WikiLeaksAssange nennt seine Flucht "Teil eines größeren Plans"

Der WikiLeaks-Gründer spricht im ZEIT-Interview über sein Leben in der Botschaft von Ecuador. Er plane als Nächstes, Informationen im Netz fälschungssicher zu machen.

Julian Assange

Julian Assange in der Botschaft von Ecuador in London, beobachtet von der Polizei  |  © Peter Macdiarmid/Getty Images

Julian Assange hat angekündigt, sich "in den nächsten Jahren" einem neuen Projekt zu widmen. Der Gründer und Sprecher der Enthüllungsplattform WikiLeaks will durch ein von ihm entwickeltes Verschlüsselungsverfahren alle Onlineinformationen fälschungssicher machen, um sie "vor jeder Manipulation durch öffentliche wie private Supermächte" zu schützen. Das sagte Assange in einem Interview, das Philosoph Alexandre Lacroix für die ZEIT in der Botschaft von Ecuador in London führte. Dort hält sich Assange seit Juni 2012 auf.

Assange sagte Lacroix, das Internet solle "ein riesiges Gebäude sein, in dem das gesamte Wissen der Menschheit aufbewahrt wird. Heutzutage jedoch können sogar die Fundamente dieses Gebäudes von einem Moment zum anderen zerbröseln. Sie gehören anderen Instanzen als seinen Bewohnern."

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Die Infrastruktur des Internets werde "weitgehend von amerikanischen Firmen kontrolliert". Deshalb könnten gegenwärtig "auf Anforderung des US-Außenministeriums ganze Informationssammlungen aus dem Internet gelöscht werden." Die "einzige praktikable Lösung für dieses Machtproblem" bestehe darin, "unveränderliche und narrensichere Onlineinformationen zu erzeugen".

Assange sagte, er arbeite "an kryptografischen Zertifikaten, die beim Öffnen einer Datei sicherstellen, dass es sich um das Original handelt und nichts daran geändert wurde". Bestehende Verschlüsselungstechnik wie etwa das SSL-Protokoll hält er für nicht sicher. Firmen, die Zertifikate für dieses Verfahren ausstellen, seien korrupt oder bereits gehackt worden.

Der Australier verlässt die Botschaft von Ecuador nicht, weil die britischen Behörden ihn nach Schweden überstellen wollen. Dort soll er wegen Vergewaltigungsvorwürfen gegen ihn eine Aussage machen. Assange fürchtet, von Schweden an die USA ausgeliefert zu werden, wo ihm ein Prozess droht. WikiLeaks hatte in der Aktion Cablegate massenweise Diplomaten-Depeschen und andere, teils als geheim klassifizierte Dokumente von amerikanischen Behörden und dem Militär veröffentlicht.

Was ist WikiLeaks?

"We open governments", ist das Motto von WikiLeaks: "Wir machen Regierungen transparent". Die Organisation bietet eine eine Internetseite, über die sogenannte Whistleblower, Informanten also, geheime Akten und Daten an die Öffentlichkeit bringen können. WikiLeaks verspricht ihnen dabei dank verschlüsselter Kommunikation und nicht abhörbarer Server Anonymität. Gleichzeitig veröffentlicht WikiLeaks das Material auf seiner Seite und macht es damit für jeden zugänglich. Derzeit sind allerdings keine neuen Eingaben möglich.

Die Organisation hat dabei zum Grundsatz, Dokumente nur zu veröffentlichen, wenn sie zuvor auf Plausibilität und Wahrheitsgehalt geprüft wurden.

Cablegate

Eine besonders spektakuläre Veröffentlichung auf WikiLeaks ist unter dem Namen Cablegate bekannt geworden: Im November 2010 hat WikiLeaks mit der Veröffentlichung von etwa 250.000 Berichten US-amerikanischer Diplomaten begonnen.

