KriminalitätIn ihrer Freizeit jagen sie Mörder im Internet

Michelle McNamara betreibt in den USA einen Blog für ungelöste Mordfälle. Sie und andere Freizeitermittler versuchen, der Polizei zu helfen. Manchmal gelingt das sogar. von Boris Hänßler

Michelle McNamara sitzt an ihrem Rechner und googelt nach Manschettenknöpfen. Sie sucht ein ganz bestimmtes Exemplar mit der Initiale "N". Ein Serienkiller hatte einen solchen Knopf 1977 von einem seiner Opfer gestohlen. Bis heute ist der Täter unbekannt. McNamara findet tatsächlich einen, bei einem Second-Hand-Händler. Sie kauft ihn sofort und bezahlt 40 Dollar für eine Übernachtlieferung. Sie bringt das Beweisstück zur Polizei. Zum Täter führt es nicht. Doch das ist Alltag im Hause McNamara.

Die 43-Jährige lebt mit ihrer kleinen Tochter und ihrem Ehemann in Los Feliz, Kalifornien. Tagsüber ist sie Mutter und Hausfrau. Abends beginnt ihr Onlineleben als Hobby-Kommissarin. Sie ermittelt in sogenannten Cold Cases, in alten, ungelösten Mordfällen. 

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McNamara durchforstet das Internet nach jedem digitalen Krümel, den die Ermittlungsbehörden übersehen haben könnten. Sie durchstöbert Telefonverzeichnisse und Schuljahrbücher. Über Google Earth oder Maps schaut sie sich alte Tatorte an. Mit den rund 8.000 Gleichgesinnten, die ihren Blog True Crime Diary lesen, tauscht sie Theorien über Verdächtige aus.

Im Jahr 2006 startete McNamara ihr Blog und hat seitdem ungefähr 150 Fälle behandelt. Der große Erfolg war nicht darunter, ein paar nützliche Hinweise schon.

"Kalte Fälle" sind schwer zu lösen. Zeugen ziehen um, Erinnerungen werden vage, Beweise gehen verloren. Doch McNamara ist längst nicht die einzige, die sich trotzdem mit solchen Themen befasst, es gibt einige solcher Blogs. Die Freiwilligen im Netz können neuen Schwung in solche Ermittlungen bringen – sie sind viele, sie haben Zeit. Und die Hobby-Detektive erforschen Details, für die die Polizei nicht die nötigen Reserven hat.

Auf der Suche nach Verbindungen

"Das Internet wird von der Polizei noch immer zu wenig für Recherchen genutzt", sagt McNamara. Die Bloggerin sucht zum Beispiel in öffentlichen Archiven nach Verbindungen zwischen Fällen, bei denen die Polizei bislang von verschiedenen Tätern ausging. "Meine Arbeit trägt dazu bei, den Blick auf neue Verdächtige zu richten."

Das gelang ihr zum Beispiel bei Michael Devlin aus Missouri. Devlin wurde mehrfach wegen Kindesentführung und Missbrauch verurteilt. Devlins Bruder gab 2007 ein Interview, in dem er erklärte, dass er in einer ganz normalen Familie aufgewachsen sei. Er erinnerte sich darin an schöne Ferientage mit seinem Bruder am Lake Michigan. Bei McNamara schrillten bei diesem Satz  die Alarmglocken. Sie erinnerte sich an eine ungeklärte Kindesentführung an genau diesem See. Sie fand heraus, dass Devlins Familie tatsächlich in der Nähe des Tatorts ihre Ferien verbracht hatte. Mit den Informationen ging McNamara zur Polizei. Die behandelt Devlin seither als Hauptverdächtigen in diesem alten Fall.

In diesem Jahr wurde das Los Angeles Magazine auf McNamara aufmerksam. Sie sollte für die Zeitschrift einen Artikel über ihre Jagd nach dem von ihr so benannten "Golden State Killer" schreiben – jenen Mörder, der den Manschettenknopf gestohlen hatte. Er hat vermutlich 50 Frauen in Nordkalifornien missbraucht und zehn sadistische Morde in Südkalifornien begangen.

