Technologiekritik: Nachrichten an niemand Bestimmten
Wer twittert, ist der Selbstdarstellung verdächtig, so Kathrin Passig. Die Kritik sei weder sinnvoll noch neu. Sie hofft, dass Netz-Kommunikation bald akzeptiert ist.
Wer in den neunziger Jahren Selbstgeschriebenes ins Netz stellte, stieß auf Misstrauen. Im Spiegel fragte Hans Joachim Verhufen 1997: "Wen interessiert's, wie der Goldhamster der Familie Meier heißt oder wohin die Schulzes diesmal in Urlaub reisen? Wer will wissen, daß 'in alle Teile Deutschlands der gute Ruf vom Pläfelder Sauerkraut dringt' (…), daß der Electronic-Banking-Spezialist Andre gern die Harald-Schmidt-Show guckt und Evi in Leipzig zwischen Job und Familie hin und her flitzt?" Dass Menschen im Netz lesen wollten, war nachvollziehbar. Aber wo jemand etwas herauslesen will, muss ein anderer erst einmal etwas hineingeschrieben haben.
Zunächst wurde der Großteil der Fragen ans Netz individuell beantwortet – in Newsgroups, in Foren und den frühen Frage-Antwort-Plattformen. Dann begann das WWW allmählich selbst als Nachschlagewerk zu taugen. Aber das öffentliche Hineinschreiben ins Netz blieb weiterhin begründungsbedürftig. "Seelen-Striptease: Wer Homepages baut, hat was zu kompensieren", berichtete Spiegel Online auch noch im Jahr 2004 über eine Studie der TU Chemnitz. Schon die Motivation beim Beantworten von Fragen galt als dubios: Wollten die Antwortenden sich nicht doch nur wichtig machen? Woher nahmen sie das Selbstbewusstsein, zu sagen: "Ich bin qualifiziert, diese Frage zu beantworten?" Umso zweifelhafter war die Motivation, wenn gar niemand konkret nach Andres Fernsehgewohnheiten oder Evis Lebensgestaltung gefragt hatte.
Im Laufe der nächsten Jahre stellte sich heraus, dass Auskünfte zu Spezialistenthemen hin und wieder ganz gelegen kamen und die Informationen über den Goldhamster der Familie Meier oder das Pläfelder Sauerkraut zumindest keinen Platz wegnahmen, der dringend für Wichtigeres benötigt wurde. Der Diskussion um die ungebetene Selbstdarstellung tat das keinen Abbruch. Sie löste sich von der privaten Homepage ab und wanderte ein paar Schritte weiter zum Thema Blogs und YouTube.

Die Journalistin und Schriftstellerin Kathrin Passig schreibt seit vielen Jahren nicht nur ins Internet, beispielsweise hier bei Google+ und hier bei Twitter, sondern auch übers Internet und den Umgang damit. Für ZEIT ONLINE tut sie das künftig einmal im Monat.
Seit täglich dazu aufgerufen wird, sich nicht in die Krakenarme von Facebook zu werfen und stattdessen verantwortungsbewusst und staatsbürgerlich ein eigenes Blog zu führen – wenigstens nebenbei! – ist auch das Blog kein geeigneter Wohnort mehr für den Selbstdarstellungsverdacht. Jetzt bleiben Facebook und Twitter. Facebook steht dabei nicht ganz so sehr in der Schusslinie der Kritik, weil es hier üblicher ist, seine Mitteilungen auf einen Empfängerkreis aus persönlich bekannten Freunden zu beschränken. Wer twittert, schreibt aber für Fremde. Das ist der Kern des Verständnisproblems.
Internetleben findet unter Fremden statt
Der Radiopionier David Sarnoff stieß bei seinen Vorgesetzten auf Unverständnis, als er sich um 1920 für Investitionen in die neue Technik aussprach: "Das Radio hat keinen ersichtlichen kommerziellen Wert. Wer würde denn für Nachrichten bezahlen, die an niemanden Bestimmten gerichtet sind?" Das Zitat ist apokryph, aber plausibel, denn viele frühe Ideen für den Einsatz der Funkübertragung sahen noch eindeutige, dem Sender bekannte Empfänger vor.
Warum und wozu möchten Menschen, die keine Journalisten sind, einfach so mit Fremden kommunizieren? Einen Teil der Antwort hat die Stadtforschung bereits ausformuliert, denn Stadtleben "findet unter Fremden statt", wie der Soziologe Zygmunt Bauman schreibt.
