Twitter-BotsFerngesteuerte Meinungsmache

Spam wird längst schlauer produziert, zum Beispiel mit Social Bots, die auf Twitter menschliches Verhalten nachahmen. Die sind ein Problem, da viele den Daten vertrauen. von Frederik Fischer

Jack Dorsey, Gründer von Twitter, präsentiert bei einer Konferenz in Tokio Nutzerzahlen.

Jack Dorsey, Gründer von Twitter, präsentiert bei einer Konferenz in Tokio Nutzerzahlen.  |  © YOSHIKAZU TSUNO/AFP/Getty Images

Ungefähr 200 Millionen Menschen twittern (aktiv), die Börse twittert, Politiker twittern und rund zwanzig Millionen Bots tun es wohl auch. Twitter ist zum wertvollsten Datenlieferanten einer auf Geschwindigkeit getrimmten Wirtschaft und Gesellschaft geworden – und damit zunehmend zum Ziel von Manipulationen.

Gekaufte Follower oder computergesteuerte Accounts, die automatisch Spam-Links posten, sind dabei noch ein vergleichsweise plumper Versuch des Einflussdopings. Problematischer ist eine neue Generation von Bots, die gezielt menschliches Verhalten imitieren und damit erschreckend erfolgreich sind: die sogenannten sozialen Bots.

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Allein der Handel mit gefälschten Nutzerprofilen hat ein jährliches Marktvolumen von geschätzt 40 bis 360 Millionen Dollar erreicht. Doch während Bots der ersten Generation problemlos an generischen Namen wie @Beatrix690 und offensichtlichen Retortentweets im Stil von The most funny video ever… erkennbar waren, imitieren soziale Bots geschickt menschliches Verhalten.

Standard-Bots, die stur Spam verteilen, werden mittlerweile von Twitter nach kurzer Zeit entdeckt und gesperrt. Das hat das Business-Modell der Bot-Bauer verändert. "Es geht nicht mehr um Reichweite, sondern um Beeinflussung", sagt Lutz Finger, Gründer und Direktor der Data-Mining-Firma Fisheye Analytics und Autor des Buches Competing On Data

Subtile Meinungsbeeinflussung

Das bedeutet: Social Bots verhalten sich die meiste Zeit unauffällig. Sie twittern nur gelegentlich und folgen dabei verschiedenen, vorher einprogrammierten Interessen. Sie folgen auch nur vereinzelt anderen Nutzern und adden nicht gleich Tausende Accounts. Über Wochen und Monate bauen sie eine gewisse Reputation auf und sind damit für Twitters Spam-Erkennung unsichtbar. Denn sie entsprechen in ihrem Verhalten den 40 Prozent Twitter-Nutzern, die primär Inhalte konsumieren und sich ansonsten zurückhalten.

"Spätestens wenn dieser Punkt erreicht ist, können Social Bots subtil, aber gezielt die Meinungsbildung auf Twitter beeinflussen", sagt Finger. Sie können durch Tweets und Retweets Traffic auf bestimmte Inhalte lenken, Stimmung gegen oder für Politiker machen oder sogar aktiv die Netzwerkbildung fördern, indem sie Brücken zwischen verschiedenen Accounts schlagen. Das kann bereits dadurch gelingen, dass zwei Accounts im selben Tweet erwähnt werden, wie eine aktuelle Studie belegt.

Wie viele soziale Bots es tatsächlich gibt, lässt sich kaum sagen, denn genau darin liegt das Problem: Sie sind nur schwer von Menschen zu unterscheiden und kaum zu identifizieren. Sicher ist nur, dass es mehr werden.

Je umfangreicher sich Twitter auf wirtschaftliche und politische Entscheidungsprozesse auswirkt, desto hartnäckiger versuchen Betrüger, die Daten in ihrem eigenen, beziehungsweise dem Interesse ihrer Auftraggeber zu manipulieren. Das meint längst nicht nur Twitter, alle sozialen Netzwerke sind von dem Problem betroffen. Tobias Knecht von Abusix, einem Dienstleister für professionelle Spambekämpfung, sagt, "dass soziale Netzwerke verstärkt mit verschiedensten Methoden angegriffen werden, um eine Vielzahl von Manipulationen der Nutzer und der Plattformen selber durchzuführen". Aufgrund seiner offenen Struktur aber wird Twitter am liebsten genutzt.

Leserkommentare
  1. bin aber immer nur als Spinner abgetan worden.

    Besonders heftig wird es, wenn auch Firmen wie Google beginnen würden, diese Form der Maniplation für politische Zwecke ins Auge zu fassen.

