Re:PublicaGunter Dueck, Hofnarr der digitalen Elite

Der Ex-IBM-Manager Gunter Dueck erklärt den Social-Media-Helden der re:publica, was sie da tun im Netz. Und was sich ändern muss, damit daran nicht alle zugrunde gehen. von 

Gunter Dueck bei der re:publica 2013

Gunter Dueck bei der re:publica 2013  |  © Axel Schmidt/CommonLens

Gunter Dueck war mal Mathematik-Professor, später dann Chief Technology Officer oder, wie er selber schreibt, Querdenker bei IBM. Heute ist er Rentner und Teilzeitphilosoph. Bei der Konferenz re:publica ist er so etwas wie der Hofnarr.

Dueck schreibt Bücher und hält Vorträge, in denen er beschreibt, wie das Internet die Gesellschaft verändert und sich Arbeitswelt und Bildungssysteme verändern müssten, um uns darauf vorzubereiten.

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Das ist prima, denn das Internet ist verteufelt kompliziert, und Dueck ist gebildet. Mühelos verrührt er drei bis fünf Philosophen, zwei Psychologen und einen Erziehungswissenschaftler zu einer halbwegs plausibel klingenden Theorie über das Zusammenleben in der Wissensgesellschaft.

Das ist unterhaltsam, denn Dueck wirkt mit seinem farblosen Jackett und seiner vorsichtig gemusterten Krawatte wie ein Dinosaurier unter all den beturnschuhten T-Shirt-Trägern der re:publica: Ein Ingenieur im Ruhestand mit grauem Haar, der den jungschen Typen im Saal erklärt, was sie da eigentlich tun mit ihrem ganzen Social-Media-Kram und ihren Cloudprojekten.

Von Katzen bis Zahnpasta

Das ist aber auch verwirrend, denn Dueck will viel sagen und packt vieles in halbe Nebensätze. Er habe das Stammeln zu einer Kunstform erhoben, twittert Ulrike Langer. Seine Vorträge mäandern vor sich hin, handeln von Katzen und Hunden, von Zahnpastatuben und Kommunikationsstilen, von Steuererklärungen und TV-Talkshows. Das ist genauso anstrengend, wie es klingt.

Es ist verwirrend, weil nie so ganz klar ist, was er jetzt gut findet, und was eher nicht. Denn er findet gar nicht, er beschreibt die Phänomene nur, überspitzt sie vielleicht. Um dann zu überlegen, was daraus folgen könnte. Ein Wissenschaftler eben, auch wenn er "seit zwanzig Jahren keine mathematische Formel mehr gesehen hat".

Und doch ist es gut und wichtig, was er stammelt. Vor zwei Jahren war sein Vortrag die große Überraschung bei der re:publica. Unerwartet und viel beachtet. Er entwarf darin eine komplett vernetzte Welt. Es ist eine Welt, die es so noch nicht gibt, von der aber alle wissen, dass sie kommen wird, die in ihrer Radikalität aber noch kaum jemand überblickt.

Kai Biermann
Kai Biermann

Kai Biermann ist Redakteur im Team Investigativ/Daten bei ZEIT ONLINE. Seine Profilseite finden Sie hier.

Dueck erzählte von Taxis ohne Fenster und Lenkrad, die dank Kameras auf dem Dach und Netzverbindung von Fahrern in Asien gesteuert werden. Technisch möglich, auch die Fahrpreise würden wohl sinken, trotzdem für viele sicher eine seltsame Vorstellung. Er erzählte, dass Ärzte doch eigentlich sinnlos seien, weil sowieso jeder seine Symptome im Netz googele und auch die Therapie gleich mit. Apothekenautomaten wären da doch praktischer.

Freundlich wirkt er dabei und stets ein wenig verwundert über das, was er so sieht. Dueck hat geradezu Freude an solchen Beispielen. Er schnaubt dann fröhlich, lacht und fragt: "Verstehen Sie?" Dabei sind solche Gedanken gar nicht sein eigentliches Thema. Sie sind nur der Auslöser.

Leserkommentare
  1. Oder nicht doch die sogenannte digitale Elite. Wobei ich ein paar Spinner, deren einzige Qualifikation die Bedienung eines Twitter-Accounts zu sein scheint, nicht unbedingt als Elite bezeichnen würde.

    Ich kenne den Herrn Dueck nicht und seine Thesen scheinen mir auch nicht gerade neu oder innovtiv. Aber grundsätzlich würde ich ihm, als EX-IBM-Manager mit technischem Background, schon deutlich mehr Sachkompetenz zuschreiben, als ein paar Hipster-Bloggern, die mit Sicherheit keine Ahnung von der IT-Welt haben. Ein tolles Beispiel für solche Leute ist Sascha Lobo, der mich jedes Mal aufs Neue mit seiner Unwissenheit verblüfft. Und so jemand ist dann als IT-Experte bei sämtlichen Talk-Shows geladen und bekommet eine eigene Kolumne auf SPON....

    Wie der Herr Biermann jetzt auf die Bezeichnung Hofnarr kommt, ist mir auch nicht wirklich ersichtlich. Alles was ich aus dem Text mitnehmen konnte ist, dass viele Blogger/RE:PUBLICA-Besucher nicht seiner Meinung waren und deshalb dringend die Veranstaltung verlassen und darüber twittern mussten. Aber so ist sie eben, die "digitale Elite" von heute....

    4 Leserempfehlungen
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    Ich schließe mich Ihrem Kommentar in allen Punkten an! Sascha Lobo ist für mich persönlich auch absolut überbewertet. Mehr - vielleicht nur? - Schein als Sein!

    Gunter Dueck kannte ich bisher auch noch nicht. Mal schauen, was er so auf Twitter verbreitet. Sollte interessanter Stoff sein!

