Twitter-Bots : Ferngesteuerte Meinungsmache

Spam wird längst schlauer produziert, zum Beispiel mit Social Bots, die auf Twitter menschliches Verhalten nachahmen. Die sind ein Problem, da viele den Daten vertrauen.
Jack Dorsey, Gründer von Twitter, präsentiert bei einer Konferenz in Tokio Nutzerzahlen. © YOSHIKAZU TSUNO/AFP/Getty Images

Ungefähr 200 Millionen Menschen twittern (aktiv), die Börse twittert, Politiker twittern und rund zwanzig Millionen Bots tun es wohl auch. Twitter ist zum wertvollsten Datenlieferanten einer auf Geschwindigkeit getrimmten Wirtschaft und Gesellschaft geworden – und damit zunehmend zum Ziel von Manipulationen.

Gekaufte Follower oder computergesteuerte Accounts, die automatisch Spam-Links posten, sind dabei noch ein vergleichsweise plumper Versuch des Einflussdopings. Problematischer ist eine neue Generation von Bots, die gezielt menschliches Verhalten imitieren und damit erschreckend erfolgreich sind: die sogenannten sozialen Bots.

Allein der Handel mit gefälschten Nutzerprofilen hat ein jährliches Marktvolumen von geschätzt 40 bis 360 Millionen Dollar erreicht. Doch während Bots der ersten Generation problemlos an generischen Namen wie @Beatrix690 und offensichtlichen Retortentweets im Stil von The most funny video ever… erkennbar waren, imitieren soziale Bots geschickt menschliches Verhalten.

Standard-Bots, die stur Spam verteilen, werden mittlerweile von Twitter nach kurzer Zeit entdeckt und gesperrt. Das hat das Business-Modell der Bot-Bauer verändert. "Es geht nicht mehr um Reichweite, sondern um Beeinflussung", sagt Lutz Finger, Gründer und Direktor der Data-Mining-Firma Fisheye Analytics und Autor des Buches Competing On Data

Subtile Meinungsbeeinflussung

Das bedeutet: Social Bots verhalten sich die meiste Zeit unauffällig. Sie twittern nur gelegentlich und folgen dabei verschiedenen, vorher einprogrammierten Interessen. Sie folgen auch nur vereinzelt anderen Nutzern und adden nicht gleich Tausende Accounts. Über Wochen und Monate bauen sie eine gewisse Reputation auf und sind damit für Twitters Spam-Erkennung unsichtbar. Denn sie entsprechen in ihrem Verhalten den 40 Prozent Twitter-Nutzern, die primär Inhalte konsumieren und sich ansonsten zurückhalten.

"Spätestens wenn dieser Punkt erreicht ist, können Social Bots subtil, aber gezielt die Meinungsbildung auf Twitter beeinflussen", sagt Finger. Sie können durch Tweets und Retweets Traffic auf bestimmte Inhalte lenken, Stimmung gegen oder für Politiker machen oder sogar aktiv die Netzwerkbildung fördern, indem sie Brücken zwischen verschiedenen Accounts schlagen. Das kann bereits dadurch gelingen, dass zwei Accounts im selben Tweet erwähnt werden, wie eine aktuelle Studie belegt.

Wie viele soziale Bots es tatsächlich gibt, lässt sich kaum sagen, denn genau darin liegt das Problem: Sie sind nur schwer von Menschen zu unterscheiden und kaum zu identifizieren. Sicher ist nur, dass es mehr werden.

Je umfangreicher sich Twitter auf wirtschaftliche und politische Entscheidungsprozesse auswirkt, desto hartnäckiger versuchen Betrüger, die Daten in ihrem eigenen, beziehungsweise dem Interesse ihrer Auftraggeber zu manipulieren. Das meint längst nicht nur Twitter, alle sozialen Netzwerke sind von dem Problem betroffen. Tobias Knecht von Abusix, einem Dienstleister für professionelle Spambekämpfung, sagt, "dass soziale Netzwerke verstärkt mit verschiedensten Methoden angegriffen werden, um eine Vielzahl von Manipulationen der Nutzer und der Plattformen selber durchzuführen". Aufgrund seiner offenen Struktur aber wird Twitter am liebsten genutzt.

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