    4 Leserempfehlungen
  2. ... will ich die letzte folge von "alternativlos" mit frank schirrmacher empfehlen: http://alternativlos.org/29/

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    • Nest
    • 27. Mai 2013 8:40 Uhr

    Schirrmachers Buch, "Ego"

  3. ...bei solchen Kurznachrichten, wo oft auch nur kurz angebunden Links verschickt werden, und auch oft nicht direkt kommuniziert, sondern "in den Äther" gesendet wird.
    In Foren beispielsweise ist die Bot-Erkennung deutlich leichter.
    Comic zum Thema: http://xkcd.com/810/

    Eine Leserempfehlung
  4. inzwischen gibt es fiktive persönlichkeiten, die die meisten von uns für "echt" halten. z.b. die frau bundeskanzlerin: typisches social bots verhalten: haste nicht gesehen, schon ist die wende da bezw. die person gefeuert, der sie gerade ihr "absolutes vertrauen" ausgesprochen hat.
    manchmal ist ein double unabdingbar, aber auch das ist leicht als solches zu erkennen.

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  5. Bei der erwähnten Persona Management Software werden mehrere Accounts auf einem Computer verwaltet _aber_ von (einem) Menschen gesteuert. Es handelt sich nicht um einen programmierten Bot (Roboter).

    Zweitaccounts sind so alt wie Accounts. Die Persona Management Software verwaltet sie nur.
    http://wiki.echelon2.org/...

    Gerüchte und Zeitungsenten gab es schon immer. Wenn Twitter Aktientrades steuert, liegt das in der Verantwortung der Aktienbesitzer. Wer sind wir Otto Normal-Sparbuchbesitzer, dass wir uns aufschwingen wollen, den Superreichen zu erklären, dass sie ihr Geld nicht mit Twitter riskieren sollen?

    Ein bisschen klingt mit das Aktienkurs-Beispiel auch zu sehr nach Wohlergehensanzeige der Welt per Börse. Immer mehr Leute merken nichts davon, wenn es der Wirtschaft gut geht. Na ja, das ist natürlich kein so erquickliches Thema wie Twitter-Bots und ihre Bedeutung für die Menschheit.

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  6. Wenn es mehr und mehr in das Bewusstsein sickert, dass Meinungen, die man von außen zugetragen bekommt komplett erfunden sein können, lernt der Mensch vielleicht wieder sich eigene Meinungen durch eigenes Nachdenken zu bilden ohne hoffen zu müssen, eine Mehrheitsmeinung zu finden, der man nachlaufen kann.

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  7. Die Maschinen-Bots kommen mir weniger bedrohlich vor. Sind nur Maschinen, die nicht selbstbestimmt handeln können.
    Die menschlichen Bots, die verbreiten, worauf sie progammiert wurden, sind mir wesentlich unheimlicher.

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    "Die menschlichen Bots, die verbreiten, worauf sie progammiert wurden, sind mir wesentlich unheimlicher."

    ...wenn ich den ersten Satz ihres Beitags nicht unbedingt zustimmen kann, dem zitierten stimme ich aber zu.
    Dabei denke ich weniger an so "primitive Bots", die beinahe täglich sich mit getarnten Hassbeiträgen zu Wort melden, oder in milderer Form am Ende regelmäßig die Formulierung "deshalb wähle ich sowieso" fallen lassen.
    Deren Mantras sind zwar mitunter sehr verstörend, nicht nur, weil sie regelmäßig viele Empfehlungen sammeln, aber eben leicht einzuordnen.

    Aber auch die menschlichen Bots haben gelernt. Bei Themenfelder wie Pharmaindustrie; Kernenergie und sonst allen wirtschaftlichen Themen, die gerade etwas aushalten müssen, kann man diese am Werk beobachten, wenn man genau hinschaut.
    Diese Ghostwriter sind dabei leider keineswegs so dumm, daß sie sich schon anhand von Eindeutigkeit; Eloquenz oder gar "abgeschriebenen" outen würden. Aber hat man erst mal den Verdacht, lohnt meist ein Blick in deren weiteren Beiträgen.

    Den Human Bots auf Twitter werden die Auftragsgeber wohl auch sehr aufmerksam verfolgen. Man mag den Gedanken kaum denken, so gruselig ist der, aber ab einer gewissen Qualtät dieser Bots (nur eine Frage der Zeit) könnte die Informationsalternative Internet Geschichte sein.

  8. Das Computerprogramm ELIZA wurde bereits 1966 von dem Informatiker Joseph Weizenbaum entwickelt. Offensichtlich sind die Social Bots eine automatisierte Variante davon.

    http://de.wikipedia.org/w...

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