Kaum jemand weiß mehr über die Waffen, die im syrischen Bürgerkrieg eingesetzt werden, als Eliott Higgins. Der 34-jährige Blogger wird in zahlreichen Medien als Waffenexperte zitiert. Die New York Times und Human Rights Watch greifen regelmäßig auf seine Recherchen zurück.

Dabei hat Higgins keinen journalistischen oder militärischen Hintergrund, war nie in einem Kriegsgebiet, spricht kein Arabisch. Er lebt mit seiner Frau und seiner kleinen Tochter in den englischen Midlands, im vergangenen Herbst verlor er seinen Job als Angestellter im Finanz- und Verwaltungswesen. Er muss die Hypothek für sein Haus abbezahlen und weiß nicht, wie. Sein Blog und sein Wissen über Waffen könnten ihm helfen.

Seine Geschichte zeigt auch, wie Journalisten von der Zusammenarbeit mit Bloggern profitieren können – in diesem Fall einem Blogger mit einer Obsession für ein Nischenthema, der sein Wissen fast ausschließlich aus sozialen Medien bezieht.

Higgins durchforstet in seinem beigen Wohnzimmer täglich 200 bis 300 YouTube-Videos. Er vergleicht sie mit anderen Videos, versucht festzustellen, wo genau sie entstanden sind und daraus belastbare Schlüsse zu ziehen. So hat er zum Beispiel aufgedeckt, dass syrische Regierungstruppen verbotene Streu- und selbstgebaute Fassbomben einsetzen. Als die Aktivisten Letzteres behaupteten, erschien es vielen Beobachtern zunächst so absurd, dass sie die Geschichte als Propaganda-Märchen abtaten. Higgins hat außerdem dokumentiert, was für wärmesuchende Raketen die Aufständischen einsetzen, und er hat ihr Arsenal an selbstgebauten Waffen katalogisiert.

Ausgangspunkt für investigative Recherchen

Seinen bisher größten Scoop landete er Anfang des Jahres. Ihm waren Videos aufgefallen, die Aufständische mit kroatischen Waffen zeigen. Es erschien ihm seltsam, da die Aufständischen vor allem durch Plünderungen von Depots der regulären syrischen Truppen an ihre Waffen gelangen – und die hatten nie kroatische Waffen in ihren Arsenalen. Beinah in Echtzeit konnte Higgins auf YouTube nachvollziehen, wie sich die Waffen im Land ausbreiten, von Dara im Süden über Damaskus, Hama und schließlich bis nach Aleppo im Norden. Für die New York Times waren seine Beobachtungen der Ausgangspunkt für eine große investigative Recherche. Die Journalisten kamen zu dem Schluss, dass Saudi-Arabien die Waffen finanziert und versucht hat, sie still und leise nach Syrien zu schaffen.

Higgins betrachtet seine Arbeit genau so: als Ausgangspunkt für weitere Recherchen. Er will seine Funde nicht in einen größeren Zusammenhang setzen oder die Hintergründe dahinter aufklären. "Dafür habe ich nicht die Kontakte und Ressourcen", sagt er. Das überlässt er den Journalisten, die wohl zu den aufmerksamsten Lesern seines Blogs gehören. Und obwohl er Abertausende Videos aus Syrien gesehen haben muss, hat er keinerlei Motivation, in das Bürgerkriegsland zu reisen und dort zu recherchieren. "Es gibt genügend Leute, die einen guten Job machen, die viel Erfahrung haben und trotzdem in große Probleme geraten. Deshalb überlasse ich es denen", sagt er.

Beweise mit Google Maps gesammelt

Angefangen hat alles während des Konflikts in Libyen im August 2011: Ein YouTube-Video zeigte angeblich eine Demonstration in der libyschen Stadt Sabha – eigentlich eine Hochburg Gaddafis. Ein weiteres Indiz von vielen, dass die Tage des Diktators gezählt sind? Nein, das Video war gefälscht, gestellt, Propaganda, sagten dessen Unterstützer im Netz. "Es gab immer zwei Seiten", sagt Higgins. "Also habe ich geschaut, was ich belegen kann." Er hat das Video der Demonstration wieder und wieder angeschaut und Häuser und Straßenkreuzungen, die darauf zu sehen waren, mit Google Maps abgeglichen. Es war eindeutig – die Demonstration hatte in in Sabha stattgefunden.

Zu diesem Zeitpunkt hatte Higgins noch unter dem Pseudonym Brown Moses getwittert und auf der Website des Guardian kommentiert. Er hat sich unermüdlich mit Verschwörungstheoretikern und Trollen angelegt. Aus dem Versuch, der Wahrheit etwas näher zu kommen, ist schließlich sein Blog entstanden. Das Pseudonym hat anfangs für Verwirrung gesorgt – viele hielten ihn für einen dunkelhäutigen Juden. Als sein Blog größere Aufmerksamkeit bekam, legte er seine Identität offen.