VDSL-VectoringDer Kampf ums Breitband hat gerade erst begonnen

Telekom und Wettbewerber streiten über den Ausbau des Breitbandnetzes. Die Bundesnetzagentur hat nun einen Kompromissvorschlag gemacht. Beendet ist der Kampf damit nicht.

Die Deutsche Telekom muss ihren Konkurrenten nicht mehr in jedem Fall den Zugang zur Teilnehmeranschlussleitung, der sogenannten letzten Meile, gewähren. Das ist eine Folge des Beschlusses, den die Bundesnetzagentur am Dienstag veröffentlicht hat. Bislang muss die Telekom ihre Leitungen an andere vermieten und ihnen den Zugang zu den einzelnen Kunden gewähren. Da die meisten Kabel für Telefon und Internet ihr gehören, soll so Konkurrenz ermöglicht und ein Monopol verhindert werden.

Diese gesetzliche Regel kollidiert allerdings mit einer neuen Technik, die notwendig ist, um das Breitbandnetz auszubauen. Die Netzagentur hat daher versucht, einen Kompromiss zwischen den Wünschen der Telekom und denen der Konkurrenten zu finden. Wird dieser Kompromiss, der derzeit nur ein Entwurf ist verabschiedet, könnte die Telekom ihr Breitbandnetz zumindest in Ballungsgebieten vergrößern.

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Bei dem Streit geht es um das sogenannte Vectoring. Mit der bisherigen Technik, VDSL2 genannt, können Kupferkabel maximal 50 Megabit Daten pro Sekunde transportieren. Glasfaserkabel schaffen mehr, aber die sind noch längst nicht überall verbuddelt, weswegen die Kapazität der alten Leitungen verbessert werden soll. Da aber viele einzelne Kupferadern in dickeren Kabelsträngen zusammengefasst sind, kommt es zwischen ihnen zu elektromagnetischen Störungen, dem sogenannten Übersprechen.

Störungen im Kabel verringern

Mit Hilfe des Vectoring können diese Störungen vermindert werden. Dadurch wird es möglich, die Kapazität der Leitungen zu erhöhen, die vom sogenannten Kabelverzweiger, dem grauen Kasten auf der Straße, zu den Häusern der Kunden verlaufen. Die Kabelverzweiger können aber nur mit Vectoring ausgestattet werden, wenn der Betreiber alle Leitungen in einem solchen Kabelstrang kontrolliert. Denn die Signale in den Leitungen müssen aufeinander abgestimmt werden, um zu verhindern, dass sie sich überlagern. Sind einzelne Leitungen an Konkurrenten vermietet, funktioniert das Verfahren nicht.

Laut dem Beschluss der Netzagentur darf die Telekom Vectoring daher nur in den Gebieten einsetzen, in denen Rivalen eigene Leitungen vergraben haben. Sind Wettbewerber bereits an einen Kabelverzweiger der Telekom angeschlossen, also an einen der Verteilerkästen, darf sie kein Vectoring verwenden.

Die Behörde hat keine endgültige Entscheidung veröffentlicht, sondern einen Regulierungsentwurf – Telekom, Wettbewerber und die EU-Kommission können dazu noch Stellung nehmen.

Die Konkurrenten der Telekom sind über den Entwurf nicht sonderlich glücklich. "Der Breitbandausbau für die Wettbewerber wird massiv erschwert", schreibt der Bundesverband Breitbandkommunikation (Breko) in einer Erklärung. Im Breko sind praktisch alle Festnetz-Konkurrenten der Telekom organisiert. Sie sehen in der Entscheidung eine Bedrohung ihrer Marktstellung. Die Telekom könnte damit ihr Monopol in Ballungsgebieten noch ausbauen, argumentieren sie.

Verhandlungen noch lange nicht beendet

Aber auch die Telekom ist nicht ganz zufrieden mit der Entscheidung: Zwar sei nun eine wichtige Voraussetzung für die geplanten Investitionen in neue Breitbandnetze gegeben, sagte ein Sprecher des Konzerns. Allerdings erhalte das Unternehmen keine endgültige Rechtssicherheit, da wesentliche Regeln unter dem Vorbehalt stünden, dass die Telekom die neuen Internetanschlüsse weitervermietet. "Dieses Angebot muss erst in einem weiteren zeitaufwändigen und bürokratischen Verwaltungsverfahren bei der Bundesnetzagentur festgelegt werden", sagte der Telekom-Sprecher.

Für die Konkurrenz ist genau diese Weitervermietung die Chance, eigene Kunden zu gewinnen. Nach dem Kompromiss würde die Telekom keine Leitungen mehr vermieten, sondern komplette Pakete, bei denen Vectoring dann schon enthalten ist. Im Gegenzug müssen das auch die Konkurrenten tun, wenn sie in einer Region eigene Kabel haben und Vectoring nutzen.

