Kaum größer als ein Feuerzeug ist der Leap Motion Controller, aber er weckt riesige Erwartungen. Das kleine Kästchen soll es ermöglichen, Computerprogramme mit natürlichen Finger- und Handgesten zu steuern. Eine Art Kinect-Sensor für den Schreibtisch soll es sein, nur viel präziser. Kann das Gerät die Maus ersetzen? – Das ist die Frage, die den Machern immer wieder gestellt wird, egal wie oft sie verneinen. Sie wollen keinen Ersatz der Maus, sondern eine Ergänzung.

Zweieinhalb Jahre hat es von der Gründung des Unternehmens Leap Motion bis zum Verkaufsstart des Controllers am heutigen Montag gedauert. Für 79 US-Dollar zuzüglich Versandkosten bekommt der Kunde ein Gerät zum Spielen und Malen mit dem Finger, zum Navigieren im Browser und in Fotoalben durch Wischgesten in der Luft, zum Formen von 3-D-Modellen und zum Musizieren ohne Instrumente. Der Leap Motion Controller schafft dazu ein dreidimensionales Feld, das den Raum vor einem Computerbildschirm recht großzügig abdeckt. Jede noch so kleine Finger- und Handbewegung innerhalb dieses Feldes wird erkannt und ohne erkennbare Verzögerung in Aktionen umgesetzt. So weit die Theorie.

Prinzipiell funktioniert das auch. Nur sind die bislang erhältlichen Anwendungen zum Großteil eher unterwältigend, um es höflich auszudrücken. In den ersten Stunden mit dem Leap Motion Controller fühlt man sich leider nicht wie ein Dirigent vor dem Bildschirm, der mit eleganten Finger- und Handbewegungen seinen Computer kontrolliert. Man kommt sich vielmehr vor, wie ein zunehmend genervt fuchtelnder Verkehrspolizist, der versucht, eine Horde Autofahrer über eine Kreuzung zu lotsen, die nicht hinschauen.

Eine digitale Hand mit Wow-Effekt

Dabei klappt anfangs noch alles so, wie es soll. Der Leap Motion Controller wird per USB-Kabel an den PC oder Mac angeschlossen, über die Website von Leap Motion wird die dazugehörige Software namens Airspace heruntergeladen, die auch die Verbindung zum App Store für das Gerät herstellt, dem Airspace Store. Man braucht ein Nutzerprofil, für kostenpflichtige Apps muss man zudem Kreditkartendaten hinterlegen. Dann startet das Tutorial – und sorgt für einen ersten Wow-Effekt.

So zeigt die Einführung zum Beispiel, was genau das Gerät eigentlich erkennt. Wer dann seine Hand in den Aktionsbereich hält, sieht sie in stilisierter Form auf dem Bildschirm leuchten. Dabei werden Bewegungen nahezu in Echtzeit dargestellt. Weil das auch mit beiden Händen gleichzeitig funktioniert, ertappt man sich schnell bei dem Versuch, beim Herumwedeln wie Tom Cruise auszusehen, der in Minority Report auf ähnliche Weise auf einem virtuellen Bildschirm navigiert.

Solche Versuche bleiben in einem Großraumbüro nicht unbemerkt. Da fragen Kollegen schon mal ehrfürchtig, ob man sich etwas "in den Finger eingebaut" habe, weil sie das kleine Kästchen auf dem Schreibtisch nicht sehen. Wer nicht mit seiner Maus herumklickt, sondern vor seinem Computer seltsame Handzeichen gibt, fällt jedenfalls auf. So weit, so spektakulär.

Wenn man dann aber das Tutorial beendet und eine der knapp 80 Apps startet, die es bisher gibt, wird schnell klar: Es braucht mehr als das kleine Kästchen von Leap Motion, um Spaß an der Gestensteuerung haben zu können.

Zuallererst ist das ein sehr leistungsstarker Rechner. Denn der sorgt für die Umsetzung dessen, was der Controller erkennt. Voraussetzung sind Windows 7 oder 8, beim Mac mindestens OS X 10.7. Mit Linux-Systemen versteht sich der Controller noch gar nicht, das soll sich aber irgendwann ändern. Leap Motion empfiehlt zudem mindestens zwei Gigabyte Arbeitsspeicher und einen AMD-Prozessor vom Typ Phenom II beziehungsweise die Intel-Core-Prozessoren i3, i5 oder i7. Ein MacBook Pro mit i5-Prozessor und vier Gigabyte RAM kam im Test trotzdem schnell ins Keuchen, ein iMac mit acht Gigabyte RAM kam mit den Anwendungen etwas besser klar.

Zweitens nützt die beste Hardware nichts, wenn die Software nicht durchdacht ist. Das gilt für viele der Anwendungen, die es für den Controller bislang gibt, zum Beispiel für die App Touchless. Sie soll das Scrollen und Klicken im Browser ermöglichen oder das Wechseln von einer Anwendung zur nächsten. Aber wer einen Link auf einer Website gezielt anklicken will, muss sehr genau zielen, was mitunter lange dauert und oft schief geht, wenn verschiedene klickbare Flächen nahe beieinander liegen. Scrollen funktioniert nur in der Einstellung "Advanced" wirklich (und nach einiger Übung), weil dann zwei oder mehr Finger für die Aktion benutzt werden. In der Basiseinstellung dagegen wird mit einem Finger sowohl gescrollt als auch geklickt, was immer wieder ungewollte Klicks auslöst. 

Das Hauptproblem dieser App ist, dass klickbare Flächen auf Desktops oder Websites in aller Regel zu klein sind und zu nah beieinander liegen, um sauber angesteuert werden zu können. Die App, die im Alltag nützlich sein könnte, um die Zahl der Mausklicks zu senken und so das Handgelenk zu schonen, taugt nicht viel, weil sie nicht sehr schlau konzipiert ist.

Ähnlich sieht es bei App Swish aus: eine Reihe von festgelegten, aber auch individuell anpassbaren Gesten soll die Lautstärkeregelung oder das Wechseln von einem Programm ins nächste übernehmen. Doch von der versprochenen Präzision des Controllers ist plötzlich nichts mehr übrig: Ständig werden die Gesten falsch oder gar nicht erkannt.