Die Internetkritik der letzten beiden Jahrzehnte verläuft entlang der traditionellen Linien der Großstadtkritik. Der Städter ist geschwätzig, der Landbewohner wortkarg. Stadtmenschen und Internetbewohner arbeiten häufig in Berufen, die sich aus der Sicht der Kleinstadt durch erschreckende Nutzlosigkeit auszeichnen. Ihr Lebensstil ist übermäßig individualistisch und in seinem Individualismus dann doch wieder gar nicht so originell. Wenn man sich nur kurz und selten begegnet, "liegt die Versuchung, sich pointiert, zusammengedrängt, möglichst charakteristisch zu geben, außerordentlich viel näher, als wo häufiges und langes Zusammenkommen schon für ein unzweideutiges Bild der Persönlichkeit im anderen sorgen". So schrieb Georg Simmel 1903 über Twitter, nein, über Die Großstädte und das Geistesleben.







Jeder kann jederzeit seine Meinung kundtun.
Aber ob es irgendjemanden interessiert oder auch nur ein klein wenig die Welt schöner macht, zweifel ich einfach mal an.
Auch der Vergleich zwischen Stadt- und Landbewohner ist recht weit hergeholt und dient doch nur zur rechtfertigung der eigenen Selbstdarstellung. So wie früher im Hydepark geht es eben heute weltweit und sekundenschnell. Man redet vor sich hin und ist am Ende ... naja, eventuell zufrieden. Und ganz ganz selten schafft man es, Menschen zu erreichen, die einem aus Interesse zuhören.
Ansonsten eine Verschwendung menschlichen Geistes. ( Meine ureigene persönliche Meinung )
"So wie früher im Hydepark geht es eben heute weltweit und sekundenschnell. Man redet vor sich hin und ist am Ende ... naja, eventuell zufrieden."
Selbst wenn niemand zuhört und sich trotzdem Zufriedenheit einstellt, ist das doch schön - oder nicht? :)
warum haben Sie das geschrieben, Emma, das Turbohuhn?
"So wie früher im Hydepark geht es eben heute weltweit und sekundenschnell. Man redet vor sich hin und ist am Ende ... naja, eventuell zufrieden."
Selbst wenn niemand zuhört und sich trotzdem Zufriedenheit einstellt, ist das doch schön - oder nicht? :)
warum haben Sie das geschrieben, Emma, das Turbohuhn?
...von meiner Großmutter erfunden wurde.
Sie gibt, so mein Opa, zu allem und jedem einen Kommentar ob man ihn haben will oder nicht...:-)
Der Mensch ist ein Sender geworden, furchtbar extrem. Merkt das niemand? Es geht immer nur um ich, ich und ich! Auf Partys, im Büro, im TV, etc.
Wer hört denn heute mal zu? Wer kann sich denn heute noch länger als 10 Minuten auf eine einzige Sache konzentrieren? Wer kann sich heute noch halbwegs korrekt selbst einschätzen?
Ich habe heute Bewerber in meinem Büro sitzen, die sich selbst IT-Kenntnisse zuschreiben; weil sie einen Facebook-Account haben. Das ist so wie diese Menschen, die keinen einzigen Ton treffen, aber selbstbewusst in einer Casting-Show auftreten. Die ganze Gesellschaft leidet kollektiv am Dunning-Kruger-Effekt!
Die 160 Zeichen an jeden passen wunderbar in diese Zeit. Kurz an der Oberfläche Kratzen und zum nächsten Ereignis springen. Substanz ist irrelevant.
das nur so am Rande. Ich glaube die eigentliche Frage ist nur welche Gruppen von Menschen nutzen die angebotenen Dienste wie?
Ein kleines Beispiel. Verfolgt man die Aktivitäten von jüngeren Nutzern, so wird offener über viele Themen getweetet oder oder aber bei facebook thematisiert. Das verwundert nicht, denn ein Teil des sozialen Lebens findet aus diversen Gründen nunmal im Internet statt. Was jedoch der Gipfel der Selbstdarstellung ist, sind meiner Meinung nach nicht Nachrichten wie "ich habe gerade ein Ei gegessen" und dann gibt es 20 lols und rofls sondern Videos bei youtube. Es ist merkwürdig, wie sehr facebook und twitter gebasht werden, hingegen die Selbstdarstellungsplattform youtube erstaunlisch unbehelligt von Kritik bleibt. Es reicht zum Beispiel, wenn man ein ganz normales Lied sucht und dann als Suchergebnisse 20Leute kommen, die meinen ihre Sangeskunst darstellen zu müssen. Für wen wird das eigentlich gemacht?