Wenn heute noch jemand diese Serie aufklären könnte, glaubt McNamara, dann Hobby-Detektive wie sie. Die Polizei hat nichts dagegen. "Kalte Fälle sind nicht so sensibel. Wenn sie nochmal bekannt werden, freuen sich die Ermittler", sagt die Bloggerin. Im Fall des Golden State Killers hat McNamara eine Onlineakte für das Los Angeles Magazin angelegt: Fotos der Tatorte, Seile, mit denen die Opfer gefesselt wurden, Aufnahmen vom Fußabdruck, Zeichnungen und Notizen, die vom Mörder stammen, Phantombilder und sogar Stimm-Aufnahmen. Der Killer hatte bei einem seiner Opfer angerufen und ihr den Tod vorab angedroht.

Leserkommentare
  1. Aber der Artikel beantwortete schon:
    "In Deutschland sind solche Netz-Aktivitäten unvorstellbar"

    Tatsächlich sind zudem Details äußerst schwer in Erfahrung zu bringen.
    Einerseits ist es gut, andererseits verhindert es ein mögliches, erweitertes Aufklärungspotential.
    Könnten gewisse Beschränkungen, bzw. Vorbehalte für "Hobby-Ermittler" nicht dadurch aufgehoben werden, indem Selbige eine art certifizierten Kursus absolvieren könnten? Zwecks Vertraulichkeit, Vorgehensweisen etc.?
    Vielleicht etabliert ein solcher Kursus gar neue, spezielle Softwareprodukte?

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    • nik--
    • 30. Juni 2013 17:53 Uhr

    Wir haben in Deutschland Ermittlungsorgane. Polizei und Staatsanwaltschaft. Die sollen einfach ihre Arbeit machen (und sich weniger um Belange wie „Terrorismus“ kümmern, für die sie gar nicht zuständig sind). Dann brauchen wir auch keine Hobby-Detektive, Pranger- und Verschwörungsportale. Btw. wer soll solche Zertifikate denn ausstellen? Wer guckt anderen in den Kopf oder weiß, was regelmäßige Mörderjagden mit der Psyche solcher Leute anstellt? Und ganz platt: Man muss sich nur mal ein paar Berichte über solche vorgeblichen Kautionsjäger und Privatdetektive in den vereinigten Staaten angucken. Bei denen heiligt ganz schnell der Zweck die Mittel. Da wird in bester Sondereinsatzkommando-Manier vorgegangen und die Milieuverbindungen hinterlassen ganz schnell ihre Spuren. Im Digitalen ist das nicht anders. Und gerade beim Thema Kindesmissbrauch entstehen da noch ganz andere Geschmäckle. Erinntert sich noch jemand an den Fall Tauss?

  2. Also ich bin ganz froh, dass es mit der Informationsfreiheit bei uns mit den Ermittlungsakten nicht so weit ist.
    Siehe den Artikel über mugshot.de hier auf zeit.de

    Man stelle sich vor, dass sind dann Bilder oder Protokolle von befragten Leuten dabei und denen wird dann im Internet und Reallife von deutschen Hobbydetektiven nachspioniert.

    • nik--
    • 30. Juni 2013 17:53 Uhr

    Wir haben in Deutschland Ermittlungsorgane. Polizei und Staatsanwaltschaft. Die sollen einfach ihre Arbeit machen (und sich weniger um Belange wie „Terrorismus“ kümmern, für die sie gar nicht zuständig sind). Dann brauchen wir auch keine Hobby-Detektive, Pranger- und Verschwörungsportale. Btw. wer soll solche Zertifikate denn ausstellen? Wer guckt anderen in den Kopf oder weiß, was regelmäßige Mörderjagden mit der Psyche solcher Leute anstellt? Und ganz platt: Man muss sich nur mal ein paar Berichte über solche vorgeblichen Kautionsjäger und Privatdetektive in den vereinigten Staaten angucken. Bei denen heiligt ganz schnell der Zweck die Mittel. Da wird in bester Sondereinsatzkommando-Manier vorgegangen und die Milieuverbindungen hinterlassen ganz schnell ihre Spuren. Im Digitalen ist das nicht anders. Und gerade beim Thema Kindesmissbrauch entstehen da noch ganz andere Geschmäckle. Erinntert sich noch jemand an den Fall Tauss?

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