PressefreiheitNetzaktivisten glauben an die eigene Macht

Blogger aus China, Russland, der Ukraine und dem Iran wollen ihre Heimat verändern. Sie sorgen sich weniger um Zensurversuche als um den Medienkonsum ihrer Eltern. von 

Mustafa Nayyem, Arash Abadpour und Alena Popova

Mustafa Nayyem, Arash Abadpour und Alena Popova  |  © Deutsche Welle

Sie sind Anfang 30 und fest vom revolutionären Potenzial des Internets überzeugt: Die Russin Alena Popova, der Ukrainer Mustafa Nayyem und der Exil-Iraner Arash Abadpour gehören zu den bekannteren Onlineaktivisten ihrer jeweiligen Heimat. Sie glauben, das Netz werde diese Heimat langsam, aber sicher zum Besseren verändern. 

Bei einer Veranstaltung des Senders Deutsche Welle zum Tag der Pressefreiheit berichteten Popova, Nayyem, Abadpour sowie der chinesische Journalist und Kommunikationswissenschaftler Hu Yong über die Bedeutung des Netzaktivismus in ihren Ländern – und über seine derzeitigen Grenzen.

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Nayyem zeichnete zunächst ein düsteres Bild von der Generation der über 45-Jährigen in der Ukraine. Die (Selbst-)Zensur der etablierten Medien habe in den vergangenen Jahren stark zugekommen. "Die Älteren aber glauben nur, was im Fernseher zu sehen ist und was in den Zeitungen steht. Es gibt für sie nur diese eine Realität, sie hören nicht auf das, was ihnen 25-Jährige aus dem Internet berichten. Für die Regierung ist diese Generation Gold wert", sagt der 32-jährige Blogger und Journalist.

Die Opposition habe deshalb bis heute keine messbaren Erfolge errungen. Aber das werde sich ändern, ist er überzeugt. Denn nicht nur die älteren Bürger verstünden das Medium nicht, auch der herrschenden Klasse gehe es so. Als Beleg dient ihm eine Anekdote: Vor einigen Jahren sei er mal von staatlicher Seite aufgefordert worden, einen bestimmten Text auf einer Website zu veröffentlichen. "Ich habe ihnen gesagt, es ist 18 Uhr, das Internet hat schon geschlossen. Sie haben es mir geglaubt."

Patrick Beuth
Patrick Beuth

Patrick Beuth ist Redakteur im Ressort Digital bei ZEIT ONLINE. Seine Profilseite finden Sie hier.

Abadpour sieht das ähnlich. "Das Internet ist einfach grundsätzlich sehr 'anti-Establishment'", sagt er. An die These des Autors Evgeny Morozov (The Net Delusion), Staaten würden das Internet längst so nutzen, dass es ihre Macht eher stärkt als schwächt, glaubt er nicht. 

Selbst wenn das iranische Regime den Plan des "Halal Internet" weiter verfolgen und versuchen sollte, ein vom Rest der Welt mehr oder weniger abgeschottetes Netz mit nach islamischem Recht erlaubten Inhalten zu errichten, werde das iranischen Aktivisten nicht schaden, glaubt Abadpour. Der 34-Jährige verließ sein Land vor acht Jahren, lebt nun in Kanada und betreibt eines der meistgelesenen persischen Blogs. Er geht davon aus, dass das Regime für sein "Halal Internet" eine Breitbandinfrastruktur einrichten wird, die es in dem Land bislang nicht gebe. Und wenn das Netz dann offiziell halal sei, würde auch das heutige Ausmaß der Überwachung nachlassen. 

Innerhalb dieses Netzes wäre es dann leichter als bisher, Schattennetzwerke zu errichten, glaubt Abadpour. Schon heute würden die Iraner per Bluetooth kleine, nicht kontrollierbare Mesh-Netzwerke bauen, um Dateien zu tauschen, "auch wenn das häufig nur Pornografie ist", wie Abadpour sagt. Es könnten aber genauso gut Berichte unabhängiger Journalisten sein. "Das 'Halal Internet' würde dem Regime letztlich nichts nützen."

Leserkommentare
  1. mit einem durch Mediendiktatur zementierte neoliberale Neuen Weltordnung, überwacht und gesteuert aus dem Pentagon gibt es hingegen Im Iran, Rußland, Cina und Ukraine immerhin die Möglichkeit für Blogger etwas zu verändern. Dort wird Demokratie nicht in 'Tyrannei der Masse umgedeutet' wir durch unsere regierendnen US-Jünger.

    2 Leserempfehlungen
  2. ...was ihnen vom Fernseher vorgesetzt wird, gehöre ich doch selbst fast schon dazu. Vielmehr hat man sich ab einem gewissen Alter in seiner Ecke eingerichtet und sich mit dem Schicksal arrangiert. So funktionieren Diktaturen nun mal, nicht weil eine Minderheit den Rest unterdrückt sondern weil die Mehrheit sich damit abfindet. Erst wenn es in der eigenen Ecke zu eng wird oder die Oppressoren die Ecke erreichen regt sich widerstand.
    Ich glaube nicht das das Internet da was ändern wird. Menschen finden sich mit überraschend viel ab - solange sie ihre Ecke haben.

    4 Leserempfehlungen
  3. Sie sorgen sich weniger um Zensurversuche als um den Medienkonsum ihrer Eltern.

    Das glaube ich nicht. Mit einer umfassenden Zensur schreibt der Blogger nur in den Wind. Das dürft eigentlich jedem Blogger klar sein.

    Das die dumpfe Masse ein Problem ist, wurde von den Kommentatoren hier schon tausende Male thematisiert. Für diese Erkenntnis braucht man keine Blogger mehr.