Neben Depeschen, die US-Botschafter über internationale Politiker angefertigt hatten, kamen dabei auch weitere Informationen zu den von Amerika geführten Kriegen ans Licht, aber auch Einschätzungen zur Situation Nordkoreas, den Staaten Südamerikas und dem iranischen Atomprogramm

Am 7. Dezember 2010 wurde der Gründer der Seite, Julian Assange, in England verhaftet, weil gegen ihn ein Haftbefehl aus Schweden vorliegt. Dort wird ihm Vergewaltigung vorgeworfen. Assange bestreitet den Vorwurf. Die schwedische Justiz sagt, dass der Haftbefehl in keinem Zusammenhang mit den Veröffentlichungen durch Assanges Projekt steht. Er selbst behauptet, es handele sich nur um einen Vorwand, um WikiLeaks von der Veröffentlichung weiterer Dokumente abzuhalten.

Die Debatte um WikiLeaks

Fest steht, dass die Cablegate-Veröffentlichungen weltweit Interesse erregten. Vor allem in den USA riefen sie heftige Proteste der Regierung hervor und konservative Politiker forderten, Assange dafür einzusperren. In vielen Ländern führten sie zu einer Diskussion über den Nutzen von WikiLeaks und über die Zukunft der Diplomatie: Was geschieht mit den internationalen Beziehungen, wenn im Zweifel jedes geheime Dokument an die Öffentlichkeit gelangen könnte?

Dabei werden von einigen Kritikern auch die Absichten von Julian Assange und seiner Organisation in Zweifel gezogen. Sie sind der Meinung, dass Transparenz kein Selbstzweck sein dürfe, WikiLeaks also nicht ausnahmslos alle ihm zugespielten Dokumente ohne Rücksicht auf die Folgen veröffentlichen dürfe.

Wobei WikiLeaks selbst immer wieder betont hatte, dass genau das nicht geschieht und dass aus den Dokumenten beispielsweise Namen herausgefiltert würden, um Menschen nicht zu gefährden. Assange bezeichnet sich deshalb inzwischen auch als Chefredakteur, als jemand mit journalistischem Selbstverständnis, wozu gehört, nicht jede Information auch zu veröffentlichen. Mit der nun erfolgten Veröffentlichung aller unbearbeiteten US-Botschaftsdepeschen ist WikiLeaks aber zum ersten Mal von den eigenen Grundsätzen abgewichen.

Frühere Leaks

Gegründet wurde die Plattform von Assange im Jahr 2006. Im Jahr darauf erlangte sie weltweite Bekanntheit, als sie die Richtlinien des US-Militärs veröffentlichte, aufgrund derer im Gefangenenlager Guantánamo Bay die Insassen behandelt und gefoltert wurden.

Im Juli 2010 veröffentlichte die Organisation zuerst geheime Militärdokumente aus dem Afghanistan-Krieg (die Afghan War Diaries) und im Oktober Dokumente aus dem Irakkrieg (Iraq War Logs).

Berichte über WikiLeaks und die Debatte um die Veröffentlichungen haben wir nach Themen sortiert auf einer Übersichtsseite für unser Projekt ZEIT für die Schule zusammengestellt. Die gesamten veröffentlichten Artikel zu WikiLeaks finden Sie auch auf der Schlagwortseite.

Die Flucht in die Botschaft sei "Teil eines größeren Plans" gewesen, sagt Assange. "Ich bin nicht zufällig in dieses Gebäude hineinspaziert. Das war eine strategische Entscheidung." Auf die Frage, wo er sich selbst in zehn Jahren sieht, antwortete Assange: "Wenn sich die Welt in die richtige Richtung entwickelt und die Völkergemeinschaft der freien Meinungsäußerung wohlgesonnen ist, wenn staatliches Handeln transparenter wird, dann wird man meine Aktivitäten überdenken und in einem besseren Licht sehen. Man wird dann die Rolle würdigen, die WikiLeaks bei der Aufdeckung von Kriegsverbrechen im Irak und in Afghanistan spielte, man wird anerkennen, dass Cablegate den Arabischen Frühling mit vorbereitet hat." Sollte sich die Welt aber anders entwickeln, "dann werde ich wahrscheinlich irgendwo eingesperrt sein".

