KartendienstGoogle Maps schaut durch die israelische Brille

In den palästinensischen Städten des Westjordanlandes weist Google Maps erhebliche Lücken auf, in den israelischen Siedlungen nicht. Eine Panne oder ein Politikum? von 

Al-Manara-Platz in Ramallah

Der Al-Manara-Platz in Ramallah ist in Google Maps nicht zu finden.  |  © ABBAS MOMANI/AFP/Getty Images

Zentral gelegen, gute Cafés und Geschäfte – deswegen verabreden sich viele der 300.000 Bewohner der palästinensischen Stadt Ramallah am Al-Manara-Platz. Ein ortsunkundiger Besucher wird diesen Platz allerdings nicht finden, jedenfalls nicht, wenn er sich nur auf sein Smartphone und den Kartendienst Google Maps verlässt.

Denn darin sind zwar die Straßen von Ramallah eingezeichnet, Google beschriftet sie aber nicht. Suchanfragen gehen ins Leere. Anders ist die Situation in der jüdischen Siedlung Kokhav Ya'akov, die nur zehn Kilometer Luftlinie vom Al-Manara-Platz entfernt ist. Die Straßen der 6.000-Einwohner-Stadt sind bei Google Maps beschriftet und kommunale Einrichtungen von der Talmudschule bis zum Lebensmittelladen eingezeichnet.

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Jüdische Siedlungen im Detail, palästinensische Städte als braune Fläche – dieses Muster zieht sich durch die Google-Karten des ganzen Westjordanlands. Auf den Betrachter wirkt es ein bisschen so, als ob Zivilisation nur in den Siedlungen zu finden sei und in den palästinensischen Städten Chaos herrsche. Dabei hatte Google noch vor einem Monat die Beschreibung von seiner palästinensischen Suchseite von "Palästinensische Gebiete" in "Palästina" geändert, um der Aufwertung Palästinas bei der UN Rechnung zu tragen. 

Das ist nicht nur deshalb problematisch, weil es für Ortsunkundige schwierig ist, sich mit lückenhaften Karten zu orientieren. "So eine Darstellung formt auch die geistige Karte der Nutzer", sagt Christine Leuenberger von der Cornell Universität in den USA. Sie hat zum Einsatz von Karten im Nahostkonflikt geforscht. "Deswegen wissen viele Israelis gar nicht, dass ihre Städte von verschiedenen territorialen Identitäten durchzogen sind." Wer das dennoch behaupte, werde der Lüge oder der Propaganda bezichtigt. So würden die Karten die Gebietsansprüche der Palästinenser untergraben.


Google Gaps auf einer größeren Karte anzeigen

In mehreren Resolutionen hat der UN-Sicherheitsrat die israelischen Siedlungen im seit 1967 besetzten Westjordanland als illegal bezeichnet. Israel hält die Siedlungen hingegen für legal. "Bei Gebietsstreitigkeiten können Politiker Karten instrumentalisieren", sagt Leuenberger.

Googles Zulieferer darf nicht in die fraglichen Gebiete

Die Google-Daten für diese Region liefert der israelische Kartenspezialist GISrael, der auf seiner Homepage damit wirbt, auch nicht offiziell anerkannte Siedlungen im Westjordanland kartographiert zu haben. Wie Google seine Zulieferer auswählt, verrät der Konzern nicht. Bei Google heißt es lediglich, dass man mit diesen Firmen zusammenarbeite, um die Kartendaten ständig zu verbessern. Im Falle des Westjordanlandes ist das ein gewagtes Statement. Denn israelische Staatsbürger dürfen qua Gesetz nicht in jene Gebiete, die der alleinigen Kontrolle der Palästinenser unterliegen. Eine Mitarbeiterin des israelischen Zulieferers bestätigt, dass ihre Firma nicht nach Ramallah und Hebron und Nablus fahre, um dort zu kartographieren – aus Sicherheitsgründen.

Dabei sollte es für eine Firma wie Google kein Problem sein, die nötigen Daten woanders zu beschaffen. Google hat Satellitenaufnahmen der fraglichen Städte, zahllose NGOs halten detaillierte Karten des Westjordanlandes vor und mit dem Tool Google Map Maker könnte der Konzern seine palästinensischen Nutzer sogar bitten, die Kartographierung selbst zu übernehmen. So wie Google das schon bei Nordkorea gemacht hatte.

Googles Konkurrent Microsoft löst das Problem, ob gewollt oder nicht, neutraler: Bei Bing Maps wird das ganze Westjordanland als weitgehend namenlose Brachfläche dargestellt. Nur Ortsnamen sind vermerkt, keine Straßennamen. Navigation funktioniert so weder in den israelischen Siedlungen noch in den palästinensischen Städten. Nicht klar ist allerdings, ob der Konzern das wirklich so geplant hat. Denn in einem Statement des Konzerns heißt es, dass Microsoft und sein Partner Nokia die Karten ausbauen würden, sobald die nötigen Daten verfügbar seien. Generell wolle Microsoft in politischen Konflikten immer so neutral wie möglich bleiben, heißt es weiter.

