Enno Park will die German Cyborg Society gründen. © Patrick Beuth / ZEIT ONLINE

Der typische Cyborg unserer Zeit ist ein übergewichtiger, weißer Mann mittleren Alters, sagt Enno Park. Er beschreibt sich damit selbst, sein Cochlea-Implantat macht ihn zum Cyborg, wie er findet.

Bei der Sigint-Konferenz des Chaos Computer Clubs an diesem Wochenende in Köln sucht er Hacker, Aktivisten und andere Unterstützer für eine German Cyborg Society.

Im Herbst will Park den gleichnamigen Verein gründen, weil er der Meinung ist, dass es um die Rechte von Cyborgs in Deutschland und Europa schlecht bestellt ist. Die German Cyborg Society soll das schrittweise ändern.

Park ist 39 Jahre alt, 22 davon war er schwerhörig an der Grenze zur Gehörlosigkeit. Seit zwei Jahren trägt der Journalist und Blogger aus Berlin ein Cochlea-Implantat, das ihm ein "quasi-natürliches" Hören ermöglicht, wie er sagt. So ist er heute zum Beispiel in der Lage, eine Gitarre nach Gehör zu stimmen.

Doch das genügt ihm nicht – er will sein Implantat hacken. Das hat mehrere Gründe. Zunächst einmal ist so ein Cochlea-Implantat ein bisschen wie ein iPhone: Der Hersteller kontrolliert, was damit möglich ist. Der Träger kann damit nicht tun, was er möchte. "Walled Garden" heißt das Prinzip.

Das widerspricht der Hacker-Mentalität von Park, der sagt: "Mein Implantat gehört mir." Er möchte es schon aus Prinzip verstehen und verändern können. Aber die Hersteller solcher Implantate geben Informationen über Hardware und Software nur an zertifizierte Stellen heraus, nicht an die Betroffenen. Park dagegen fordert offene Standards und offene Systeme.

Außerdem reizt ihn der Gedanke, seine Fähigkeiten mithilfe des Implantats so zu steigern, dass sie über die von Normalhörenden hinausgehen. Er würde zum Beispiel gern Infra- und Ultraschall wahrnehmen können. Schon jetzt habe er schließlich Möglichkeiten, die anderen vorenthalten bleiben, sagt er. So könne er sein Gehör abschalten, wodurch er wunderbar – "und meist zu lange" – schlafe. Durch die vier Programme in der Software seines Implantats hört er in bestimmten Situationen, etwa in lauter Umgebung, besser als andere Menschen. 

Macht ihn das wirklich zum Cyborg? Es gibt verschiedene Definitionen des Begriffs, die von Park lautet: Die Technik eines Cyborgs erweitert seine Sinne oder Fähigkeiten über das menschliche Normalmaß hinaus, und sie begleitet ihn in seinem kompletten Alltag. Ein Implantat sei dafür gar nicht nötig, selbst ein Smartphone oder die Datenbrille Google Glass könne einen Menschen zum Cyborg machen. So sieht das zum Beispiel auch die Anthropologin Amber Case.

30.000 Cyborgs in Deutschland

Neil Harbisson dagegen formuliert eine dritte Voraussetzung, damit ein Mensch als Cyborg gelten kann: Die Technik muss mit dem Körper und dem Gehirn des Trägers kommunizieren – was beim Cochlea-Implantat auch der Fall ist. Selbst nach Harbissons Definition leben demnach mindestens 30.000 Cyborgs in Deutschland.

Der farbenblinde Harbisson betrachtet sich selbst als ersten staatlich anerkannten Cyborg, seit die britischen Behörden ihm erlaubten, seinen Eyeborg auf seinem Passfoto zu tragen. Dieser Eyeborg übersetzt Farben im Sichtbereich des Trägers in Töne und überträgt diese zum Gehör. Harbisson kann Farbtöne also nicht sehen, aber hören.