Die Haltbarkeit vieler Produkte lässt sich nur unter Verzicht auf andere Vorteile erkaufen: Flugzeuge werden nicht aus Hartgummi hergestellt, Fensterscheiben nicht aus Stahl, und die meisten Menschen ernähren sich nicht ausschließlich von Produkten, deren Verfallsdatum mehrere Jahre in der Zukunft liegt. In der Diskussion um die Haltbarkeit digitaler Inhalte aber sieht es oft so aus, als sei die Dauerhaftigkeit des Analogen uneingeschränkt von Vorteil.

"Das wohl wichtigste Versprechen des Digitalzeitalters wurde gebrochen", hieß es vor einigen Jahren in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. "Stand am Anfang der Gedanke, dass Digitales aller Art durch seine entmaterialisierten binären Inhalte der herkömmlichen analogen Speichertechnik in jeder Hinsicht überlegen ist, stellt sich jetzt Ernüchterung ein. Bibliotheken, Archive, Unternehmen, Behörden, Medien und Universitäten müssen sich schon lange mit dem Problem auseinandersetzen, dass nicht einmal 30 Jahre alte digitale Informationen für immer verloren sind."

Dabei haben auch haltbare Medien ganz konkrete Nachteile: Am gedruckten Text wird häufig gelobt, dass er nicht einfach über Nacht wieder geändert werden kann. Aber dieselbe Eigenschaft bringt es mit sich, dass Fehler, die sich einmal in den Text eingeschlichen haben, dort lange stehenbleiben. Haltbarkeit des Mediums und einfache Fehlerkorrektur schließen sich gegenseitig aus. Man kann Text in einen Marmorblock meißeln, dann sind auch die Fehler dauerhaft. Oder man schreibt ihn ins Netz, dann sind die Fehler leicht zu beheben, aber auch der übrige Text ist nicht ganz so dauerhaft wie ein Marmorblock.

Die ausgedruckte Wikipedia hätte 1.800 Bände

Haltbare Medien erschweren nicht nur die Fehlerkorrektur, sondern eignen sich auch weniger für Informationen, die sich schnell verändern. Und da die haltbaren Medien zwar nicht immer Marmorblöcke, aber doch etwas größer und schwerer sind als die weniger dauerhaften, gilt dasselbe für sehr umfangreiche Werke. Nachschlagewerke vereinen häufigen Änderungsbedarf mit großem Umfang und wurden daher als Erste von der Digitalisierung verzehrt. Wäre die englischsprachige Wikipedia ein Lexikon auf Papier, dann hätte sie ohne Bilder knapp 1.800 dicke Bände. Selbst die deutschsprachige Ausgabe wäre mit über 800 Bänden immer noch etwas unhandlich beim Umzug. 

Setzt man statt Papier auf ein wirklich haltbares Medium, wird die Lage nicht besser. Der österreichische Anbieter Memory of Mankind brennt für Privatpersonen und Institutionen Aufbewahrenswertes auf Keramiktafeln, die in einem ehemaligen Salzbergwerksstollen einige Hunderttausend Jahre überdauern sollen. Für die anderthalb Millionen Einträge der deutschen Wikipedia wären mindestens eine halbe Million Tontafeln nötig. Und es ist deutlich schwerer, auf diese Tontafeln zuzugreifen, wenn man beispielsweise auf einer Zugfahrt dringend alles über Kuhmagnete oder Schmuckeremiten herausfinden muss.

Neben diesen konkreten Problemen bringt Haltbarkeit auch einige abstraktere Nachteile mit sich, zum Beispiel das Gegenstandsdenken. Als im letzten Winter der Verkauf der Stralsunder Archivbibliothek durch die Presse ging, drehte sich die gesamte Diskussion um die physischen Bücher: Die Gegenstände waren durch unsachgemäße Lagerung von Schimmel befallen, die Gegenstände waren verkauft worden. Dass diese Gegenstände auch Text enthalten, und dass man diese Inhalte eventuell besser zugänglich machen könnte als in einem feuchten und offenbar nicht besonders seriös verwalteten Archiv, davon war nicht die Rede. 

Aufmerksamkeit auf den physischen Gegenstand Buch

Wenn die Stralsunder Bibliothek den Bestand vor dem Verkauf digitalisiert hätte, hätte man in der Diskussion immerhin trennen können zwischen dem Wunsch nach Zugänglichkeit der Buchinhalte und dem Wunsch, die Bücher aus historischen Gründen in genau dieser Zusammenstellung an diesem Ort zu behalten. Der gedruckte Text lenkt die Aufmerksamkeit stark auf den physischen Gegenstand Buch, das beeinflusst das Nachdenken über Bücher und die Prioritäten beim Geldausgeben.

