Vier von fünf Killerspiel-Spielern sind laut einer Studie zu fett für Amokläufe. Griechenland spekuliert auf den eigenen Staatsbankrott. Die Burkaburka verhüllt das Symbol weiblicher Unterdrückung und um das Telefongeschäft bangende Netzbetreiber wollen das Internet für immer abschalten.

Knapp 1.800 solcher satirischer Artikel hat Stefan Sichermann bisher geschrieben, Hunderte Kalauer im Newsticker-Stil verbreitet, ein Buch geschrieben und eine Handvoll Pseudo-Nachrichtenvideos produziert. Der Gründer und Betreiber der Satire-Website Der Postillon bereut nichts davon – außer einer einzigen Mail: "Vor ein paar Jahren hat mir ein vielleicht elfjähriger Junge geschrieben, dass er leider sofort als Zeitungsausträger bei der ostwestfälischen Wochenzeitung Postillon kündigen müsste, wegen Stress in der Schule", sagt Sichermann. "Ich schrieb zurück, dass ich meine Anwälte auf ihn hetzen würde. Am Ende der Mail habe ich die Verwechslung aufgelöst, aber da war der Arme sicher schon total verstört."

Der Junge hatte den Postillon vermutlich gegoogelt. Aber gegen die monatlich rund drei Millionen Seitenaufrufe der Satireseite ist das Wochenblatt im Google-Ranking chancenlos. Mehr als 90 Prozent der Besucher kommen via Facebook auf die Seite, 116.000 Fans hat der Postillon dort mittlerweile.

Stefan Sichermann, der in Fürth lebt, ist so vom Hobby-Humoristen zum Vollprofi geworden. 2011 gab er eine Festanstellung als Werbetexter auf, beantragte und erhielt einen Gründungszuschuss für den Postillon. Mit den Erlösen kann der 32-Jährige seitdem seine kleine Familie versorgen. Im vergangenen Dezember verdiente er rund 2.000 Euro, seitdem sind die Besucherzahlen aber nochmals um die Hälfte gewachsen. Zeit, um wie früher fürs BildBlog zu schreiben, findet er kaum noch.

Vorbild ist The Onion

Das Geschäftsmodell der Ein-Mann-Redaktion ist nicht ungewöhnlich, aber es funktioniert, weil die Kosten niedrig sind. Bannerwerbung sorgt beim Postillon für rund 90 Prozent der Umsätze. "Dabei ist mir wichtig, dass die Werbung nicht nervt – weder optisch noch inhaltlich", sagt Sichermann. "Bei mir werben weder die Deutsche Bank noch irgendwelche Esoterik-Anbieter." Zusätzliches Geld bringen Sichermanns Best-of-Buch, der viermal täglich bei Bayern 3 gesendete Podcast und ein kleiner Merchandise-Shop ein. "Und jedes Flattrn, jede Spende, die noch obendrauf kommt, empfinde ich als große Ehre."

Noch vor fünf Jahren sei er überhaupt nicht netzaffin gewesen, sagt Sichermann. "Ich mochte Konsolenspiele. Aber mit dem Internet wusste ich nichts anzufangen." Ein so blogbegeisterter wie missionarisch veranlagter Kollege in der Werbeagentur bekehrte ihn schließlich. "Um ihn zum Schweigen zu bringen, habe ich irgendwann gesagt: Okay, okay, ich gründe auch ein Blog." Privates allerdings wollte der zurückhaltende Sichermann nicht preisgeben. Also orientierte er sich an der einzigen Website, der er wirklich etwas abgewinnen konnte: The Onion. Die US-Satirezeitschrift berichtet im trockenen Nachrichten-Stil über allerlei Abstrusitäten, mit mal mehr, mal weniger Gesellschafts- und Medienkritik. Sie macht das so nonchalant, dass sie immer mal wieder ernst genommen wird.

Beamtenhafte Routine

So parodiert auch Sichermann seit Oktober 2008 den täglichen Nachrichten-Wahnsinn. Er schreibt zum Beispiel über Nonsens-Studien, afghanische Luftangriffe auf US-Städte und Quotentiefs für den Nahostkonflikt. Spätestens um neun Uhr sitzt er jeden Morgen vor dem Rechner und klickt sich durch die Nachrichtenseiten, gegen 14 Uhr ist der tägliche Artikel fertig. Die geradezu beamtenhafte Routine hilft, ist aber nutzlos ohne eine geeignete Themenidee: "Manchmal eignet sich die überragende Nachricht des Tages so gut, dass ich gar nicht alle Gags unterbringen kann. Manchmal muss ich aber auch gegen 13 Uhr in meine Schublade mit zeitlosen Ideen greifen." Danach warten E-Mails und sonstiger Papierkram.

Eckpunkte der fiktiven Geschichte des Postillon sind das angebliche Gründungsjahr 1845, die Berichterstattung vom 31.12.1899 (der "Century-Bug" bedroht Dampfmaschinen) und die Jahre der NS-Zensur ("Russische Winter immer milder"). Sichermanns größter Erfolg war mit mehr als 100.000 Facebook-Likes der Artikel "Linie übertreten: Rekordsprung aus 39 Kilometern Höhe für ungültig erklärt".

Freundschaftliche Konkurrenz zu anderen Satireseiten

Nun will er wachsen. "Ich würde gern einen festen freien Mitarbeiter einstellen, aber es gibt nur sehr wenige Leute, die das können", sagt Sichermann. Stattdessen testet er nun neue Formate, zuletzt eine Android-App sowie professionell produzierte Video-Nachrichten. Während die App für wenig Geld von einem Fan programmiert wurde, zahlt Sichermann für die Videos derzeit rund 500 Euro pro Folge drauf. Er hofft, sie bei einem Fernsehsender unterbringen zu können. Ein Deal mit Comedy Central sei aber im letzten Moment geplatzt, sagt er.

Sichermann stört allerdings das wachsende Interesse an seiner Person: "Feedback per Mail ist toll, aber die Distanz ist mir lieb. Ich bin keine Rampensau, kein Martin Sonneborn. Hinter dem Rechner fühle ich mich wohl." Wenn er in Fürth auf die Straße geht, wird er von niemandem angesprochen. Doch neulich hat ihn der Kellner aus dem Asia-Restaurant im Erdgeschoss seines Hauses erkannt. Da hat sich Sichermann vorgenommen, Medienanfragen in Zukunft noch rigoroser abzublocken. Für ZEIT ONLINE hat er eine Ausnahme gemacht – auch, um Werbung für andere Satire-Seiten im Netz zu machen.

In der Szene herrscht eine Art freundschaftliche Konkurrenz. Alle verfolgen das Treiben der anderen, stehen per Mail in losem Kontakt und geben einander technische sowie inhaltliche Tipps, abgeschrieben wird nicht, verlinkt umso selbstverständlicher. Neben dem bereits relativ bekannten Kojote-Magazin sind hier etwa NichtDieWelt, Der Elephant oder verquer.org zu nennen. Und Eine Zeitung. Deren Machern Peer Gahmert und Philipp Feldhusen mangelt es nicht an Ambitionen: "Stefan Sichermann vom Thron zu stoßen, ist erklärtes Redaktionsziel." Das ist vielleicht halb ernst gemeint.