Online-WerbungWas du twitterst, verrät wer du bist

Mit jedem Tweet zeigen wir ein Stück unserer Persönlichkeit. Die Werbeindustrie will das nutzen. Dank einer Software, die aus Twitter-Accounts die Psyche des Users liest. von Christian Endt

Twitter

Ein Smartphone-User startet die Twitter-App  |  ©Regis Duvignau/Reuters

Wenn Sie auf Twitter posten: "Schöner Sommerabend. Zeit für den Biergarten", teilen Sie der Welt etwas mit. Im Zweifel ist es sogar mehr, als Ihnen dabei bewusst ist. Der Satz klingt auf den ersten Blick unverfänglich, allzu Intimes gibt er nicht preis, könnte man meinen. Weit gefehlt, wenn man Forschern des amerikansichen IT-Konzerns IBM glauben darf.

Ein Team vom IBM-Forschungszentrum Almaden im kalifornischen San José behauptet, aus Tweets wie dem oben genannten auf die Persönlichkeit des Verfassers schließen zu können. Das berichtet der Economist unter Berufung auf Eben Haber, den Leiter des Teams.

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Die IBM-Forscher bauen dabei auf ältere Studien auf, die den Zusammenhang zwischen der Verwendung von bestimmten Schlagwörtern und einzelnen Persönlichkeitsmerkmalen untersucht haben. Das Wort "Sommer" in diesem Tweet kann demnach auf Altruismus und Hilfsbereitschaft hinweisen, die Vorliebe für Biergärten könnte den Nutzer gar als extrovertiert outen.

Die Gruppe um Haber hat diese Erkenntnisse auf Twitter übertragen und untersucht, wie viele 140-Zeichen-Texte untersucht werden müssen, um Aussagen über die Persönlichkeit des Verfassers machen zu können.

Die Big Five der Psychologie

Fünfzig Tweets reichen den Forschern nach eigener Aussage, um die gesamte Persönlichkeit eines Menschen "ziemlich gut" zu bestimmen, mit 200 Kurznachrichten könne man jeden schon "sehr gut" einordnen.

Haber und seine Leute stützen sich dabei auf ein Konzept, das Psychologen als die "Big Five" bezeichnen. Angelehnt an die Großen Fünf der afrikanischen Wildtiere (Löwe, Elefant, Nashorn, Büffel und Leopard) sollen die Big Five der Psychologie die Hauptmerkmale der menschlichen Persönlichkeit umfassen: Gemeint sind damit fünf voneinander unabhängige Eigenschaften, neben Extraversion und Verträglichkeit zählen dazu Neurotizismus, Gewissenhaftigkeit und Offenheit für Erfahrungen.

In den Tweets suchen sie nach Hinweisen auf die Eigenschaften und versuchen zu schätzen, wie stark sie jeweils ausgeprägt sind. Daraus erstellen sie ein Profil des Nutzers.

Die IBM-Entwickler möchten das Verfahren noch in diesem Jahr als kommerzielle Software auf den Markt bringen. Mittels Persönlichkeitsanalyse soll personalisierte Werbung besser funktionieren. Denn wer im Internet welche Anzeigen sieht, hängt bisher vor allem von oberflächlichen Attributen wie Alter, Geschlecht und Familienstand ab.

Dementsprechend selten erreicht die Werbung ihr Ziel: Die Klickraten, die angeben wie oft ein angezeigtes Banner auch angeklickt wird, liegen gewöhnlich unter einem Prozent, und noch viel seltener führt die Werbeschaltung zu einem Kauf: In den USA bei nur einer von zehntausend Einblendungen, wie der Economist schreibt.

Leserkommentare
    • chris-
    • 04. Juni 2013 19:11 Uhr

    in Zusammenarbeit mit "neuronaler" Werbeforschung empfehle ich diesen Artikel >> Hirnforschung: Endocannabinoide als Schutz vor Reizüberflutung <<

    Irgendwie fühle ich mich einem Hackerangriff ausgesetzt

  1. Dann würden mir schon die ganzen Penisverlängerungsmails erspart bleiben ;)

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    Eine Leserempfehlung
  2. Niemand mag Werbung. Die wird maximal geduldet, enthält meistens Unwahrheiten, oft Lügen und macht die beworbenen Produkte nur teurer aber nicht besser.

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    4 Leserempfehlungen
  3. ist ein seltsames Ding, wenn sie an Tweets festgemacht wird.

    Es gibt ja auch aus der früheren Welt exzessive textuelle Entäußerungen von Persönlichkeiten. Nehmen wir doch einfach mal den Briefwechsel von Goethe als Beispiel. Vielleicht findet sich einer, der da mal analysiert, ob er lieber die eine oder andere braune Ekelbrause getrunken und welche Porno-Seite er angezappt hätte.

    Das, was sich aus Anhäufungen von sehr limitierten Zeichenreihen über eine "Persönlichkeit" aussagen läßt, ist doch wohl eher ein Popanz mit Penisverlängerung.

    Das macht mich glücklich, denn selbst wenn ich twittern würde (was ich nicht tue) wäre meine Persönlichkeit wohl kaum enträtselbar.

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    • Mari o
    • 05. Juni 2013 8:52 Uhr

    wenn man arm ist,bleibt man von personalisierter Werbung verschont.Ich bemerke jedenfalls kaum Werbung.oder vielleicht bin ich arm weil ich zu doof bin reich zu sein,und merke deshalb nichts.

    • Mari o
    • 05. Juni 2013 8:52 Uhr

    wenn man arm ist,bleibt man von personalisierter Werbung verschont.Ich bemerke jedenfalls kaum Werbung.oder vielleicht bin ich arm weil ich zu doof bin reich zu sein,und merke deshalb nichts.

    Antwort auf "Die Persönlichkeit"
    • vastus
    • 05. Juni 2013 9:29 Uhr

    Falls jede Persönlichkeit Ausdruck ihrer Individualtiät ist, versucht die Werbeindustrie also Geld dafür zu investieren, mit hohem Aufwand einen kleinen Teil der Verbraucher individuell anzusprechen.

    Nach der 80/20-Regel wird also sehr viel Energie dafür verschwendet, die letzten 20 Prozent gezielt anzusprechen, die durch ihre Aktivitäten auf Twitter, Google, Facebook usw. sichtbar sind.

    Was ist aber das Ergebnis dieser gezielten Werbung? Ich bekomme Angebote für Dinge, die mich sowieso interessieren, und ich zuvor bereits in Webshops, unter Freunden oder meinem Newsblog längst kennengelernt habe.

    Toller Fortschritt.

  4. Amazon beweist mir jeden Tag, dass es mich für Schwul hält. Und die Werbung, die ich dann auf den Schirm bekomme, ignoriere ich gewissenhaft.

    Im Gegenteil: Die RP-Online.de hat mir doch tatsächlich letztens ein Pop Up präsentiert, das mir naheliegt, keine Anti Werbung Software zu benutzen, weil sonst das bisher kostenlose Online Angebot "in Gefahr" geraten könnte.

    Nette Erpressung. Es bleibt beim Versuch. Und auch der Anti Pop Up bleibt, wo er ist.

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  • Schlagworte Altruismus | Online-Werbung | Psychologie | Software | Twitter | Werbung
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