Occupy GeziSoziale Netzwerke holen viele Türken auf die Straße

Facebook und Twitter haben in der türkischen Debattenkultur einen festen Platz und spielen beim Protest um den Gezi-Park eine wichtige Rolle. Nicht immer eine gute. von Kübra Gümüsay

Wut auf die eigenen Medien – ein zerstörter Wagen eines Fernsehsenders auf dem Taksim-Platz

Ein zerstörter Wagen eines Fernsehsenders auf dem Taksim-Platz in Istanbul  |  © REUTERS/Stoyan Nenov

Bei CNN Türk watschelten niedliche Pinguine über den Bildschirm. Währenddessen berichtete CNN International per Live-Schaltung von den Protesten und der Polizeigewalt auf dem Istanbuler Taksim-Platz. Es waren die Anfangstage der Gezi-Park-Proteste in der Türkei. Auch woanders im türkischen Fernsehen spielte man da noch heile Welt: Kochsendungen, Serien und Quizshows.

Die Wut der türkischen Protestierenden über die Selbstzensur der heimischen Medien ließ nicht lange auf sich warten. Auf Twitter und Facebook kritisierten sie die Sender, forderten ausführliche Berichterstattung und produzierten schließlich – wie bereits seit Anfang der Proteste – eigenständig Bilder, Kurzvideos und Informationen. Damit schufen sie eine Gegenöffentlichkeit zu den türkischen Fernsehsendern und Zeitungen, die nur schwerfällig und unzureichend berichteten.

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Die Dokumentation der brutalen Polizeigewalt, der Verletzungen und der mittlerweile zwei Toten leisteten die Demonstranten selbst. Über eine Crowdfunding-Plattform sammelten drei Protestierende Spenden für eine ganzseitige Anzeige in der New York Times, die am Mittwoch geschaltet wurde. Mit Erfolg: Ausländische wie türkische Medien zogen nach, gaben den Protesten mehr Platz, verschafften ihnen mehr Aufmerksamkeit.

Viele mobilisiert

Das steht jetzt schon fest: Ohne die sozialen Medien wäre die Zahl der Demonstranten sicher deutlich kleiner ausgefallen. Die dürftigen Berichte in den klassischen Medien, die Polizeigewalt und die Hilferufe in den sozialen Netzwerken zogen selbst die jungen Türken aus dem Haus, die sonst nie durch politische Äußerungen auf sich aufmerksam gemacht hatten: "Non-Activist Participation" nennt die Social-Movement-Forscherin Zeynep Tüfekci das Phänomen, die Beteiligung jener, die bislang nicht zu den Aktivisten zählten.

Obwohl Ministerpräsident Recep Tayyip Erdoğan Twitter als "Ärger" abtat, twitterten auch Tausende seiner Unterstützter unter dem Hashtag #yedirmeyeceğiz (Kaufen es nicht ab/Schlucken das nicht. wörtlich: Lassen es nicht essen).

Die Hashtags #GeziParki, #DirenGeziParki (Halte durch/Leiste Widerstand Gezi-Park) und #OccupyGezi wurden weltweit zu Trending Topics. Allein #OccupyGezi wurde knapp eine Million Mal auf Twitter verwendet. Im Gegensatz zum arabischen Frühling vor zwei Jahren stammen dabei 90 Prozent der geografisch georteten Tweets jedoch aus der Türkei. 

7,2 Millionen Türken twittern

Es ist nicht das erste Mal, dass türkische Facebook- und Twitter-Nutzer als kritische und meinungsstarke Masse auftreten. 2011 wurde zuerst auf Twitter von den Luftangriffen auf Uludere berichtet, bei dem 34 Zivilisten umgekommen sind. TV und Print hatten der Nachricht bis dahin keine Beachtung geschenkt.

Twitter und Facebook sind mittlerweile ein fester Bestandteil der türkischen Debattenkultur. Fast die Hälfte der türkischen Bevölkerung war im vergangenen Jahr online, mehr als 7,2 Millionen nutzen Twitter und mit über 30 Millionen Facebook-Nutzern gehört die Türkei zu den zehn am stärksten dort vertretenen Ländern weltweit – gleichauf mit Großbritannien.

Was auf Twitter passiert, wird meistens auch im Fernsehen und in der Zeitung Thema. In Nachrichten- und Unterhaltungssendungen werden Hashtags eingeblendet, über die sich Zuschauer austauschen und die Sendung kommentieren können. Immer wieder beginnen Kolumnisten ihre Texte mit den Worten "Letztens auf Twitter…".

Leserkommentare
  1. Was ist viel?

    Wenn von 12 millionen Istanbulern 10.000 auf die straße gehen, ist das viel?

    Ich denke, es ist sogar verdammt wenig.

  2. 2. [...]

    Entfernt. Bitte bemühen Sie sich um einen differenzierten und weniger polemischen Kommentarstil. Die Redaktion/mak

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    • TDU
    • 06. Juni 2013 15:24 Uhr

    Zit.: "Von Deutschland kann man nicht behaupten, das die Medien eine Vielfalt an Meinung unter das Volk bringen. Differenzierte Betrachtung von politischen Themen in Deutschland ?" Es wird weniger, das stimmt.
    Aber:

    Zit: "Dabei wird nur selten strikt zwischen Meinung und Nachricht unterschieden. Stattdessen dominiert Meinungsjournalismus die türkische Medienkultur."

    Das wollen Sie doch wohl nicht als vorbildlich hinstellen. Genau das droht in der Internet Presse. Aber es droht nur und ist längst nicht soweit. Deswegen ist es hier auch nicht so polarisiert ausser in den Foren mit viel "Stammtischbeteiligung."

