Im Jahr 2009 las ich 30 Bücher, allesamt auf Papier. Die damals erhältlichen E-Reader wirkten so attraktiv wie Schwarzweißfernseher, und ich sehnte mich nicht nach einem weiteren herumzutragenden Gadget. Im Sommer 2010 stellte Amazon die Kindle-Software gratis auch für andere Geräte zur Verfügung, Anfang Oktober kaufte ich mein erstes E-Book. Im darauffolgenden Jahr las ich 40 Bücher, im Jahr 2012 waren es 74, 2013 werden es – extrapoliert aus der Lektüre der ersten vier Monate – etwas über 80 sein. Ich lese also derzeit etwa doppelt so viele Bücher wie vor dem Umstieg.

Das ist unpraktisch, weil ich im Jahr 2009, bevor das E-Book in meinem Leben aufgetaucht war, dem Bücherlesen öffentlich eine nicht sehr rosige Zukunft prophezeit hatte. Es gerate in Bedrängnis durch neue digitale Freizeitbeschäftigungen, und auch die Zeit für das Durchlesen des Internets müsse schließlich irgendwo herkommen, so argumentierte ich. Dabei ging ich von den Veränderungen in meinem eigenen Verhalten aus – zwischen 1995 und 2000 war ich internetbedingt vom Bücherjunkie zur Gelegenheitsleserin mutiert.

Nun ist eine Zunahme von 30 auf 80 Bücher überschaubar, und zweieinhalb betrachtete Jahre sind nicht sehr lang. Es könnte sich um eine zufällige Schwankung handeln. Da ich erst ab 2009 konsequent alles Gelesene in einem digitalen Bücherregal notiert habe (zunächst bei einem inzwischen ausgestorbenen Dienst, später bei Goodreads), weiß ich nicht, ob es auch in den Vorjahren ähnliche Ausreißer nach oben gab. Auch der Reiz des Neuen mag eine Rolle spielen. Womöglich gleichen sich meine Buchlesegewohnheiten demnächst wieder denen von 2009 an. Dann werde ich auch meine Behauptungen von heute wieder korrigieren müssen. Vorläufig hänge ich aber dem Glauben an, dass es die Eigenheiten des E-Books sind, die mein Leseverhalten in unerwartete Richtungen beeinflusst haben.

Der Autor und Softwareentwickler André Spiegel berichtete 2011 unter dem Titel Lesen im Dunkeln von seinen eigenen Erkenntnissen im Umgang mit dem E-Book: "Was mir nicht auffiel, als ich die Stärken des gedruckten Buchs aufzählte – obwohl es tatsächlich unbestreitbare Stärken sind – waren die Stärken des elektronischen. Ein gedrucktes Buch darf in den Sand fallen, ein E-Book lieber nicht – geschenkt. Aber ein E-Book kann man im Dunkeln lesen. Vielleicht war es um mich geschehen, als mir das klar wurde."

Das E-Book leuchtet nicht nur im Dunkeln, es klappt auch nicht von alleine zu, man muss es also nicht mit den Zehen offenhalten, wenn man beim Essen lesen möchte. Es fügt sich viel geschmeidiger als das Papierbuch in meinen Alltag ein – was ich für nachlassendes Interesse am Konzept Buch hielt, war offenbar in erster Linie mein Unwille, den Rechner aus der Hand zu legen. Alle in der jüngeren Vergangenheit gelesenen Bücher trage ich immer mit mir herum und kann sie bei Bedarf durchsuchen.

Das Anlegen digitaler Markierungen macht nicht ganz so viel Spaß wie das Bekleben der Seiten mit bunten Leuchtmarkerstreifen, erzeugt dafür aber eine für Weiterarbeit und späteres Zitieren sehr praktische Textdatei. Und da ich gern auf dem Handy lese, kann ich auch noch die winzigsten Wartezeiten mit Lektüre ausstopfen. Genau genommen gibt es gar keine Wartezeiten mehr – ich hole jetzt eigentlich ganz gern meine Post in der Filiale ab, weil es dort zuverlässig lange Schlangen gibt, die mindestens eine Viertelstunde ungestörte Lesezeit garantieren.

