Doch das ist eben bisher nicht mehr als ein Versprechen.

Aber reicht das, um Microsoft abzuschreiben, um Windows 8 als Enttäuschung abzutun?