Lesen Sie das ganze Interview mit Julian Assange in der am Donnerstag erscheinenden Ausgabe der ZEIT.

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Leserkommentare
  1. Es wirkt, mit dem Hintergrundwissen der letzten Jahre, ein wenig wie die Gedanken eines paranoiden Menschen mit dem Selbstverständnisses eines Messias.

    Wie er Wikileaks geführt hatte könnte auch den Schluss nahelegen, dass er einfach nur lieber die Kontrolle über das Internet und vor allem über "die Wahrheit" in seinen Händen haben möchte.

    Wahrscheinlich ist er in zehn Jahren vergessen und ist in der ecuardorianischen Botschaft so eine Mischung aus Hausmeister und IT- Administrator.

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    • Bashu
    • 24. April 2013 14:58 Uhr

    Assange sollte sich an dem messen lassen, was er mit Wikileaks bewirkt hat. Da wäre eine (für viele Regierungen schmerzhafte) Transparenz und nicht zuletzt die Aufklärung von Kriegsverbrechen. Wären die Täter Islamisten statt US-Militärs, hätte er in den USA einen Orden dafür bekommen anstatt Morddrohungen aus US-Politikerkreisen(!) zu erhalten.

    Ob der Mann in seinem Privatleben völlig sauber ist und ob er mit oder ohne Kondom Sex hat, ist nicht nebensächlich aber auch nicht von primärem Interesse. Außer vielleicht Jesus Christus hat so jede Lichtgestalt ihre Schattenseiten und Höneß ist kein schlechter Manager, weil er Steuern hinterzogen hat.

    Die Paranoia, nebenbei gesagt, würde ich ihm nicht ankreiden. Das gehört zu einem gesunden Berufsprofil, wenn man sich mit sämtlichen Geheimdiensten der Welt anlegt.

    Wir brauchen ein System von Whistleblowern wie Wikileaks, da die Zeitungen ihrer Aufgabe als vierte Säule der Demokratie nicht gerecht werden (können).

  2. "die Völkergemeinschaft der freien Meinungsäußerung wohlgesonnen ist, wenn staatliches Handeln transparenter wird"

    Das ist nun wohl sein Anliegen. Dann wundert es mich, warum er dies hier in der Zeit veröffentlichen kann. Unzensiert.

    2 Leserempfehlungen
    • Bashu
    • 24. April 2013 14:58 Uhr

    Assange sollte sich an dem messen lassen, was er mit Wikileaks bewirkt hat. Da wäre eine (für viele Regierungen schmerzhafte) Transparenz und nicht zuletzt die Aufklärung von Kriegsverbrechen. Wären die Täter Islamisten statt US-Militärs, hätte er in den USA einen Orden dafür bekommen anstatt Morddrohungen aus US-Politikerkreisen(!) zu erhalten.

    Ob der Mann in seinem Privatleben völlig sauber ist und ob er mit oder ohne Kondom Sex hat, ist nicht nebensächlich aber auch nicht von primärem Interesse. Außer vielleicht Jesus Christus hat so jede Lichtgestalt ihre Schattenseiten und Höneß ist kein schlechter Manager, weil er Steuern hinterzogen hat.

    Die Paranoia, nebenbei gesagt, würde ich ihm nicht ankreiden. Das gehört zu einem gesunden Berufsprofil, wenn man sich mit sämtlichen Geheimdiensten der Welt anlegt.

    Wir brauchen ein System von Whistleblowern wie Wikileaks, da die Zeitungen ihrer Aufgabe als vierte Säule der Demokratie nicht gerecht werden (können).

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    Antwort auf "Gestörtes Selbstbild"
  3. Die Scotland Yard Mitarbeiter warten jahrelang vor der Botschaft auf Assange und kriegen vom vielen Kaffeetrinken einen Herzkasper. Gerne würde ich mal eine Dokumentation über Assanges Leben in der Botschaft sehen. Hat er dadrin einen Internetanschluss? Was macht er so die ganze Zeit? Wäre bestimmt interessant. Vielleicht könnte RTL ein Promispezial von BigBrother dort mit ihm drehen.