Leserkommentare
  1. ... Fakten zu schaffen. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt?

    5 Leserempfehlungen
  2. Die "Gebietsansprüche der Palästinenser" lassen sich auf Wimpeln, Wappen und Emblemen ablesen. Man ist da ganz archaisch, beansprucht wird alles.
    http://en.wikipedia.org/w...
    http://en.wikipedia.org/w...
    http://commons.wikimedia....

    5 Leserempfehlungen
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    "Beansprucht wird alles"
    ... was einem ursprünglich gehörte. Wenn ich auf Ihr Grundstück komme und erstmal 80% ihres Hauses und Gartens annektiere und ihnen nur die Hundehütte überlasse, wedeln Sie sicherlich auch direkt mit dem Grundriss Ihres einstigen Besitzes. Zurecht, wie man wohl meinen darf.

  3. "Beansprucht wird alles"
    ... was einem ursprünglich gehörte. Wenn ich auf Ihr Grundstück komme und erstmal 80% ihres Hauses und Gartens annektiere und ihnen nur die Hundehütte überlasse, wedeln Sie sicherlich auch direkt mit dem Grundriss Ihres einstigen Besitzes. Zurecht, wie man wohl meinen darf.

    7 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Gebietsansprüche"
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    • _bla_
    • 30. Mai 2013 8:43 Uhr

    "Beansprucht wird alles" ... was einem ursprünglich gehörte.

    Wann soll ihnen das "gehört" haben? Vor Ende des ersten Weltkriegs war das Gebiet Teil des osmanischen Reichs. Nach dem ersten Weltkrieg war das Gebiet und Jordanien Teil des Völkerbundsmandat für Palästina geschaffen mit dem ausdrücklichen Auftrag des Völkerbundes zur „Errichtung einer nationalen Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina“. Der Rechtsnachfolger des osmanischen Reichs hat das Mandat akzeptiert.
    Das Gebiet war unter britischer Kontrolle und sowohl jüdische als auch nationale arabische Unabhängigkeitsbewegungen haben versucht die Kontrolle über das Gebiet zu bekommen. Gehört hat das Gebiet weder der arabischer, noch der jüdischer Unabhängigkeitsbewegung. Es war erst unter Osmanischer, dann unter britischer Kontrolle. Erfolgreicher in ihren Unabhängigkeitsbestrebung war letztlich die jüdische Unabhängigkeitsbewegung.

  4. Öffentliche Plätze dieser Art werden auch bei uns nicht gezeigt.
    Man schaue sich einen Hauptbahnhof an - nix zu sehen.

    Ist auch besser so. Einwohner kennen es, der Rest muss es nicht wissen.

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    • _zion_
    • 30. Mai 2013 7:40 Uhr

    >> Öffentliche Plätze dieser Art werden auch bei uns nicht gezeigt.
    Man schaue sich einen Hauptbahnhof an - nix zu sehen.<<

    Wie meinen?
    Rufe ich mit Google Earth z.B. den Berliner Hauptbahnhof auf, kann ich dort nichts Verborgenes/keine Abweichungen entdecken.

    • _zion_
    • 30. Mai 2013 7:40 Uhr

    >> Öffentliche Plätze dieser Art werden auch bei uns nicht gezeigt.
    Man schaue sich einen Hauptbahnhof an - nix zu sehen.<<

    Wie meinen?
    Rufe ich mit Google Earth z.B. den Berliner Hauptbahnhof auf, kann ich dort nichts Verborgenes/keine Abweichungen entdecken.

    2 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Sicherheit..."
  5. "Deswegen wissen viele Israelis gar nicht, dass ihre Städte von verschiedenen territorialen Identitäten durchzogen sind."

    Ich mahne zur Vorsicht.
    Den Arabern Palästinas wird etwas zugestanden, was uns Deutschen als Revanchismus ausgelegt werden würde bzw. wurde oder wird.
    Welche Idenditäts-Bruchlinien sind denn gemeint?
    Diejenigen von '48, oder die von '67?
    Zielen diese "Identitäts"-Debatten darauf ab, das Projekt der jüdischen Staatlichkeit (und Geschichte) in Palästina im Endeffekt komplett zu dekonstruieren?
    Migration ist etwas normales, - gerade das ist ja das tagtägliche Mantra unserer Politiker. Warum also nicht auch die jüdische nach Palästina? Territoriale "Identitäten" sind im Laufe der Geschichte nicht in Stein gemeißelt. Die eine entwickelt sich fort, die andere geht unter. Oder entsteht.
    Wo sind die Indianerdörfer auf Manhattan, und die Bantu sind auch noch nicht viel länger in Südafrika als die Europäer.
    Daß Breslau von seinen Bewohnern heute mehrheitlich Wrocław genannt wird, das haben wohl gerade wir Deutschen sehr gründlich akzeptiert.
    Ich weiß, daß der Vergleich zu Palästina provozierend ist,
    ich würd es mir aber trotzdem gerne mal erklären lassen.
    Würden nicht die Araber Palästinas besser kommen, wenn sie - und insbesondere ihre Führer - die Verluste akzeptierten, und sich auf der Basis des status quo an den wirtschaftlichen Aufbau machten?
    Warum sieht es denn in Gaza anders aus als in Honkong? Alles Schuld der Israelis? Das ist wohl am einfachsten.....

