Wenn Simon Bienlein online ist, dann sieht er keine Texte und keine Überschriften, er erkennt keine Videos und keine Bilder. Er nimmt nicht wahr, wie Twittermeldungen im Sekundentakt tickern und auch die um Aufmerksamkeit heischenden Banner sieht er nicht. Simon Bienlein, 29, ist seit seiner Geburt blind. Trotzdem bewegt er sich mit größter Selbstverständlichkeit durchs Netz, liest, schreibt, informiert sich und kommuniziert. Und nicht nur das: Er hat schon Anwendungen programmiert und Webseiten gestaltet, als die meisten Deutschen noch nicht mal ein Modem besaßen. "Die ersten Erfahrungen habe ich in den späten neunziger Jahren gesammelt, als ich 14 oder 15 war", sagt er. "Damals habe ich in QBasic programmiert.

"Blinde nutzen zwei Hilfsmittel, um mit digitalen Oberflächen zu arbeiten: zum einen die Braillezeile, zum anderen ein Programm zur Sprachausgabe. Die Braillezeile, die vor rund dreißig Jahren entwickelt wurde, ist ein Ausgabegerät, das digitalisierte Texte in Brailleschrift übersetzt. Sie sieht aus wie eine Art vorgelagerte Fühl-Tastatur. Der Text, der auf dem Bildschirm zu sehen ist, wird von der Braillezeile durch kleine Stifte dargestellt, die piezo-elektronisch angehoben werden.

Die Anschaffung dieses relativ teuren Geräts wird in Deutschland meistens von der Krankenkasse übernommen. "Man kann mit der Braillezeile allerdings immer nur einen kleinen Ausschnitt des Bildschirmes lesen", sagt Bienlein. Wenn man weiter lesen will, muss man den Ausschnitt nach oben, unten, rechts oder links verschieben. Schlimm sei das nicht, "man gewöhnt sich schnell daran."

Programmierer Simon Bienlein © Günter Fremuth

Das andere Hilfsmittel, das Bienlein täglich nutzt, ist der Screenreader, eine Software, die ihm alle Texte vorliest, die auf dem Bildschirm zu sehen sind, egal ob er ein E-Mail-Programm auf seinem Desktop geöffnet hat oder Inhalte im Internet aufruft. Das Programm ist in der Regel nicht vorinstalliert, blinde Nutzer müssen es für ihre PCs oder Laptops extra kaufen. Zum Glück, sagt Bienlein, gibt es mittlerweile eine kostenlose Open-Source-Alternative, den Screenreader NVDA.

Mit der Braillezeile und dem Screenreader kann Bienlein seinen Computer ähnlich nutzen wie ein sehender Programmierer. Er kann Codes mit der Tastatur schreiben, er kann sie mithilfe der Braillezeile Korrektur lesen, er kann in E-Books oder Hilfeforen nach Informationen suchen und sie sich vom Screenreader vorlesen lassen.

Doch wie behält er den Überblick bei Codes, die viele tausend Zeilen lang sind? 
"Entweder man hat es im Kopf", sagt Bienlein, "oder man pickt sich einen Teilbereich raus, den man analysiert. Bei der objektorientierten Programmierung kann das eine Klasse sein oder einige Methoden einer Klasse." Man müsse sich eben auf kleine Teilbereiche fokussieren.

Schwierig für blinde Programmierer ist es dagegen, Diagramme zu erfassen, zum Beispiel Programmablaufpläne, die optisch dargestellt werden können. "Da muss man sich dann halt andere Herangehensweisen überlegen."

Bienlein ist im IT Systemhaus der Bundesagentur für Arbeit in Nürnberg beschäftigt, entwickelt dort in einem Team Softwarebausteine, die dann in den Arbeitsagenturen in ganz Deutschland zum Einsatz kommen. Seine Programmiersprache heißt jetzt Java. "Allerdings nutze ich Java nur beruflich, privat habe ich da einige Vorbehalte." Für Sehende mache es keinen Unterschied, für Blinde sind Anwendungen, die auf Java basieren, viel mühsamer zu entziffern. "Selbst mit der Braillezeile ist ein auf Java basierendes Interface schlechter lesbar. "Man bekommt keine Umgebungsinformationen angezeigt, sondern immer nur das jeweils fokussierte Element." Das erschwert das Ausfüllen von Formularen oder die Orientierung auf einer komplexen grafischen Oberfläche.