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    Das die dumpfe Masse ein Problem ist, wurde von den Kommentatoren hier schon tausende Male thematisiert. Für diese Erkenntnis braucht man keine Blogger mehr.

    Nur ist es nicht so, dass eine Meinung dadurch, dass sie abseits des Mainstreams liegt, automatisch faktisch zutreffender ist. Verschörungstheoretiker, die vor allem egozentrische Nabelschau betreiben und sich ansonsten selbst bemitleiden, weil die dumpfe Masse sich nicht von ihren steilen Thesen aus ihrer Lethargie reißen lässt, machen es nämlich auch nicht besser.

    dieser Begriff ist schlicht unpassend. Die bei allen dogmatischen politischen Richtungen beliebte Ansicht, daß der Mehrheit der Menschen schlicht die die Intelligenz fehle, um die Weisheit der entsprechenden Meinung anzuerkennen, ist einfach nur albern.

    Wir haben hierzulande ca. 80 Millionen Menschen mit 80 Millionen Sets an völlig unterschiedlicher Lebenserfahrung, aus der entsprechend 80 Millionen verschiedene Schlüsse sinnvoll gezogen werden können.

    Und es ist davon auszugehen, daß die meisten davon gute Gründe für ihre Ansichten haben. Jene mögen auf unvollständiger Wahrnehmung der Probleme beruhen (aber wer hat da schon vollständigen Durchblick?), oder schlicht darauf, daß man irgendwann einfach besseres zu tun hat, als sich um die groteske Welt der Politik zu kümmern (siehe dazu den schönen 2. Kommentar von Gerry10), oder sonstwas.

    Da kann man dann diskutieren und debattieren oder herzhaft streiten - aber davon auszugehen, daß die anderen alle dumm sind, entspricht weder der Realität, noch ist es zielführend.

  4. "Die Älteren aber glauben nur, was im Fernseher zu sehen ist und was in den Zeitungen steht. Es gibt für sie nur diese eine Realität, sie hören nicht auf das, was ihnen 25-Jährige aus dem Internet berichten. Für die Regierung ist diese Generation Gold wert", sagt der 32-jährige Blogger und Journalist.

    Das ist jetzt aber bei uns auch nicht viel anders muss ich sagen. Auch bei uns wird etwas erst wahr, wenn es in der Tagesschau kommt.

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  5. Das die dumpfe Masse ein Problem ist, wurde von den Kommentatoren hier schon tausende Male thematisiert. Für diese Erkenntnis braucht man keine Blogger mehr.

    Nur ist es nicht so, dass eine Meinung dadurch, dass sie abseits des Mainstreams liegt, automatisch faktisch zutreffender ist. Verschörungstheoretiker, die vor allem egozentrische Nabelschau betreiben und sich ansonsten selbst bemitleiden, weil die dumpfe Masse sich nicht von ihren steilen Thesen aus ihrer Lethargie reißen lässt, machen es nämlich auch nicht besser.

  6. dieser Begriff ist schlicht unpassend. Die bei allen dogmatischen politischen Richtungen beliebte Ansicht, daß der Mehrheit der Menschen schlicht die die Intelligenz fehle, um die Weisheit der entsprechenden Meinung anzuerkennen, ist einfach nur albern.

    Wir haben hierzulande ca. 80 Millionen Menschen mit 80 Millionen Sets an völlig unterschiedlicher Lebenserfahrung, aus der entsprechend 80 Millionen verschiedene Schlüsse sinnvoll gezogen werden können.

    Und es ist davon auszugehen, daß die meisten davon gute Gründe für ihre Ansichten haben. Jene mögen auf unvollständiger Wahrnehmung der Probleme beruhen (aber wer hat da schon vollständigen Durchblick?), oder schlicht darauf, daß man irgendwann einfach besseres zu tun hat, als sich um die groteske Welt der Politik zu kümmern (siehe dazu den schönen 2. Kommentar von Gerry10), oder sonstwas.

    Da kann man dann diskutieren und debattieren oder herzhaft streiten - aber davon auszugehen, daß die anderen alle dumm sind, entspricht weder der Realität, noch ist es zielführend.

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    nilszbzb: „Und es ist davon auszugehen, daß die meisten davon gute Gründe für ihre Ansichten haben. Jene mögen auf unvollständiger Wahrnehmung der Probleme beruhen (aber wer hat da schon vollständigen Durchblick?)“

    Niemand hat den vollen Durchblick, daher ist auch jeder aus einem bestimmten Blickwinkel Mitglied der Dummen Masse.
    Natürlich hat jeder gute Gründe für seine Ansichten, nur kommt es nicht auf die Gründe an sondern auf die Handlung der Menschen.

    Gerry10: „Menschen finden sich mit überraschend viel ab - solange sie ihre Ecke haben.“

    Sich mit Negativen ab finden, ist auch eine Handlung, eine Handlung die nur wirklich Dumme Menschen auf Dauer machen.

  7. nilszbzb: „Und es ist davon auszugehen, daß die meisten davon gute Gründe für ihre Ansichten haben. Jene mögen auf unvollständiger Wahrnehmung der Probleme beruhen (aber wer hat da schon vollständigen Durchblick?)“

    Niemand hat den vollen Durchblick, daher ist auch jeder aus einem bestimmten Blickwinkel Mitglied der Dummen Masse.
    Natürlich hat jeder gute Gründe für seine Ansichten, nur kommt es nicht auf die Gründe an sondern auf die Handlung der Menschen.

    Gerry10: „Menschen finden sich mit überraschend viel ab - solange sie ihre Ecke haben.“

    Sich mit Negativen ab finden, ist auch eine Handlung, eine Handlung die nur wirklich Dumme Menschen auf Dauer machen.

    Antwort auf "zur "dumpfen Masse" - "

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  • Schlagworte China | Internet | Zensur | Blog | Heimat | Iran
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