WikiLeaksGroßsprecherei übertönt ein gutes Projekt

WikiLeaks hat US-Regierungsdokumente digital erschlossen – ein ausgezeichneter Service für Historiker. Doch wieder missbraucht Julian Assange ein Projekt zur Propaganda. von 

Historiker können sich freuen. Seit diesem Montag steht ihnen ein neues Instrument zur Verfügung, um einfacher in Originaldokumenten zur amerikanischen Politik der siebziger Jahre zu recherchieren. WikiLeaks hat nach eigenen Angaben 1,7 Millionen diplomatische Depeschen und Dokumente der US-Regierung aus den Jahren 1973 bis 1976 online gestellt.

Man muss den Mitarbeitern der gerne als Enthüllungsplattform bezeichneten Organisation bescheinigen, dass sie sich mit der Aufarbeitung der Daten viel Mühe gemacht haben. Es gibt eine Suchmaschine mit Volltextsuche. Eine Weltkarte zeigt die Intensität des diplomatischen Schriftverkehrs mit anderen Ländern. Eine grafische Darstellung der Schlagworte und ein Zeitstrahl vereinfachen es, sich einen Überblick darüber zu verschaffen, über welche Region oder Stadt amerikanische Diplomaten zu welchem Zeitpunkt berichteten. Im Reigen der datenjournalistischen Projekte dieser Tage ist Public Library of United States Diplomacy (kurz Plus D) eine interessante Arbeit.  

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Wer sich allerdings erhoffte, dass WikiLeaks auf diese Weise versucht, sich in eine seriös arbeitende Informationsorganisation zu verwandeln, sieht sich abermals enttäuscht. Denn wieder überstrahlt der ideologische Kampf, den Julian Assange gegen die USA führt, das Projekt.

In der Ankündigung der Plattform ist zunächst davon die Rede, die Dokumente zeigten "das enorme Ausmaß und die enorme Bandbreite" des amerikanischen Einflusses in der Welt. Man könnte auch sagen: Sie zeigen den Einfluss der einen Supermacht während des Kalten Kriegs – vermutlich sähe man ein sehr ähnliches Bild, könnte man die Dokumente der sowjetischen Regierung jener Tage ebenso auswerten.   

Keine Enthüllungen erwartet

Dann ist von Enthüllungen zum amerikanischen Einfluss auf "faschistische Diktaturen, besonders in Lateinamerika, im Spanien Francos (eingeschlossen die spanische Königsfamilie) und auf die Obristen in Griechenland" die Rede. Es stimmt, dass die Dokumente diese Themen abbilden. Nur wird die Geschichte nach ihrer Lektüre nicht neu geschrieben werden müssen. Denn die meisten der Akten sind längst bekannt.

Erstens entstammt der größte Teil dieser Dokumente den National Archives, also den amerikanischen Staatsarchiven, und ist seit Jahren öffentlich zugänglich. Denn die Verschlusszeit in den Vereinigten Staaten für Regierungsakten beträgt üblicherweise 30 Jahre.

Zweitens ist es Bürgern und Journalisten möglich, nach dem dort gültigen Informationsfreiheitsgesetz (Freedom of Information Act) Einblick in Verwaltungsakten zu erlangen. Diese Möglichkeit hatten die Historiker des National Security Archive in Washington schon 2006 genutzt, um 320.000 diplomatische Depeschen online zu stellen. Diese Daten gingen nun in die Arbeit von WikiLeaks mit ein.

Deshalb erwartet Bill Burr, Archivar am National Security Archive, keine großen Überraschungen. "An diesen Akten wird seit sieben Jahren geforscht. Wir wissen schon sehr viel über das, was sie enthalten." Die Wissenschaftler des NSA hatten beispielsweise gezeigt, dass  Foltermethoden, die Amerikaner nach dem 11. September 2001 an mutmaßlichen Terroristen anwendeten, schon in den lateinamerikanischen Diktaturen der siebziger Jahre genutzt wurden.

Leserkommentare
  1. ... weil a) das russisch-sprechende Wikileaks-Personal sehr überschaubar ist und b) die russischen Archive weder öffentlich zugänglich sind, noch Leaker existieren, die Verschlussmaterial veröffentlichen wollen?

    Nur Vermutungen.

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    ist ein narzistischer selbstdarsteller, der dadurch der richtigen Sache einen falschen Bärendienst erweist

  2. Warum nennt Herr Polke-Majewski es "anti-Amerikanimus", wenn Assange die USA-Regierung nicht vertraut?

    Vertraut Herr Polke-Majewske auch alles was der USA Presse-Sprecher der Weltöffentlichkeit erzählt? Ist es nicht der Job eines jeden Journalisten, erst mißtrauisch/neugierig die Hintergründe der Politik zu erforschen? Wikileaks/Assanghe haben ohne Zweifel großes in diesem Sinne geleistet.

    Aber nein, hier hat der Autor die Meldung/das Angebot von Wikileaks nur als Anlass zum schon-sehr-alte Assange-bashing zu mißbrauchen. Billig und nicht besonders tiefsinnig.

