Merkel-Chat : "Haben Sie ihr Mikrofon angeschaltet?"

Zum zweiten Mal versuchte Angela Merkel, mit Bürgern im Netz zu sprechen. Ihr Videochat zum Thema Integration war besser als der letzte Versuch, aber nicht ohne Probleme.

Der Dalai Lama hat es getan, UN-Generalsekretär Ban Ki-moon ebenfalls und US-Präsident Barack Obama sogar schon zweimal: Sie alle nutzten den Videochat Google Hangout, um in Echtzeit mit Internetnutzern zu diskutieren. Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel hat sich nun erstmals der noch immer recht neuen Technik gestellt. Eine Stunde lang sprach sie mit sechs ausgewählten Bürgern und Bürgerinnen. Das Thema des Chats: Integration.

Schon einmal hatte sie sich den Bürgern im Netz gestellt. Im November 2011 beantwortete sie auf YouTube zehn vorab ausgewählte Fragen. Die Aktion floppte. Zu staatstragend und floskelhaft waren die Antworten der Bundeskanzlerin. Das Format bot keinen Dialog, sondern spröde Antworten aus der Politkonserve, die sich problemlos mit den hölzernen Botschaften aus dem YouTube-Kanal der Bundesregierung messen konnten.

Nun folgte der zweite Versuch mit Google Hangout. Die Technik verspricht zumindest mehr Diskussion als eine klassische Frage-Antwort-Situation. Bis zu zehn Menschen können sich gleichzeitig in die Runde einklinken, alle anderen können zusehen und die Geschehnisse kommentieren. Seit Google die Funktion im vergangenen Sommer für alle Nutzer freigeschaltet hat, nutzen viele alternative Talkrunden die kreativen Möglichkeiten des Videochats. Der "digitale Bürgerdialog" der Bundesregierung soll vor allem die jüngeren Bürger ansprechen, die Politik und Nachrichten nicht mehr über die klassischen Medien, sondern immer häufiger auf Plattformen wie YouTube konsumieren.

Sechs ausgewählte Gäste

Um Punkt 17 Uhr, einem für viele Arbeitnehmer wohl eher unglücklich gewählten Zeitpunkt, begrüßte der Moderator Marc Weiß die Gäste. Neben der Bundeskanzlerin waren das sechs Menschen, die sich auf unterschiedliche Weise für Integration einsetzen. Fast alle Teilnehmer gehörten dem erweiterten Bildungs- und Arbeitssektor an, und unterstützen in ihrer Position Migranten bei der Suche von Sprachkursen, von Arbeits- oder Studienplätzen. Sie schilderten der Kanzlerin zunächst ihre Tätigkeit und anschließend die Probleme und Fragen, die ihnen dabei begegnen. Es ging um Themen wie die Schwammigkeit des Integrationsbegriffs, um Sprachförderung, um Bürokratie und Integrationsverweigerer – an die Merkel im Übrigen nicht glaubt: "Niemand will ein Leben auf Arbeitslosenhilfe oder Hartz IV aufbauen", sagte die Kanzlerin.

Merkel wirkte in ihren Antworten insgesamt weniger steif als noch bei ihrem letzten YouTube-Ausflug, zeigte sich engagiert und interessiert, ohne dabei mit wirklich überraschenden Aussagen zu trumpfen. Oft gehörte Zitate wie "Der Islam gehört zu Deutschland" und das bekannte Versprechen, etwaige Probleme weiter an die zuständigen Vertreter des Kabinetts zu tragen, blieben erwartungsgemäß nicht aus.

Und doch ließ sich auch Merkel die eine oder andere menschliche Reaktion entlocken. Als etwa ein Teilnehmer stumm blieb, versuchte sich die Kanzlerin im Computer-Support: "Haben Sie ihr Mikrofon angeschaltet, so ein roter Knopf oder so?", fragte sie in die Runde und sorgte damit für unfreiwillige Lacher. Am Ende unterbrach sie sogar den Moderator, als dieser bereits Schluss machen wollte: Merkel räumte jedem Teilnehmer noch die Zeit für ein kurzes Statement ein. In Momenten wie diesen schien die Distanz zwischen Politikern und Bürgern kurzzeitig gebrochen.

Wenig Zeit, viel Spam

Gleichzeitig offenbarten sich die Probleme des Formats. Eine Stunde Sendezeit ist für acht Teilnehmer zu knapp bemessen. Erst nachdem jeder seine Frage an die Kanzlerin gestellt und sie geantwortet hatte, begann die eigentliche Diskussion, wurden Gegenfragen gestellt und nachgehakt. Da war bereits die Hälfte der Zeit um. Zu kurz kamen ebenfalls die Fragen der Nutzer: Über 500 Fragen gingen allein auf der Website des Zukunftsdialogs in den vergangenen Wochen ein. In den Hangout schafften es am Ende lediglich drei, keine davon war besonders provokativ.

Überhaupt war die Veranstaltung kein gänzlich spontaner Chat zwischen Bürgern und Politikern, sondern vielmehr ein Experiment in kontrollierter Umgebung. So wurden nicht nur die Teilnehmer bewusst ausgewählt, Merkel war auch bereits mit ihren Arbeiten und Thesen vertraut, wie sie an einer Stelle sagte. Sie konnte sich also vorbereiten. Die Breite des Themas kam ihr dabei sicherlich zugute. Und so war die Aktion für Merkel letztlich wenig mehr als eine traditionelle Talkrunde, die zur Abwechslung eben nicht im Fernsehen, sondern im Web stattfand. Das ist nicht schlecht, die Aktion zeigt, dass Merkel aus dem letzten Versuch gelernt hat. Aber es ist eben auch keine Offenbarung auf dem Weg zu mehr Transparenz und Bürger-Engagement.

Daran wird sich wohl so schnell nichts ändern. Dass sich Bürger eines Tages in einen Chat mit der Kanzlerin einklinken und ihr Fragen stellen können, die nicht vorher abgesprochen und ausgewählt wurden, scheint unwahrscheinlich. Zu groß ist die Gefahr von Albernheiten und persönlichen Angriffen, wie auch die Kommentare im dazugehörigen Chat zeigten: Vor lauter Spam und Profanität war eine Diskussion nicht möglich. Ausgerechnet der gegenseitige Austausch, das wichtigste Instrument einer Online-Veranstaltung, wurde verweigert. Und zwar in diesem Fall nicht von der Politik, sondern von den Bürgern.

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Kommentare

28 Kommentare Seite 1 von 5 Kommentieren

tja..die Medienlogik der Politik

einfach dämlich ,wenn sich die Politik immer an den USA orientiert.Nun ja, wirklich tragisch, dass die Mehrheit der Bürer vermutlich nur noch im Netz anzusprechen ist.
bestes Beispiel: Nahles und ihre PseudoObama Wahlkampf.
Schlechtere Plagiate gibts nicht.
Zumindest bei NAhles spielt natürlich auch eine ANpassung auf die Auswahllogiken der Medien eine Rolle