  2. Eigentlich bin ich niemand, der Kommentare verfasst.
    Leider ist es an dieser Stelle jedoch dringend nötig, mal ein paar Worte zu diesem Artikel zu verfassen.

    Ich war als Hörer selbst vor Ort, klar, den Mitschnitt gibt es auch online (oder erst in ein paar Tagen)… Jedenfalls war der Vortrag inhaltlicher Art keineswegs banaler oder weniger hilfreich als 99% der Artikel, die in der ZEIT erscheinen. Man muss sich auch schon an seinen eigenen Maßstäben messen, und wenn der Artikel rückwirkend auf die eigenen Produkte angelegt wird… Dann knallt es nur laut.

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    @levinas
    "Jedenfalls war der Vortrag inhaltlicher Art keineswegs banaler oder weniger hilfreich als 99% der Artikel, die in der ZEIT erscheinen."

    Inwiefern behauptet denn der Artikel, dass Duecks Vortrag banal gewesen sei?
    Liegt's an dem 'Hofnarr' im Titel?
    Aber der Begriff ist doch nicht abwertend für die Person, für die er verwendet wird. Der Hofnarr sagt die Wahrheit - das Problem sind die, die vor ihm sitzen und sie nicht verstehen oder sie als Witz interpretieren. Also die, die kopfschüttelnd den Saal verlassen oder wütend twittern.

    ...über das man sich besser schon heute Gedanken machen sollte.
    Hätte man vor 100 Jahren gewusst, das die Entwicklung des Automobils zu Ölkrisen führen wird, hätte man sich vieles anders gemacht.
    Mag sein das Her Dueck bei einigem übertreibt, aber nachdenken wohin die Reise geht und welche Konsequenzen sich daraus ergeben sollte man schon heute.

    Und jeder der über das Internet spricht kommt eher früher als später auf Katzen :-)

  3. „Der neue Mensch.“ Quasi. Vorsicht.

    Früher oder später werden wir uns mit den Maschinen verbinden (müssen). Komisch, dass dieser Zustand -- weil unausweichlich, meiner Meinung nach -- so selten Thema ist.

  4. Herr Dueck ist ein angenehmer Gegenpol zu all denen, die uns täglich sagen, was wir machen sollen und wie wir leben sollen.
    Der Erfolg von Dueck hängt damit zusammen, dass er subtil beschreibt und dabei unsicher zweifelnd wirkt. Er urteilt nicht sofort. Ich habe den Eindruck, dass auch manchem Artikel hier etwas zweifelndes, etwa nachdenkliches gut tun würde.

    Eine Leserempfehlung
  5. "Jeder soll sich in andere hineinversetzen, sie verstehen, sie akzeptieren. Hierarchien und marktwirtschaftlicher Wettbewerb müssten aufhören, Kooperation und freiwilliger Beitrag das Basismodell sein. Miteinander statt gegeneinander. Ein neues Menschenbild brauche es dazu. "

    Dieses Bild erinnert mich fatal an "die sanften Ungeheuer" von Ira Levin.
    Alle Vorraussetzungen sind dort erfüllt, nur daß es mittels einem Zentralcomputer ("UNI") und vor allem mit Drogen ereicht wird, welche wichtige Emotionen, wie Aggression oder auch Sexualität unterdrückt.
    Ein neues Menschenbild wäre es allerdings. ;)

    Die Frage ist, wie Dueck sich den Weg zum "besseren Menschen" vorstellt.

    "Sein Weg, das zu verhindern, klingt utopisch."

    Ohne Vorstellung darüber, und sei sie noch so wage, wie man dorthin gelangen kann, ist es das wohl auch.

  6. @levinas
    "Jedenfalls war der Vortrag inhaltlicher Art keineswegs banaler oder weniger hilfreich als 99% der Artikel, die in der ZEIT erscheinen."

    Inwiefern behauptet denn der Artikel, dass Duecks Vortrag banal gewesen sei?
    Liegt's an dem 'Hofnarr' im Titel?
    Aber der Begriff ist doch nicht abwertend für die Person, für die er verwendet wird. Der Hofnarr sagt die Wahrheit - das Problem sind die, die vor ihm sitzen und sie nicht verstehen oder sie als Witz interpretieren. Also die, die kopfschüttelnd den Saal verlassen oder wütend twittern.

    2 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Unsägliche Paradigmen"
  7. - ist ein ziemlich kluger Gedanke.
    Der Sozialdarwinismus der FDP, Wirtschaftsflügel, Privat-TV-Castings und US-Reps ist altmodisch, ineffizient und macht überhaupt keinen Spaß. Er wird uns alle fertig machen wenn wir nicht aufpassen.

    3 Leserempfehlungen
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    Das ist mir immerhin lieber als Zwangs-Kollektivismus und Neo-Sozialismus von Rot/Grün. Denn ich will sicherlich nicht zwangsverbrüdert werden, da ich mit der Mehrheit der Leute und deren Meinungen aus guten Gründen nichts am Hut haben möchte. Und schon gar nicht möchte ich mir von anderen Leuten vorschreiben lassen was aus deren Sicht gut oder schlecht ist.

  8. ...über das man sich besser schon heute Gedanken machen sollte.
    Hätte man vor 100 Jahren gewusst, das die Entwicklung des Automobils zu Ölkrisen führen wird, hätte man sich vieles anders gemacht.
    Mag sein das Her Dueck bei einigem übertreibt, aber nachdenken wohin die Reise geht und welche Konsequenzen sich daraus ergeben sollte man schon heute.

    Und jeder der über das Internet spricht kommt eher früher als später auf Katzen :-)

    Eine Leserempfehlung
    Antwort auf "Unsägliche Paradigmen"

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