Internetpolitik : In Diekmanns Armen

Angela Merkel posiert bei einem Spiele-Start-up, Philip Rösler im Silicon Valley: Wie Politiker im Internet nach Erleuchtung suchen und nur Gelächter finden.
Wirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) und "Bild"-Chefredakteur Kai Diekmann umarmen sich während einer Besichtigung des Start-up-Unternehmens Rocket Space in San Francisco. © Ole Spata/dpa

Was macht eigentlich Jost Stollmann heute? Kurz zur Auffrischung: Stollmann, Jahrgang 1955, hatte in den neunziger Jahren den Computerhändler CompuNet für einen dreistelligen Millionenbetrag verkauft. Zur Strafe musste er dann Gerhard Schröder im Wahlkampf 1998 als Beleg für die sagenhafte Zukunftskompetenz der rundum erneuerten SPD dienen.

Inmitten von Alt-Jusos und Ochsentourlern wirkte Stollmann damals ein bisschen wie Commander Data auf einem Schützenfest – die Inkarnation einer neuen, hypermodern-sozialdemokratischen Spezies, weit weg von Gewerkschaftsfahnen und Currywurst und ganz nah dran an Neuen Markt und am gerüchteweise alle Probleme der Welt lösenden Internet.

Seitdem hat sich einiges getan: Der Neue Markt ist geschlossen, die New Economy macht vor allem durch Niedriglöhne und Leiharbeit Schlagzeilen und der Dotcom-Boom hat sich als Dotcom-Blase herausgestellt. Doch der zugrunde liegende Mechanismus, die Hoffnung deutscher Politiker, mit Hilfe entsprechender Bilder wenigstens ein bisschen vom diffusen Glanz des Internets zu profitieren, der ist geblieben.

Und so lässt sich Angela Merkel, wie jüngst im März, geduldig durch die Räume eines Berliner Spiele-App-Start-ups führen und stellt anschließend artige bis ungläubige Fragen zu den Erlösstrategien von Onlinespielen. Natürlich wirkt sie in dieser bunten Computerwelt wie die Großmutter beim Besuch im Kindergarten.

Politiker posieren wie Teenies mit ihren Stars

Das ist an sich auch gar kein Problem. Niemand glaubt ernstlich, dass Merkel auf der Rückbank ihres Dienstwagens zur Entspannung ein paar bunte Vögel auf kleine, verbunkerte Schweinchen feuert. Und niemand wählt Angela Merkel, weil sie sich so sagenhaft mit Smartphone-Spielen auskennt. Aber warum muss sie dann in aller Öffentlichkeit Interesse an dieser eigentümlichen Branche heucheln? Wozu überhaupt immer dieses Theater vor der Internetkulisse?

Als vor wenigen Tagen Mark Zuckerberg in Berlin zu Besuch war, stattete der Facebook-Gründer auch dem Deutschen Bundestag einen Besuch ab. Dafür gibt es viele gute Gründe, sowohl für Zuckerberg, als auch für das Parlament, das beispielsweise mal den von Facebook praktizierten Datenschutzbestimmungen mittels Gesetzeskraft Herr werden könnte.

Aber wie der CDU-Politiker Peter Tauber, immerhin Mitglied in der Enquetekommission Internet und digitale Gesellschaft und Burkhardt Müller-Sönksen, seines Zeichens FDP-Medienexperte, neben Mark Zuckerberg auf dem Dach des Reichstages posierten, da wirkten die Herren so gar nicht wie die gewählten Vertreter des deutschen Volkes. Sondern eher wie zwei dreizehnjährige Justin-Bieber-Fans, die ihrem Idol auf der Straße begegnet sind und nun das gemeinsame Bild in der Bravo veröffentlicht sehen wollen. Und voll Stolz twitterte Tauber auch sogleich in die Welt, wer ihn da gerade besucht hatte.

Das Bild der Abgeordneten Tauber und Müller-Sönksen ist symptomatisch für das Verhältnis deutscher Politiker zum Internet, in welcher Inkarnation auch immer: Auch zwanzig Jahre nach der Einführung des Browsers gilt das Netz den hiesigen Politikern nicht einfach als Alltagsmedium, sondern immer noch als Ausweis einer metaphysischen Zukunftskompetenz.

Selbst wenn man Tauber und Müller-Sönksen zugutehält, dass sie als Politiker ja tatsächlich die großen Zukunftsfragen beackern sollen, ja, selbst wenn man ihnen anrechnet, dass Politik immer auch Symbolpolitik ist, hat dieses Verhältnis zum Netz etwas beunruhigend Religiöses.

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Kommentare

30 Kommentare Seite 1 von 7 Kommentieren

Damit wir´s nicht missen müssen...

Werter Oliver van Troogk,
seien Sie mir mal bitte nicht böse, aber meine Bilddeutung ist doch die unverfänglichere und daher sicher die, die die beiden, Rösler und Dieckmann, auf gut Denglish "brothers in arms", wohl eher bestätigen würden.

Und auch ganz ernsthaft: Es ist Wahlkampfzeit, und heute kein G7-80- oder EU-Gipfel oder ein sonstiges internationales Fotoevent. Da geht Frau Merkel dann auch - vor dem Fototermin bei der "ersten gemeinsamen deutsch-niederländischen Kabinettssitzung" - schon mal zur 150ig-jährigen-Geburtstagsfeier mit dem zahnlosen Sozilöwen Peer kondolierend und omnipräsent fotografiert werden...

Leider ist´s ja heute bewölkt, daher kann mans nicht sehen, aber vermutlich trägt heute Nacht auch der Mond schon das leuchtend-liebliche Merkellächeln, damit wir´s nicht missen müssen.