Die Reaktionen in den USA auf den NSA-Skandal fallen bisher enttäuschend schwach aus. Bürgerrechtler und Aktivisten tun sich schwer damit, ihre Wut in produktive Bahnen zu lenken. Zur geplanten Großdemonstration am 4. Juli in Washington etwa kamen nur einige Hundert Menschen.

Die meisten stimmen dem staatlichen Eindringen in die Privatsphäre zu, weil sie glauben, dass dadurch terroristische Angriffe verhindert werden können. Hinzu kommt oft ein zynisches Beharren darauf, dass niemand von der Überwachung aller digitalen Netzwerke durch Regierungen und Privatunternehmen überrascht sein sollte.

Als ein frustrierter Befürworter der freien Rede im Netz suche ich nach Wegen, meinen US-amerikanischen Mitbürgern zu erklären, was die weitgehende Überwachung ihrer Kommunikation bedeutet. Anders als in Deutschland, wo Erinnerungen an die Stasi heute einen instinktiven Widerstand gegen die Überwachung auslösen, war staatliche Überwachung in den USA oft auf politische Randgruppen konzentriert. Viele US-Amerikaner nehmen deshalb an, sie seien nicht persönlich betroffen.

Vielleicht kann Steve Manns Konzept der sousveillance helfen, Überwachung sichtbarer zu machen.

Mann ist Professor an der Universität von Toronto und einer der Erfinder der ersten tragbaren Computer. 1981 konstruierte er als Student am Massachussets Institute for Technology nahe Boston das EyeTap, eine auf dem Kopf zu tragende Kamera, die aufnahm, was ihr Träger sah. Mehr als 30 Jahre vor Google Glass begann Mann, permanent eine Kamera am Körper zu tragen und alles aufzunehmen, was er erlebte. Er weiß also genau, wie es ist, überwacht zu werden und selbst zu überwachen.

Steve Mann erfand den Begriff der sousveillance, der Unterwachung, dem Beobachten von "unten", als eine Alternative zur Überwachung, dem Überblicken von oben.

Überwachung heißt: Mächtige Institutionen kontrollieren das Verhalten eines Individuums, indem sie es beobachten oder ihm androhen, es zu tun (wie in Jeremy Benthams Panopticon). Mit der Unterwachung kehren Individuen das Konzept um, indem sie ihre Kameras auf Institutionen richten, deren Verhalten dokumentieren und Fehlgriffe online für ein weltweites Publikum zugänglich machen.

Notwendige Provokation

Unterwachung provoziert eine Debatte darüber, was es bedeutet, beobachtet zu werden. Selbst wenn Überwachung sichtbar ist, wie bei Kameras an Häusern und in Bahnhöfen, neigen die meisten Menschen dazu, sie zu ignorieren. Aber wenn jemand eine Kamera direkt auf uns hält – speziell eine Kamera, die auf die Brillengläser montiert ist –, dann reagieren wir oft mit Wut oder Ärger. Steve Mann, dessen Kamera an seinem Schädel befestigt ist, wurde in einem Fastfood-Restaurant in Paris angegriffen, weil Angestellte nicht von ihm aufgenommen werden wollten. Sie versuchten, die Kamera gewaltsam von seinem Kopf zu entfernen.

Vielleicht brauchen wir Provokationen wie diese, um Reaktionen auf Online-Überwachung auszulösen.

Creepy, ein Programm von Ioannis Kakavas, kann die Bewegungen eines Menschen anhand seiner Statusmeldungen in sozialen Netzwerken verfolgen. Während Creepy als Projekt von Aktivisten gedacht war, nutzen kommerzielle Programme ähnliche Taktiken. Die iPhone-App Girls around me zum Beispiel nutzte Foursquare-Check-Ins, um Männern anzuzeigen, wo in ihrer Nähe sich gerade viele Frauen aufhalten. Wütende Reaktionen auf diese App oder auch die Meldungen, dass man mit Google Glass in manche Kneipen gar nicht erst hinein gelassen wird, zeigen, dass Manns Idee ein erster Schritt sein kann: Wenn Überwachung plötzlich sichtbar wird und uns direkt betrifft, kann das eine Diskussion darüber auslösen, welche Art von Überwachung wir akzeptieren und welche nicht.