Im Zweifelsfall sind die Tweets und Posts die man liest nur ein Spiegel der eigentlichen Persönlichkeit, also der Menschen mit denen man sich umgibt.
Und ob da die Kommunikation mit Fremden stattfindet ist wohl ebenfalls eine Generations und Gruppenfrage.
das nur so am Rande. Ich glaube die eigentliche Frage ist nur welche Gruppen von Menschen nutzen die angebotenen Dienste wie?
Ein kleines Beispiel. Verfolgt man die Aktivitäten von jüngeren Nutzern, so wird offener über viele Themen getweetet oder oder aber bei facebook thematisiert. Das verwundert nicht, denn ein Teil des sozialen Lebens findet aus diversen Gründen nunmal im Internet statt. Was jedoch der Gipfel der Selbstdarstellung ist, sind meiner Meinung nach nicht Nachrichten wie "ich habe gerade ein Ei gegessen" und dann gibt es 20 lols und rofls sondern Videos bei youtube. Es ist merkwürdig, wie sehr facebook und twitter gebasht werden, hingegen die Selbstdarstellungsplattform youtube erstaunlisch unbehelligt von Kritik bleibt. Es reicht zum Beispiel, wenn man ein ganz normales Lied sucht und dann als Suchergebnisse 20Leute kommen, die meinen ihre Sangeskunst darstellen zu müssen. Für wen wird das eigentlich gemacht?
Im Zweifelsfall sind die Tweets und Posts die man liest nur ein Spiegel der eigentlichen Persönlichkeit, also der Menschen mit denen man sich umgibt.
Und ob da die Kommunikation mit Fremden stattfindet ist wohl ebenfalls eine Generations und Gruppenfrage.
>>Auch wer ein Blog betreibt oder Twitter nutzt, sehnt sich manchmal nach Waldeinsamkeit, nach weniger widerspruchsfreudigen Gesprächspartnern oder gleich nach der Abschaffung aller Kommentarfunktionen.<<
Oh, ja, bitte. Allein die Zeitersparnis ... http://xkcd.com/386/
Die Flens-Werbung hatte ich übrigens anders verstanden. Nicht die Einheimischen waren abweisend, dem Touristen fehlte die Geduld für die norddeutsche Reaktionszeit.
...mich "zensurresistent" und eine Art "Korrektiv" für die sogenannten "Qualitätsmedien". Ich verwende dieses Medium um mir einen Nachrichtenüberblick zu verschaffen - nicht jeder nutzt Twitter zur Selbstdarstellung.
Natürlich interessiert es nicht, ob Lisas Goldhamster an Durchfall leidet. Dennoch halte ich die Pauschalkritik an den neuen Medien, egal ob FB, Twitter und Co. für unangebracht. Wie alles neue muss es sich erst einmal seinen Platz schaffen, bevor es allgemein akzeptiert wird.
Es gibt einen sinnvollen Umgang mit diesen Medien. Aus Sicht eines Personalers, was ja immer gerne als Beispiel aufgeführt wird, würde ich genau darauf achten. Jemand, der sich diesen neuen Medien total verweigert, den würde ich beispielsweise schon mal genauer unter die Lupe nehmen. Fragen, ob dieser potentielle Bewerber Neuem unaufgeschlossen ist, kämen mir sofort in den Sinn.
Denn wer sich den neuen Medien verweigert, ist im Zweifel jemand, der allem Neuem unaufgeschlossen ist. Bevor ich mir jemand ins Unternehmen hole, der früher alles besser fand, nehme ich mir jemanden, der mit den neuen Umgang einen sinnvollen Umgang betreibt.
Es geht auch hier nicht um das Ob, sondern um das Wie. Und Medienkompetenz ist eine Kompetenz, die heute immer wichtiger wird. Totalverweigerung ist keine Medienkompetenz sondern kann im Zweifel von Fortschrittsfeindlichkeit zeugen.
"..Es gibt einen sinnvollen Umgang mit diesen Medien. Aus Sicht eines Personalers, was ja immer gerne als Beispiel aufgeführt wird, würde ich genau darauf achten. Jemand, der sich diesen neuen Medien total verweigert, den würde ich beispielsweise schon mal genauer unter die Lupe nehmen...."
sie wären mir ja ein Personaler.
Könnte sein das Sie dabei so manches mal wesentlich mehr unter die Lupe genommen werden. Soll schon mal vorkommen, wenn man mit Leuten zu tun hat die sich der angewandten Simplifizierung verweigern, weil sie das Komplexere schon können.