    3 Leserempfehlungen
  6. google ist hier nicht der Verantwortliche, sondern deren Datenlieferant, die Firma TeleAtlas (eine Tochter des Navi-Spezialisten TomTom). Das ist eine von nur zwei kommerziellen Firmen, die weltweite Kartendaten anbieten. Die andere heißt NavTeq und gehört zu Nokia, dort bezieht Microsoft Bing seine Karten.

    Wenn Kartendaten fehlen, ist das gewöhnlich kein Politikum, sondern einfach eine Frage der Erfassung der Daten. Das müssen Menschen vor Ort mit GPS-Geräten tun. Und offenbar ist es wohl einfacher gewesen, die Erfasser in den Siedlungsgebieten herumfahren zu lassen.

    Wer mehr sehen möchte, schalte bitte auf die Satellitenansicht - mit dem Risiko, dass dort *staatliche* Stellen explizit Löschungen verlangt haben mögen. Auch hier ist google nicht für weiße Felder verantwortlich.

    Also Blutdruck niedrig halten - diese Meldung lohnt die Aufregung nicht.

    5 Leserempfehlungen
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    Lieber JeanLuc7,

    vielen Dank für Ihren Kommentar zu meinem Artikel.

    Ich möchte nur darauf hinweisen, dass im Westjordanland nicht Tele Atlas der Datenlieferant ist, sondern GISrael Mapa. Das wurde mir durch diese Firma und durch Google selbst bestätigt. Falls Sie sich auch selbst überzeugen wollen, schauen Sie auf der eingebetteten Maps-Karte in die Ecke rechts unten. Dort ist der Copyright-Vermerk.

    Viele Grüße

    Rico Grimm

    • _bla_
    • 30. Mai 2013 8:43 Uhr

    "Beansprucht wird alles" ... was einem ursprünglich gehörte.

    Wann soll ihnen das "gehört" haben? Vor Ende des ersten Weltkriegs war das Gebiet Teil des osmanischen Reichs. Nach dem ersten Weltkrieg war das Gebiet und Jordanien Teil des Völkerbundsmandat für Palästina geschaffen mit dem ausdrücklichen Auftrag des Völkerbundes zur „Errichtung einer nationalen Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina“. Der Rechtsnachfolger des osmanischen Reichs hat das Mandat akzeptiert.
    Das Gebiet war unter britischer Kontrolle und sowohl jüdische als auch nationale arabische Unabhängigkeitsbewegungen haben versucht die Kontrolle über das Gebiet zu bekommen. Gehört hat das Gebiet weder der arabischer, noch der jüdischer Unabhängigkeitsbewegung. Es war erst unter Osmanischer, dann unter britischer Kontrolle. Erfolgreicher in ihren Unabhängigkeitsbestrebung war letztlich die jüdische Unabhängigkeitsbewegung.

    4 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Hübsche Wimpel"
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    Nach dem ersten Weltkrieg war das Gebiet und Jordanien Teil des Völkerbundsmandat für Palästina geschaffen mit dem ausdrücklichen Auftrag des Völkerbundes zur „Errichtung einer nationalen Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina“. Der Rechtsnachfolger des osmanischen Reichs hat das Mandat akzeptiert.
    Dass der "Rechtsnachfolger" das Mandat akzeptiert hat, ist nicht sonderlich verwunderlich, wenn man sich den Originaltext mal durchliest. Da wird schnell klar, dass das Mandat mit "nationaler Heimstätte" keineswegs einen "jüdischen Staat" gemeint hat, sondern eher eine rechtlich gleichberechtigte Staatsbürgerschaft in Palästina:
    "Artikel 7: Die Verwaltung von Palästina soll für den Erlass eines Gesetzes über die Staatsangehörigkeit verantwortlich sein. In dieses Gesetz sollen Bestimmungen aufgenommen werden, die so gefasst sind, dass sie die Erwerbung der palästinensischen Staatsbürgerschaft durch Juden, die ihren dauerhaften Aufenthalt in Palästina nehmen, erleichtern."

    Es ist schon bezeichnend, dass aus dem ganzen Mandatstext der "allierten Hauptmächte" (wie sie sich dort selbst bezeichnen) gerne nur einer kleiner Teil eines Nebensatz erwähnt wird, der im Originaltext nicht mal 5% des entsprechenden Satzes ausmacht. Denn schon der nächste Teil dieses Satzes, sowie der gesamte Mandatstext betonen immer wieder, dass die bürgerlichen, politischen und religiösen Rechte der nichtjüdischen Bevölkerungsteile dabei auf keinen Fall beeinträchtigt werden dürfen.

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Google | Microsoft | Israel | Palästina | Westjordanland
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