Wer in den neunziger Jahren Selbstgeschriebenes ins Netz stellte, stieß auf Misstrauen. Im Spiegel fragte Hans Joachim Verhufen 1997: "Wen interessiert's, wie der Goldhamster der Familie Meier heißt oder wohin die Schulzes diesmal in Urlaub reisen? Wer will wissen, daß 'in alle Teile Deutschlands der gute Ruf vom Pläfelder Sauerkraut dringt' (…), daß der Electronic-Banking-Spezialist Andre gern die Harald-Schmidt-Show guckt und Evi in Leipzig zwischen Job und Familie hin und her flitzt?" Dass Menschen im Netz lesen wollten, war nachvollziehbar. Aber wo jemand etwas herauslesen will, muss ein anderer erst einmal etwas hineingeschrieben haben.

Zunächst wurde der Großteil der Fragen ans Netz individuell beantwortet – in Newsgroups, in Foren und den frühen Frage-Antwort-Plattformen. Dann begann das WWW allmählich selbst als Nachschlagewerk zu taugen. Aber das öffentliche Hineinschreiben ins Netz blieb weiterhin begründungsbedürftig. "Seelen-Striptease: Wer Homepages baut, hat was zu kompensieren", berichtete Spiegel Online auch noch im Jahr 2004 über eine Studie der TU Chemnitz. Schon die Motivation beim Beantworten von Fragen galt als dubios: Wollten die Antwortenden sich nicht doch nur wichtig machen? Woher nahmen sie das Selbstbewusstsein, zu sagen: "Ich bin qualifiziert, diese Frage zu beantworten?" Umso zweifelhafter war die Motivation, wenn gar niemand konkret nach Andres Fernsehgewohnheiten oder Evis Lebensgestaltung gefragt hatte.

Im Laufe der nächsten Jahre stellte sich heraus, dass Auskünfte zu Spezialistenthemen hin und wieder ganz gelegen kamen und die Informationen über den Goldhamster der Familie Meier oder das Pläfelder Sauerkraut zumindest keinen Platz wegnahmen, der dringend für Wichtigeres benötigt wurde. Der Diskussion um die ungebetene Selbstdarstellung tat das keinen Abbruch. Sie löste sich von der privaten Homepage ab und wanderte ein paar Schritte weiter zum Thema Blogs und YouTube.

Seit täglich dazu aufgerufen wird, sich nicht in die Krakenarme von Facebook zu werfen und stattdessen verantwortungsbewusst und staatsbürgerlich ein eigenes Blog zu führen – wenigstens nebenbei! – ist auch das Blog kein geeigneter Wohnort mehr für den Selbstdarstellungsverdacht. Jetzt bleiben Facebook und Twitter. Facebook steht dabei nicht ganz so sehr in der Schusslinie der Kritik, weil es hier üblicher ist, seine Mitteilungen auf einen Empfängerkreis aus persönlich bekannten Freunden zu beschränken. Wer twittert, schreibt aber für Fremde. Das ist der Kern des Verständnisproblems.

Internetleben findet unter Fremden statt

Der Radiopionier David Sarnoff stieß bei seinen Vorgesetzten auf Unverständnis, als er sich um 1920 für Investitionen in die neue Technik aussprach: "Das Radio hat keinen ersichtlichen kommerziellen Wert. Wer würde denn für Nachrichten bezahlen, die an niemanden Bestimmten gerichtet sind?" Das Zitat ist apokryph, aber plausibel, denn viele frühe Ideen für den Einsatz der Funkübertragung sahen noch eindeutige, dem Sender bekannte Empfänger vor.

Warum und wozu möchten Menschen, die keine Journalisten sind, einfach so mit Fremden kommunizieren? Einen Teil der Antwort hat die Stadtforschung bereits ausformuliert, denn Stadtleben "findet unter Fremden statt", wie der Soziologe Zygmunt Bauman schreibt.

Die Internetkritik der letzten beiden Jahrzehnte verläuft entlang der traditionellen Linien der Großstadtkritik. Der Städter ist geschwätzig, der Landbewohner wortkarg. Stadtmenschen und Internetbewohner arbeiten häufig in Berufen, die sich aus der Sicht der Kleinstadt durch erschreckende Nutzlosigkeit auszeichnen. Ihr Lebensstil ist übermäßig individualistisch und in seinem Individualismus dann doch wieder gar nicht so originell. Wenn man sich nur kurz und selten begegnet, "liegt die Versuchung, sich pointiert, zusammengedrängt, möglichst charakteristisch zu geben, außerordentlich viel näher, als wo häufiges und langes Zusammenkommen schon für ein unzweideutiges Bild der Persönlichkeit im anderen sorgen". So schrieb Georg Simmel 1903 über Twitter, nein, über Die Großstädte und das Geistesleben.