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  3. hochmerkwürdig, jemandem überhaupt ideologische, politische oder sonstwie Sichtweisen seitens von 'Zeit' ankreiden zu wollen. Die können ihr Projekt umrahmen, wie es ihnen beliebt. Genauso, wie Zeit zeitanbeginn zum Syrienkonflikt nichts informatives beizutragen hat, sondern lediglich einseitige Stellungnahmen verfasst oder weiterleitet oder sonstwie einen aufklärerischen Aspekt in dieser Hinsicht vermissen lässt.
    Aber gut, ich werfe es der Zeit vor. Die Zeit wirft etwas Herrn Assange vor. usw.usf, dieser wirft der USA und sonstigen Monopolisten etwas vor - irgendwie tragen wir ja wohl alle unser Schärflein.

    Wenn es der Zeit nicht beliebt, braucht sie sich ja historisch nicht in pedantisch langwierige Arbeit zu begeben, aus höchst politsch korrekten Motivargumenten heraus - darf man denn so einen Plattform dann überhaupt noch benutzen?

    Naja gut - dieses ganze Ideologenhickhack ist einfach nur noch lächerlich geworden - ich glaube, ich habe definitiv zu viel Zeit gelesen, dass ich mit sowas nun übersättigt bin.

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  4. "Die Wissenschaftler des NSA hatten beispielsweise gezeigt [in seit sieben Jahren lafenden Forschungen], dass Foltermethoden, die Amerikaner nach dem 11. September 2001 an mutmaßlichen Terroristen anwendeten, schon in den lateinamerikanischen Diktaturen der siebziger Jahre genutzt wurden."

    Na dann. Die Tage ist es übrigens drei Jahre her, dass WikiLeaks das Collateral Murder Video veröffentlichte, dass bekannterweise kein Video Game ist.

    Ich für meinen Teil wurde von WikiLeaks noch nicht enttäuscht. Eher von den MSM, die all diese Daten bisher eben nicht weiter ausgewertet haben.

    Free Bradley Manning.

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    • deDude
    • 08. April 2013 19:25 Uhr

    ...aber er hat in den vergangenen Jahren mit Wikileaks mehr Dinge ans Tageslicht gefördert als unsere sich selbst und sinkende Absatzzahlen bemitleidende "Vierte Macht im Staat".

    Die ist viel mehr mit dem Bobbycar von Christian Wulff und anderen Belanglosigkeiten beschäftigt als das mal einer von denen den Ar*** hochkriegen würde und was Ähnliches auf die Beine stellen würde.

    Die von Wikileaks frei Haus gelieferten Botschafts-Depeschen hat man aber damals wie heute gerne genommen, da kann man dann über den ein oder anderen Makel an Assange den man zwei Wochen später wieder beklagt hinwegsehen.

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    Natürlich ist Assange ein selbstverliebter Narzist!

    Aber seine Arbeit der letzten 2 Jahre hat die Menscheit weiter gebracht als die Arbeit der Mainstreamjournaille der letzten 2 Jahre!

    Es interessiert mich herzlich wenig, ob der Herr eine Erektion bekommt wenn er in den Spiegel schaut...

  5. Wikileaks nennt das Ganze "THE KISSINGER CABLES". Ja Kissinger. Das ist der langjährige Kriegsverbrecher, der regelmäßig als ehrenvoller Gast deutscher Diskussionsrunden und Bankette eingeladen wird.

    Gut so Wikileaks. Weiter so. Gegenpropaganda ist nötig.

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  6. Natürlich ist Assange ein selbstverliebter Narzist!

    Aber seine Arbeit der letzten 2 Jahre hat die Menscheit weiter gebracht als die Arbeit der Mainstreamjournaille der letzten 2 Jahre!

    Es interessiert mich herzlich wenig, ob der Herr eine Erektion bekommt wenn er in den Spiegel schaut...

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  7. Immerhin tut Wikileaks nichts anderes, als das, was der Begriff "investigativer Journalismus" beinhaltet.

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    ... investigativ bedeuted eigentlich „aufspüren, genauestens untersuchen“

    Beim besten Willen. Sehen kann ich da nichts von.

    Um es trefflich auszudrücken: Wikileaks hat einen pa­n­ur­gisch Journalismus.

    Was das bedeuted?
    Ganz einfach: "Es gibt bei der staatlichen Versorgung ein Wasserleck? Komm lass uns das Wasser in Eimer abfüllen, anschließend analysieren und dann der ganzen Welt zeigen, damit alle sehen, wie schlecht wir sind. Der Regierung sagen wir das ja nicht, sonst könnte sie es womöglich verbessern."

    Anders kann man das Kasperletheater nicht verstehen.

    Vietnamkrieg ist Geschichte.

    Und Geschichte sollte da sein wo sie ist: in den Geschichtsbüchern.

    Danke, Wikileaks, du kannst dich aber wieder setzen. Wir haben vorerst genug.

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  • Schlagworte Information | US-Regierung | WikiLeaks | USA | Washington D.C.
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