Hardware-HackingWenn Hacker stricken

Die Strickmaschine von Fabienne Serrière strickt Überzüge für Club-Mate-Flaschen. Das kreative Basteln mit Textilmaschinen ist unter Hackern in Mode. von Tilman Baumgärtel

Überzug für Club-Mate-Flaschen

Maschinengestrickter Überzug für Club-Mate-Flaschen – ein Werk von Fabienne Serrière  |  CC BY SA 3.0 / Fabienne Serrière

Vor dem Computer kam die Rechenmaschine, vor der Rechenmaschine kam der Jacquardwebstuhl. Anfang des 19. Jahrhunderts war er der erste mechanische Webstuhl, der sich per Lochkarte programmieren ließ – so wie später die Großrechner der fünfziger und sechziger Jahre. Tausende von Karten steuerten das Gerät so, dass es die komplizierten Jacquardmuster erzeugte.

Wenn eine Webmaschine der Vorläufer des Computers war, liegt es nahe, Textilmaschinen an den Computer anzuschließen, um sie zu steuern. Genau das ist in den letzten Jahren zur Mode unter Hackern geworden: Sie hacken antiquierte Strickmaschinen, um sie mit einem modernen Rechner bedienen zu können.

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Fabienne Serrière ist eine Strickmaschinenhackerin: Sie hat eine Brother KH 930e-Strickmaschine aus den frühen achtziger Jahren so modifiziert, dass sie mit ihrem Laptop Strickmuster in das Gerät einspeisen kann. Die Amerikanerin, die in Berlin lebt, fertigt so Textilien aus digitalen Bildern im Bitmap-Format. Auf diese Weise hat sie bereits Schals gefertigt, deren Muster von einem Programm generiert wurden, oder Hüllen für die Flaschen der Hackerbrause Club Mate.

"Vorher hatte ich noch nie mit einer Strickmaschine gearbeitet", sagt sie. "Ich bin eigentlich eine Handstrickerin." Nun betreibt sie mit einigen Freunden im Wedding den Projektraum Electronic + Textile Institute Berlin, in dem sie an der Kombination von Hardware und Bekleidung arbeitet.

Den ersten Strickmaschinen-Hack gab es 2010

Fabienne Serrière

Fabienne Serrière  |  © Fabienne Serrière

Die Strickmaschine ist ihr ganzer Stolz. Als die Brother KH 930 im Jahr 1981 auf den Markt kam, war sie ein Stück Hightech. Mit einem Joystick konnte man auf einem Fernsehmonitor Designs entwerfen, die die Maschine dann ausführte. Damit gehört sie zu den ersten digitalen Fertigungsgeräten für den Hausgebrauch. Eine Zeitlang lieferte das Unternehmen sogar Disketten mit Strickmustern. Doch heute funktioniert die Computerperipherie oft nicht mehr, und Ersatzteile sind schwierig zu bekommen. Nach Anleitungen aus dem Internet hat sich Serrière darum ein Verbindungskabel zu ihrem Laptop gebastelt und direkt an die Maschine gelötet.

Mit einer Software, die sie sich aus Bausteinen aus dem Netz zusammengestellt hat, entwirft sie nun Strickmuster. Automatisch stricken kann die Maschine diese aber nicht. Der Benutzer muss die Fäden mithilfe eines Schlittens über die Nadeln führen, ein Magnet im Schlitten richtet die Nadeln so aus, dass ein Muster entsteht. "Darum sagen viele Maschinenstricker auch, dass Strickmaschinen die Fitnessgeräte des Handarbeitens sind", sagt Serrière. Ihre Strickmuster hat sie online veröffentlicht: "Alles, was ich mache, ist Open Source, und ich teile es im Netz."

Ausgelöst wurde der Strickmaschinen-Trend unter Hackern durch ein Anleitung, die von der amerikanischen Do-It-Yourself-Zeitschrift Craft 2010 im Internet veröffentlicht wurde. In einem Video demonstrierte die Designerin Becky Stern, wie man eine Brother-Strickmaschine mit einem modernen Computer steuert. Die KH 930-Strickmaschine wurde unter Hackern daraufhin so populär, dass auf Ebay inzwischen Höchstpreise für das Gerät geboten werden.

Gehirnwellen als Muster auf dem Schal

Brother KH 930e-Strickmaschine

Gehackte Brother KH 930e-Strickmaschine  |  CC BY SA 3.0 / Fabienne Serrière

Künstler wie Andrew Salomone haben begonnen, mit modifizierten Strickmaschinen Kunstwerke zu schaffen. Eine Skimaske, die sein eigenes Gesicht zeigt, gehört zu seinen beliebtesten Arbeiten. Das Künstlerduo Varvara Guljajeva und Mar Canet hat eine Strickmaschine so umgebaut, dass sie die Muster von Gehirnwellen zu Schals verarbeitet.

Fabienne Serrière verkauft ihre Werke über das Internet, kann davon aber nicht leben: "Mit den Sachen, die ich stricke, verdiene ich nicht so viel wie in meinem Beruf als Systemadministratorin. Aber es ist mein Traum, das hauptberuflich zu tun." Einen Markt für solche Strickwaren gibt es, glaubt sie: Viele junge Designer würden sich individuelle Wollstoffe nach ihren eigenen Entwürfen wünschen. Darum spart sie nun auf eine Industriestrickmaschine. Sie sagt: "Code schreiben macht süchtig. Hacken macht süchtig. Und Stricken macht auch süchtig."

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Leserkommentare
  1. 1. […]

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Computer | Hacker | Berlin
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