Nix für ungut, als Personaler, würde ich jemanden erwarten der es dann eben auf die ausführlicher Art und Weise auch kann.
Ich glaube, solchen "Personaler" wie es Ihrem Geschmack entspricht, schon begenet zu sein.
Erinnerte mich sehr stark an die persönliche Haltung die man muslimischen Extremisten oder denen nahestehende Personen in der Zeit öffentlich zuschrieb. Ein völlig überzogenes Selbstwertgefühl kann natürlich auch gespielt sein, aber : Worauf basiert das bei denen eigentlich ?
Das war übrigens gänzlich genderneutral.
Egal, auch wen man es nicht tun sollte, Sie brauchen Leute die die -Alertbox- aufgehen können lassen wenn sie Ihre Seite aufrufen und wo bestimmtes anklicken. Aber nicht sowas reinschreiben wie - Sie sind nicht berechtigt diesen Fehler zu erhalten- das fählt auch Unbedarften auf und diskreditiert die Technik. Ein Random- Ergebnis beim anklicken ist was lustiges mit Niveau.
der Durchfall von Lisas Goldhamster interessiert durchaus jemanden! Z.B. Freunde und Angehörige in der Ferne, vor allem aber andere Hamsterhalter, die sich wie alle Tierhalter gerne per Internet über ihre Freuden, Sorgen und Nöte austauschen.
Warum immer dieser Anspruch, etwas müsste ALLE interessieren? Nicht mal das, was die Schlagzeilen der Leitmedien füllt, interessiert ALLE - manchmal sogar erschreckend wenige!
"..Es gibt einen sinnvollen Umgang mit diesen Medien. Aus Sicht eines Personalers, was ja immer gerne als Beispiel aufgeführt wird, würde ich genau darauf achten. Jemand, der sich diesen neuen Medien total verweigert, den würde ich beispielsweise schon mal genauer unter die Lupe nehmen...."
sie wären mir ja ein Personaler.
Könnte sein das Sie dabei so manches mal wesentlich mehr unter die Lupe genommen werden. Soll schon mal vorkommen, wenn man mit Leuten zu tun hat die sich der angewandten Simplifizierung verweigern, weil sie das Komplexere schon können.
Nix für ungut, als Personaler, würde ich jemanden erwarten der es dann eben auf die ausführlicher Art und Weise auch kann.
Ich glaube, solchen "Personaler" wie es Ihrem Geschmack entspricht, schon begenet zu sein.
Erinnerte mich sehr stark an die persönliche Haltung die man muslimischen Extremisten oder denen nahestehende Personen in der Zeit öffentlich zuschrieb. Ein völlig überzogenes Selbstwertgefühl kann natürlich auch gespielt sein, aber : Worauf basiert das bei denen eigentlich ?
Das war übrigens gänzlich genderneutral.
Egal, auch wen man es nicht tun sollte, Sie brauchen Leute die die -Alertbox- aufgehen können lassen wenn sie Ihre Seite aufrufen und wo bestimmtes anklicken. Aber nicht sowas reinschreiben wie - Sie sind nicht berechtigt diesen Fehler zu erhalten- das fählt auch Unbedarften auf und diskreditiert die Technik. Ein Random- Ergebnis beim anklicken ist was lustiges mit Niveau.
der Durchfall von Lisas Goldhamster interessiert durchaus jemanden! Z.B. Freunde und Angehörige in der Ferne, vor allem aber andere Hamsterhalter, die sich wie alle Tierhalter gerne per Internet über ihre Freuden, Sorgen und Nöte austauschen.
Warum immer dieser Anspruch, etwas müsste ALLE interessieren? Nicht mal das, was die Schlagzeilen der Leitmedien füllt, interessiert ALLE - manchmal sogar erschreckend wenige!
schon immer als bessere Möglichkeit zur Informationsbeschaffung angesehen.
Ob es technische Dokumentationen für den Beruf, politische Informatonen für den eigenen Wissensdurst oder Ergebnislisten für die regionalen Sportinformationen etc.... sind, alles kann ich mir jetzt in Sekundenschnelle besorgen.
Das finde ich einfach super.
Deshalb sehe ich das nicht als Nachricht von Niemand an Niemand, sondern von "Jemand" an alle die es interessiert.
"So wie früher im Hydepark geht es eben heute weltweit und sekundenschnell. Man redet vor sich hin und ist am Ende ... naja, eventuell zufrieden."
Selbst wenn niemand zuhört und sich trotzdem Zufriedenheit einstellt, ist das doch schön - oder nicht? :)
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