    Ich würde sagen früher wars hier auch nicht anders. Aber Deutschland hat sich eben nach dem Krieg sehr zum Positiven verändert.

  3. 3. [...]

    Entfernt. Bitte kommentieren Sie den Inhalt des Artikels. Die Redaktion/mak

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  4. 4. [...]

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    • TDU
    • 06. Juni 2013 15:24 Uhr

    Zit.: "Von Deutschland kann man nicht behaupten, das die Medien eine Vielfalt an Meinung unter das Volk bringen. Differenzierte Betrachtung von politischen Themen in Deutschland ?" Es wird weniger, das stimmt.
    Aber:

    Zit: "Dabei wird nur selten strikt zwischen Meinung und Nachricht unterschieden. Stattdessen dominiert Meinungsjournalismus die türkische Medienkultur."

    Das wollen Sie doch wohl nicht als vorbildlich hinstellen. Genau das droht in der Internet Presse. Aber es droht nur und ist längst nicht soweit. Deswegen ist es hier auch nicht so polarisiert ausser in den Foren mit viel "Stammtischbeteiligung."

    Ich würde sagen früher wars hier auch nicht anders. Aber Deutschland hat sich eben nach dem Krieg sehr zum Positiven verändert.

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    Sie haben Recht, das der türkische Journalismus stark von Meinungen geprägt.

    Umgekehrt agiert der Deutsche Journalismus in vorgegebenen Kampagnen und Schablonen.

    Ich möchte mit dem Einen nicht das Andere rechtfertigen - Aus meiner Sicht ist beide Form des Journalismus falsch und entspricht nicht dem, was ich unter freiem Journalismus verstehe.

    Andererseits ist es doch so, das sowohl die Menschen in Deutschland als auch die Menschen in der Türkei in den Medien NIE das ganze Bild gezeigt bekommen. Und dies liegt nicht daran, dass das ganze Bild zu groß ist um es im vollen Umfang zu zeigene - Sondern ganz allein daran, das die jeweilige Meinung / Kampagne / Schablone in der Redaktion dies bewußt unterbindet.

  5. Sie haben Recht, das der türkische Journalismus stark von Meinungen geprägt.

    Umgekehrt agiert der Deutsche Journalismus in vorgegebenen Kampagnen und Schablonen.

    Ich möchte mit dem Einen nicht das Andere rechtfertigen - Aus meiner Sicht ist beide Form des Journalismus falsch und entspricht nicht dem, was ich unter freiem Journalismus verstehe.

    Andererseits ist es doch so, das sowohl die Menschen in Deutschland als auch die Menschen in der Türkei in den Medien NIE das ganze Bild gezeigt bekommen. Und dies liegt nicht daran, dass das ganze Bild zu groß ist um es im vollen Umfang zu zeigene - Sondern ganz allein daran, das die jeweilige Meinung / Kampagne / Schablone in der Redaktion dies bewußt unterbindet.

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    Antwort auf "@ 2 Jon Mc lane"
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    • TDU
    • 06. Juni 2013 16:31 Uhr

    Zit: "Kampagnenjournalsimus" Da geb ich Ihnen recht zumal die hauptpresse immer mehr versucht, Politk zu gestalten ohne gewählt zu sein udnenstprechende verantwortung zu übernehemn.

    Nur so schlimm, da in Bausch und Bogen zu verurteilen, ist es doch nicht. Ws kan amn alles vorfinden an Spezialiteratur, Lexika (Wikiepdia für mich nur für Stichworte) und Fachzeitschriften. Alles nicht billig, aber ich glaube, davon können andere Länder nur träumen.

    Also hinterfragen und sich mit Pauschalen nicht zufrieden geben udn möglcihstkeein nutzen. Fällt halt manchmal schwer. Und eindeutiges Eintreten für Pressefreiheit.

    Meine Erfahrung: Das ständige Niedermachen der Demokratie in den 1970iger hat manchen Niedermachern wunderbare Sessel und Pensionsansprüche beschert.

    Und auch die Pressefreiheit wurde auch damals als Scheinfreiheit kritisiert. Man kann denen, den sie ein Dorn im Auge ist, keinen größeren Dienst erweisen als in dieses Lied einzustimmen.

    Plötzlich sitzen die da oben und vorbei ist es mit der Vielfalt. Und zur marktkonfromen Demokratie gbst noch de marktkonforme Presse gratis dazu.

    • TDU
    • 06. Juni 2013 15:32 Uhr

    Zit.: "Gestern Nacht, beim Miraç Kandili, bei dem Muslime die Himmelfahrt des Propheten Muhammed feiern, fanden sich Protestierende auf dem Taksim-Platz zum gemeinsamen Gebet zusammen. Säkulare, Kemalisten, Religiöse, Traditionalisten, Kommunisten und Nationalisten. Demonstrativ, für #sagduyu."

    Man sieht Twitter und Co. haben 2 Seiten. Hätten Twitter udn Facebook villeicht Hitler verhindern können, wenn die Verängstigten auf die Strasse gegangen wären im Bewusstsein, ich bin nicht allein?

    Und was wäre gewonnen, wenn alle ängstlich zu Hause blieben, weder gemeinsam feiern noch gemeinsam kritisieren, die Verhältnisse sich verfestigen und sich irgendwann der Volkszorn doch erhebt? Dann wird erst mal nicht gefeiert, sondern gemordet wie z. B. in Syrien.

    Ich meine, Twitter und co. eröffnen Chancen, Ausuferndes zu korrigieren. Gemeinsam und das ist das Enstcheidende.

    • q17
    • 06. Juni 2013 15:33 Uhr
    8. [...]

    Entfernt. Bitte belegen Sie Ihre Behauptungen. Danke, die Redaktion/jk

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