Empfehlungsalgorithmen? Gratis-Leseproben

Unvorhergesehen war nicht nur, dass ich wieder mehr Bücher lese als früher. Eventuell lag ich auch daneben, wenn ich in den vergangenen Jahren immer wieder die Wichtigkeit intelligenter Empfehlungsalgorithmen beschwor. Zwar glaube ich nach wie vor, dass es schön wäre, wenn die Empfehlungen von Amazon oder Goodreads weniger einfältig und bestsellerorientiert daherkämen. Aber für meine eigenen Kaufentscheidungen spielen sie im Vergleich zu früher praktisch keine Rolle mehr.

Inzwischen sind auch die traditioneller gesinnten Buchleser im Zuge der allgemeinen Völkerwanderung im Netz angekommen, wo sie in Blogbeiträgen, Social-Media-Mitteilungen und Goodreads-Updates von ihrer Lektüre berichten. Anstatt diese Hinweise bis zum nächsten Einkauf wieder zu vergessen, kann ich sie sofort in Gratis-Leseproben umwandeln, die mich dauerhaft an den Vorschlag erinnern. Weil das Hineinlesen kein Geld und wenig Zeit kostet, sinken die realen und mentalen Kosten des Herumprobierens. Passgenaue Empfehlungen sind damit nicht mehr so wichtig. Es genügt, zwanzig Leseproben auf Verdacht zu durchstöbern, was an sich schon ein großes Vergnügen ist, für das ich früher ganze Tage in Buchhandlungen hätte zubringen müssen. Na gut, zugebracht habe. Ich trage Dutzende Leseproben mit mir herum, die ich alle gern weiterlesen möchte. Bessere Empfehlungsalgorithmen würden dieses Missverhältnis von Leseplänen und Lebenszeit nur weiter verschärfen.

Das klingt auf den ersten Blick nach guten Nachrichten für die Buchbranche. Auf den zweiten Blick verdient sie heute weniger an mir als selbst in meinen buchlosen Jahren. Ich kaufe nicht mehr auf Vorrat, weil sich die gefürchtete Lücke zwischen dem Ende eines Buchs und dem Beginn des nächsten jederzeit schließen lässt. Wo ich früher aus spontaner Begeisterung für ein Thema oder aus Treue zum Autor Bücher unbesehen kaufte und dann nie über das zweite Kapitel hinauskam, genügt mir heute die kostenlose Leseprobe.

Weil ich mich mithilfe der Leseprobe nur auf überdurchschnittlich verheißungsvolle Bücher einlasse, lese ich außerdem fast alles Gekaufte auch zu Ende. Das ist schön für die Autoren, aber weniger erfreulich für Verleger und Händler. Aus deren Sicht war mein früheres Kundenverhalten viel attraktiver: Wer viel kauft und nicht zu Ende liest, kommt schneller zurück, um mehr zu kaufen.

Mein Kauf- und Leseverhalten ist nicht nur für Amazon, sondern auch für mich transparent geworden, und diese Transparenz hat Folgen. Ich weiß jetzt, dass ich geschenkte Bücher so gut wie nie lese – ebenso wenig wie sämtliche E-Books, die ich nur heruntergeladen habe, weil sie kostenlos waren. Weil ich andere Menschen verdächtige, es genauso zu halten, verschenke ich weniger Bücher als früher. Ich bin dazu übergegangen, wie bei Filmen oder anderen Unterhaltungsformen nur noch von der Lektüre zu berichten und den Rest den Empfängern selbst zu überlassen. Der Buchhinweis scheint mir – jedenfalls unter Menschen mit eigenem Taschengeld – der eigentliche Freundschaftsdienst; der verschenkte Gegenstand dient vorwiegend dazu, dem Schenkenden ein gutes Gefühl und dem Beschenkten ein schlechtes Gewissen angesichts des ungelesen verstaubenden Buchs zu verursachen.

Soweit der Stand im Jahr 2013. In welche Richtung sich das Leben durch neue Technologien verändert, ist nur begrenzt vorhersagbar, auch wenn es das eigene Leben ist. Es hilft aber, wenigstens die aktuellen Praktiken hin und wieder zu dokumentieren. Falls ich in Zukunft zu einer Person werden sollte, die ihre gesamte Freizeit mit geschenkten Büchern oder mit Unterhaltungsformen verbringt, die im Dunkeln gar nicht leuchten, dann werde ich immerhin nicht dem Glauben anhängen können, das sei schon immer so gewesen.