Weitere abstrakte Nachteile des Haltbaren hat der kanadische Kommunikationstheoretiker Harold Innis in den 1940er Jahren beschrieben. Innis unterschied zwei Arten von Medien, die er als "space-binding" und "time-binding" bezeichnete. Zeitbindende Medien sind beispielsweise Steintafeln oder Pergament. Inhalte, die man solchen zeitbindenden Medien anvertraut, halten lange, erreichen aber nur ein begrenztes Publikum. Bei den raumbindenden ist es umgekehrt. Sie sind flüchtiger, haben aber eine größere Reichweite. Zu diesen raumbindenden Medien gehörten für Innis Radio, Fernsehen und die überregionale Tageszeitung, heute würde er vermutlich auch Internet und E-Book dazuzählen.

So unmöglich wie der editierbare, weltweit zugängliche Marmorblock

Aus diesen unterschiedlichen Eigenschaften der Medien leitet Innis Folgen für die jeweilige Gesellschaft ab. Die zeitbindenden Medien fördern Stabilität, Gemeinschaft, Tradition und Religion. Die raumbindenden fördern schnelle Veränderungen, Materialismus, Säkularismus und die Ausdehnung von Machtbereichen. Die Kirche trägt also nicht nur zur Beliebtheit des Pergaments bei, sondern das Pergament stärkt seinerseits die Dominanz der Kirche mit ihren Ideen, die für die Ewigkeit niedergelegt, aber nur für wenige zugänglich sind. Die Vorherrschaft der Tageszeitung hingegen führt zu Kommunikationsmonopolen und zur Vernachlässigung langfristiger Entwicklungen und dauerhafter Ideen.

Ein dritter Nachteil herkömmlicher Medien ist eigentlich vielmehr ein selten erwähnter Vorteil der neuen: Wenn heute beklagt wird, dass digitale Inhalte wegen ihres Speichermediums vom Verschwinden bedroht sind, dann geht es dabei oft um Inhalte, die noch vor wenigen Jahren überhaupt nicht aufgezeichnet, geschweige denn archiviert oder öffentlich zugänglich gemacht wurden. Dazu gehört die gesamte Alltagskommunikation und damit ein wesentlicher Teil des Geschehens im Internet.

Und Alltagskommunikation ist nur ein Bereich, in dem wir heute etwas aufbewahren, was früher verlorenging, ohne dass dieser ständige Verlust seinerzeit Anlass zu besorgten Podiumsdiskussionen gab. Ein anderer ist die detaillierte Entstehungsgeschichte von Texten. Die Revisionsgeschichte der Wikipedia-Einträge oder auch der Dokumente, die mit Google Docs verfasst werden, sind Momentaufnahmen, und der Trend geht dazu, diese Aufnahmen in immer kürzeren Abständen anzulegen. Beim von Google aufgekauften und stillgelegten Texteditor Etherpad, aber auch einigen Nachfolgern wie Stypi kann man im Zeitraffer die gesamte Entstehung eines Textes bis hin zu jedem Tippfehler und gelöschten Zeichen betrachten.

Autoren und Wissenschaftler beklagen hin und wieder, dass bei der Beschäftigung mit alten Texten viele Details fehlen, wenn der Text nur digital vorliegt. Der Historiker Wolfgang Schivelbusch sagte Anfang Mai in einem Interview der Süddeutschen Zeitung: "Sich nicht mehr mit einem Buch aus dem Jahr 1830 als Gegenstand zu nähern, sondern nur noch seinem Text, das bedeutet, die Quelle verliert Geruch. … Das bedeutet eine immer größere sinnliche Entfernung von der Primärquelle und auch von dem Primärvorgang, den man im Auge hat." Andere für Wissenschaftler wichtige Details – zum Beispiel die Entstehungsgeschichte – fehlen aber, wenn man den Text nur als statischen Gegenstand vor sich hat. Eine Form, die die Vorteile beider Formate vereint, existiert nicht nur nicht, sie ist genauso unmöglich wie der bequem editierbare, weltweit zugängliche Marmorblock.

Digitale Veröffentlichungen sind nicht einfach eine andere Darreichungsform desselben, was bis dahin in einem analogen Format vorlag. Das Digitale ist ein neues Tier mit neuen Eigenschaften. Man kann seine geringe Robustheit nur dann als selbstverständlichen Nachteil diskutieren, wenn man auch gern am Vogel bemängelt, dass er unter Wasser so schlecht Luft bekommt.