Die Netzagentur sieht ihr Papier lediglich als Basis für Verhandlungen. Die beginnen nun. Bis die genauen Regeln ausgehandelt sind, wer wo und wann Breitband anbieten darf, wird es also noch dauern.

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Leserkommentare
  1. Ich verstehe das Problem, so wie es im Artikel geschildert ist, nicht wirklich. Wieso hängt die Anwendung dieses Verfahrens -Vectoring-, das zu höheren Datenübertragungsraten führt, damit zusammen wer die Leitung gemietet hat? Was spräche denn dagegen der Telekom weterhin die Verpflichtung zur Vermietung von Leitungen aufzuerlegen, ihr aber generell (nicht nur in Gegenden wo die Konkurrenten eigene Leitungen haben) zu erlauben das wenn sie will eben mit Vectoring zu machen? Was stört es die Wettbewerber denn, wenn die Signale dabei so koordiniert werden, dass dabei höhere Leistungen für den Endkunden herauskommen können?

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    • fcse
    • 10. April 2013 14:59 Uhr

    ...ein schönes Beispiel wie die Weiterentwicklung von Technologie den flächendeckenden Ausbau durch die effizientere Nutzung der vorhandenen Infrastruktur ergänzen kann.

    Weiter Informationen und die Erklärung zum Verfahren gibt es hier:
    http://www2.alcatel-lucent.com/techzine/vdsl2-vectoring-in-a-multi-opera...

    Das Problem, Vectoring und Letungsvermietung unter einen Hut zu bringen liegt vermutlich darin, dass unterschiedliche Aderpaare (die vom DSLAM-Schrank zu den Teilnehmern führen) dicht beieinander gepackt in einem gemeinsamen vielpoligen Kabel verlegt sind.

    Bis VDSL konnten diese Paare annähernd unabhängig voneinander betrieben werden. Wenn noch mehr "Bandbreite" auf die Adern gelegt werden, dann wird die Beeinflussung/Störung zwischen unabhängigen Adernpaaren zu groß, nach bisheriger Technik sind die Adernpaare an die Grenzen ihrer nutzbaren Bandbreite gekommen.

    Mit Vectoring kann ein Provider die Störungen zwischen unabhängigen Adernpaaren ausmessen und bei der Nutzung der Adernpaare berücksichtigen. Dies funktioniert allerdings nur, wenn der Provider die Signale auf ALLEN Adernpaaren koordinieren kann. Wenn benachbarte Adern allerdings von getrennten Providern aus mit getrennten Systemen genutzt werden, dann ist diese Koordinierung nicht mehr möglich.

    • fcse
    • 10. April 2013 14:59 Uhr

    ...ein schönes Beispiel wie die Weiterentwicklung von Technologie den flächendeckenden Ausbau durch die effizientere Nutzung der vorhandenen Infrastruktur ergänzen kann.

    Weiter Informationen und die Erklärung zum Verfahren gibt es hier:
    http://www2.alcatel-lucent.com/techzine/vdsl2-vectoring-in-a-multi-opera...

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  2. Ohne hier eine Debatte über den Sinn von Verstaatlichungen, Privatisierungen, Monopole oder die Balkanisierung von Versorgungsstrukturen lostreten zu wollen:
    Da kommt eine geniale neue Technik und wir hätten die Möglichkeit, sie fantastisch auszubauen, scheitern aber den finanziellen Interessen irgendwelcher Unternehmen. Eigentlich schon irgendwie blöd.

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    ... hat gerade die Auflösung des Post-Monopols uns einen gigantischen Wettbewerb gebracht. Wenn ich daran denke, dass vor 20 Jahren wissenschaftlich nachgewiesen war, dass eine Telefonleitung maximal 2400 Bit pro Sekunde übertragen kann und daher der Besitz von geräten, die trotzdem mehr konnten, strafbar war...
    ... dann lebe ich lieber mit dem Wettbewerb...

    • otto8
    • 10. April 2013 18:51 Uhr

    Jaja, früher, als die Bahn noch staatlich war, hatten die nur Dampflokomotiven...

    Man sollte nicht den Fehler machen, ein heutiges, leidlich von Wettbewerb geprägtes System mit einem früheren zu vergleichen, wo der technische Standard noch ein anderer war. Die ganzen neuen Gadgets versperren ein wenig den Blick auf den wirklichen Zustand der Infrastruktur. Die alte Bundespost hat sicher den ein oder anderen Fehler gemacht, war aber immer auf dem Stand der Technik und hat die Infrastruktur massiv in der Fläche ausgebaut, was man von den Privaten nicht behaupten kann. Insgesamt sind - trotz angeblichem Wettbewerb - die Investitionen in die Infrastruktur rückläufig. Die Privaten sahnen da ab, wo sie's schnell mit wenig Aufwand können, versenken viel Geld im Marketing statt in F&E, bezahlen ihre Mitarbeiter schlecht, lassen Geld an die Aktionäre fließen und bemühen sich, keinen Cent Steuern zu zahlen. In unlukrativeren Gegenden soll dann der Staat wieder zuschießen, damit die Gewinngarantie stimmt.

