Neun Minuten können elendig lang sein. Zum Beispiel jene, die durchleiden muss, wer Jean-Tomes Pohl beim Leeren seiner Pappkiste zusehen will. Bei Minute 1:39 hat er endlich mit dem Taschenmesser das Paketband zerschnitten, ab Minute 3:10 hält er das erste Elektronikteil in die Kamera: einen grauen Computerchip mit einem Megabyte Speicherkapazität, den Pohl später in seine Nintendo-Spielekonsole stecken kann. Es folgen Kabel und weiteres Plastikzeugs, aber spannender wird es nicht.

Man könnte vermuten, hier wolle ein einsamer Mann ohne Hobbys und Freunde seine Zeit totschlagen. Doch das stimmt nicht. Jean-Tomes Pohl ist Teil einer weltweiten Bewegung.

"Unboxing" – zu Deutsch: Entpacken – heißt das Phänomen, das sich tausendfach auf YouTube materialisiert. Typische Videos weisen wenigstens drei Merkmale auf. Erstens: Ein in der Regel männlicher Aktivist filmt sich dabei, wie er ein Paket öffnet und Stück für Stück alle Einzelteile rauszieht. Zweitens: Das Auspacken garniert er mit banalen Kommentaren, die meist nur das Gezeigte benennen, keinesfalls aber Zusatznutzen bieten. Drittens: Außenstehenden erscheint das Ganze vollkommen sinnlos.

Nun ist das Internet bekanntlich reich an unbegreiflichen Trends. Die allermeisten sind kurzlebig, nach ein oder zwei Monaten passé – wie voriges Jahr das "Owling", bei dem junge Menschen das Sitzverhalten von Eulen nachahmten und sich dabei fotografieren ließen. Oder wie das "Leisure Diving", bei dem man in Swimmingpools sprang und gleichzeitig möglichst entspannt aussah, etwa indem man Zeitung las oder Schach spielte. Oder wie der alberne Trend, sich beim Vorfahren bei McDonald’s zu filmen und der Kassiererin im entscheidenden Augenblick das gerade erst bestellte Getränk überzuschütten. Alles längst vergessen.

Warum aber hält sich ausgerechnet Unboxing so hartnäckig – und warum gewinnt es weiter an Popularität?

Technisch gesehen sind die Videos anspruchslos. Eine nicht wackelnde Kamera mit fest gewähltem Bildausschnitt reicht. Wer Unboxing erfand, ist umstritten. Vermutlich war es der US-Amerikaner Vincent Nguyen, der im Frühjahr 2006 eine weiße Box entpackte. Darin lag das Nokia E61, ein schon damals eher unspektakuläres Handy. "Ihr könnt sehen, es ist sehr dünn", kommentierte Vincent Nguyen.

Puristen und Subgenres

So schräg der Trend klingen mag: Dogmatische Aktivisten verstehen wenig Spaß und kämpfen vehement um die Definitionshoheit über ihr Tun. Dazu gehört auch, sich von anderen Entpackern abzugrenzen. US-Bloggerin Arden Rose etwa ließ sich mehrfach dabei filmen, wie sie zugesandte Kosmetikprodukte in die Kamera hielt. Ihre Präsentation einer Feuchtigkeitscreme ("Also gut, du drückst hier drauf und die Creme kommt dann dort raus") wurde schon 63.000 Mal angesehen. Trotzdem bestreiten Puristen, dass es sich hierbei überhaupt um Unboxing handelt. Der Begriff ist nämlich vor allem Technikgeräten, maximal Spielzeugen vorbehalten. Das Entpacken von Schminketuben oder Modeaccessoires wird dagegen dem Subgenre "Haul" zugeordnet, was auf Deutsch "Beute" bedeutet.

Um den Reiz des Unboxings zu verstehen, muss man Dutzende Videos gesehen haben, und zwar von Anfang bis Ende. Nur dann erkennt man wiederkehrende Muster und sinnliche Höhepunkte: Hier raschelt Verpackungspapier, dort knistert Plastikfolie. Man erkennt Feinheiten, die Rückschlüsse auf die Seriosität des Produktherstellers zulassen: Wer Einzelteile ordentlich und schepperfest verpackt, verdient womöglich einen Vertrauensvorschuss.