    2 Leserempfehlungen
    • bnt
    • 24. April 2013 15:40 Uhr

    Diese seltsame Ankündigung von einer Technologie, die alles "Wissen" vor "Fälschung und Manipulation" bewahrt, zeugt m.E. von einem eher unreifen Charakter einer Person, die sich selbst offenbar zu einer Art Wahrheitsguru stilisieren möchte.
    Die Wahrheit, die ja immer ausschließlich von bösen Regierungen und verschwörerischen Weltorganisationen manipuliert wird, soll also dadurch geschützt werden, dass der Urheber dieses Wissens dafür sorgt, dass das Wissen nicht im Nachhinein technisch verändert werden kann? Und was hindert irgendjemanden daran, das Wissen nach eigenem Gutdünken einfach neu zu produzieren und seinerseits als unverfälscht in dieses ominöse Internet-Weltwissen einzufügen? So simpel ist das eben nicht mit der absoluten Wahrheit...

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  4. Ja das internett .... nun wenn er es dann endlich geschaft hat das Dokumente nicht mehr gefälscht werden können ( zumindest nicht imInternett wo sie überprüft werden ) kann er ja auch endlich mal seine aussage in Schweden machen.

    Ehrlich, was ist so schwer daran die Statsanwalfschaft dort anzurufen und " ich verweigere meine aussage " auf band zu sprechen, so das der Protzess weiter gehen könnte und die klagepunkte offengelegt werden müsten und so die welt erfahren würde was los war .....

    Eine Leserempfehlung
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    • GDH
    • 25. April 2013 12:58 Uhr

    "Ehrlich, was ist so schwer daran die Statsanwalfschaft dort anzurufen und " ich verweigere meine aussage " auf band zu sprechen"

    Eine telefonische Vernehmung sowie eine Vernehmung in GB ist von schwedischer Seite immer wieder abgelehnt worden (warum, das fragt man sich tatsächlich):

    http://www.zeit.de/politik/ausland/2012-09/ecuador-auslieferung-assange

    http://www.zeit.de/politik/ausland/2012-08/fall-assange-chronologie

    Zitat aus dem zweiten Artikel: "Die schwedische Staatsanwaltschaft lehnt ein Angebot ab, Julian Assange in der Botschaft Ecuadors zu vernehmen. Er müsse in Schweden verhört werden."

  5. War in Brüssel an dem Dreamwork set von:

    http://en.wikipedia.org/wiki/The_Fifth_Estate_(film)

    Bin gespannt welches der vielen Gesichter von Assange ende 2013 vorgestellt wird :)

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    Daniel Brühl in der Hauptrolle, ein Drehbuch aus der Sicht des Unsymphaten Domscheit-Berg, und die Regie führt einer, der zwei Twilight-Filme verbrochen hat...

    Man kann von Assange halten, was man will, aber das hat er wirklich nicht verdient.

    • yato
    • 24. April 2013 16:10 Uhr

    wenn sie den mut und die entschlossenheit zur aufklärung von kardinalslügen und unglaublichen kriegsverbrechen von assange als gestört und paranoid bezeichnen, dann bekomme ich schwere zweifel an ihrer ethischen und demokratischen orientierung.

    nach demokratischen masstäben (mal bei wikipedia unter "Demokratie" nachschlagen) und mit hintergrundwissen wird julian assange und bradley manning zukünftig der friedensnobelpreis gehören.

    falls nicht, dann gewöhnen sie sich schon mal daran das wort "demokratie" im glorreichen westen nur noch mit dem selben hohn auszusprechen wie das "D" im wort DDR!

    9 Leserempfehlungen
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    • Bashu
    • 24. April 2013 18:14 Uhr

    Den Friedensnobelpreis haben doch Obama und das Bürokratiegewulst EU.
    Ich glaube nicht, dass sich Assange und Manning da einreihen wollen.

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  • Quelle ZEIT ONLINE, pb
  • Schlagworte Botschaft | WikiLeaks | Schweden | USA | Ecuador | London
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