    Man darf doch inzwischen berechtigte Zweifel haben, ob die Privatisierung der Bundespost ein Erfolg war. Aber das widerspricht natürlich dem, was man so gern in den BWL-Lehrbüchern liest. Ideologie ist doch stärker als Empirie. Siehe auch hier: http://www.heise.de/ct/artikel/Marktvertrauen-1581375.html

  3. Habe ich das richtig verstanden, dass die Telekom meinen Anschluss nicht schneller machen kann, weil mein Nachbar in der Wohnung nebenan 1&1 benutzt?

    Ich brauch aber mehr als 50 Mbit!

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    "Ich brauch aber mehr als 50 Mbit!"

    Dann hilft:
    - mehrere Leitungen mieten
    - umziehen
    - warten
    ...oder selbst etwas besseres entwickeln, ein Übertragungsverfahren, dass auf Ihrer Leitung in Ihrem Umfeld eine höhere Datenrate machbar wird. Vielleicht ja sogar 50GBit/sec?

    Schließlich sind wir das Land der Denker (ach ja, und auch der Dichter).

  4. Das Problem, Vectoring und Letungsvermietung unter einen Hut zu bringen liegt vermutlich darin, dass unterschiedliche Aderpaare (die vom DSLAM-Schrank zu den Teilnehmern führen) dicht beieinander gepackt in einem gemeinsamen vielpoligen Kabel verlegt sind.

    Bis VDSL konnten diese Paare annähernd unabhängig voneinander betrieben werden. Wenn noch mehr "Bandbreite" auf die Adern gelegt werden, dann wird die Beeinflussung/Störung zwischen unabhängigen Adernpaaren zu groß, nach bisheriger Technik sind die Adernpaare an die Grenzen ihrer nutzbaren Bandbreite gekommen.

    Mit Vectoring kann ein Provider die Störungen zwischen unabhängigen Adernpaaren ausmessen und bei der Nutzung der Adernpaare berücksichtigen. Dies funktioniert allerdings nur, wenn der Provider die Signale auf ALLEN Adernpaaren koordinieren kann. Wenn benachbarte Adern allerdings von getrennten Providern aus mit getrennten Systemen genutzt werden, dann ist diese Koordinierung nicht mehr möglich.

    Eine Leserempfehlung
  5. ... hat gerade die Auflösung des Post-Monopols uns einen gigantischen Wettbewerb gebracht. Wenn ich daran denke, dass vor 20 Jahren wissenschaftlich nachgewiesen war, dass eine Telefonleitung maximal 2400 Bit pro Sekunde übertragen kann und daher der Besitz von geräten, die trotzdem mehr konnten, strafbar war...
    ... dann lebe ich lieber mit dem Wettbewerb...

    Antwort auf "Verzwickte Situation"
  6. "Ich brauch aber mehr als 50 Mbit!"

    Dann hilft:
    - mehrere Leitungen mieten
    - umziehen
    - warten
    ...oder selbst etwas besseres entwickeln, ein Übertragungsverfahren, dass auf Ihrer Leitung in Ihrem Umfeld eine höhere Datenrate machbar wird. Vielleicht ja sogar 50GBit/sec?

    Schließlich sind wir das Land der Denker (ach ja, und auch der Dichter).

    Antwort auf "Vectoring"
  7. wenn in Deutschland jedem Haushalt oder Betrieb wenigstens 1-2 Mbit/s zugestanden werden würden.
    Dann gäbe es einige Probleme weniger.

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    Ich verstehe Ihren Frust, in vielen (meist eher dünner besidelten) Gebieten ist der Breitbandausbau praktisch ausgeblieben.

    Aus meiner Sicht treffen hier einige Faktoren zusammen:
    - die relativ günstigen DSL-Standardtarife der Anbieter
    - die relativ hohen Einmalkosten der Technik (Kabel+Elektronik)
    - die begrenzte Reichweite
    - die zu dünne Besiedlung in einigen Regionen (zu wenig Teilnehmer im Einzugsbereich der Verteiler)

    Allerdings stellt sich mir die Frage, ob es wirklich eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe ist, jedem einen "angemessenen" Internetanschluss zu Standardkosten zu ermöglichen oder ob das nicht auch eine Frage der eigenen Wohnort-/Standortwahl ist.

    Schließlich stellt mir ja mitten in der Stadt auch niemand kostenlos eine 50 Hektar großes Waldgebiet zur Verfügung, in der Richtung funktioniert eben die Anpassung der Lebensverhältnisse auch nicht.

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  • Quelle ZEIT ONLINE, dpa, Reuters, zz
  • Schlagworte Telekom | Deutsche Telekom | EU-Kommission | Bundesnetzagentur | Internet | Technik
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