JournalismusDer elektronische Reporter

Mehrere US-Medien lassen Artikel mittlerweile von einem Algorithmus schreiben. Ist das ein Problem für die Journalisten – oder eine Hilfe? von Thomas Escher

In der Redaktion des Wirtschaftsmagazins Forbes arbeitet ein künstlicher Reporter. Sein Name ist Quill. Quill ist ein Computer-Algorithmus, der Geschichten durch die intelligente Kombination von Nullen und Einsen erzählt – und das ziemlich gut. Nicht nur Forbes arbeitet mit ihm zusammen, auch andere US-Publikationen setzen auf Quill. Nicht alle wollen darüber reden, aber sie setzen große Hoffnungen in ihn.

Der Erfinder von Quill ist Kristian Hammond, Gründer und Technologie-Vorstand von Narrative Science. Das Softwareunternehmen mit Hauptsitz in Chicago konstruierte 2010 den Geschichten erzählenden Algorithmus unter dem Decknamen Quill und versucht seitdem, ihn in möglichst vielen Redaktionen unterzubringen. Dass der von ihm erfundene Service die schreibende Zunft bedroht, weist der Computerwissenschaftler vehement zurück: "Maschinell erstellte Nachrichten kosten keinem Journalisten den Kopf. Unser Service wird vielmehr dazu führen, dass Nachrichten publiziert werden, über die bisweilen niemand berichtet." 

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Seine These untermauert Hammond mit einem Fallbeispiel aus der lokalen Sportpresse: GameChanger, ein Nachrichtenportal zur Spielberichterstattung lokaler Base- und Basketballspiele, ist ein Service, der ausschließlich auf Hammonds Algorithmus basiert. Die statistikschweren Berichte lokaler Spielpaarungen werden auf Knopfdruck in lesbare Prosa verwandelt. "Wie viele Journalisten kennen Sie, die ihren Lebensunterhalt mit der Sportberichterstattung im Amateurbereich verdienen?", fragt Hammond.

Es geht ihm vor allem darum, Inhalte für Nischen zu erschließen. Auch für Forbes ist künstliche, journalistische Intelligenz kein Grund zum Personalabbau. Vielmehr versucht man dort, aktuelle Finanznachrichten schneller und kleinteiliger an eine interessierte Zielgruppe zu verteilen. Das erhöht die Reichweite und damit den Profit. 

Ein Wettbewerbsvorteil

In Zeiten, in denen Redaktionen aufgrund chronischer Unterbesetzung ihren Qualitätsanspruch wiederholt verfehlen, bieten intelligente Erzählalgorithmen einen Ausweg. Wie Ben Welsh, Datenanalyst der Los Angeles Times, in seiner Präsentation auf dem Online Symposium 2012 in Texas ausführt, ist die Idee keineswegs neu. Redaktionen wie die der L.A. Times arbeiten seit Jahren mit kleinen Helferlein, die Welsh unter dem archaisch klingenden Begriff des Computer Assisted Reporting (zu Deutsch: Computergestützter Journalismus) zusammenfasst. 

Nicht ohne Stolz stellt der amerikanische Datenanalyst fest, dass die hausintern entwickelte Software der Westküsten-Gazette schon zweimal die weltweit schnellste Eilmeldung einbrachte. In einer Branche, die seit auf Schnelligkeit getrimmt ist, kann das ein Wettbewerbsvorteil sein. Unter diesem Aspekt liefern Anbieter wie Narrative Science oder der Wettbewerber Automated Insights eine Lösung für die gebeutelte Nachrichtenindustrie: einen Service zur Aufbereitung schneller, faktenorientierter News in einem Markt mit schrumpfenden Umsätzen.

Folglich sind Services wie Quill keineswegs als Substitut für den Reporter aus Fleisch und Blut zu werten, sondern vielmehr als unterstützendes Element. Im besten Fall bleibt den menschlichen Journalisten so mehr Zeit zur Recherche und zur Bewertung und Einordnung von Nachrichten.

Leserkommentare
  1. Wenn Computer ersteinmal gelernt haben Faktendatenbanken mit den richtigen Algorithmen zu durchsuchen und die Spracherkennung noch ein bisschen (viel) mehr verbessert wird, dann können so einige Berufsgruppen einpacken. Das Problem beim algorithmischen Lernen ist jedoch, dass eine Datenbasis existieren muss, auf der gelernt werden kann. Bislang gibt es da noch keine Regelung, aber ich kann mir gut vorstellen, dass die Redation bei Zeit.de dann doch juristisch gegen ein Unternehmen vorgehen würde, welches die Zeitartikel als Datenbasis nimmt, um einen Algorithmus damit zu trainieren.

    Der Besitz (Eigentum) von Daten ist der Schlüssel zu so vielen modernen Problemen, für welche die Informatik momentan Lösungen erforscht.
    Warum glaubt ihr, ist Facebook so viel Wert? Sicherlich nicht wegen der möglichen Werbung, die man schalten kann.

    4 Leserempfehlungen
  2. ...deshalb noch schlechter - als ohnehin schon - erfüllt wird, sei dahin gestellt...

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    Mobbing dürfte dann weniger werden (steinbrueck, guthenberg, demaiziere, koehler, roettgen, wulff).

  3. Mobbing dürfte dann weniger werden (steinbrueck, guthenberg, demaiziere, koehler, roettgen, wulff).

  4. Jetzt werden noch die Kriterien festgelegt und jeder Skandal oder Katastrophe ist dann so ausgelegt das es sich anhört wie eine Gute Nacht Geschichte,
    und alles wird dann so festgelegt als wenn alle damit einverstanden sind.

    Also ich brauche kein System der mir erzählt die Welt ist eine Scheibe.
    Und ich brauch nur den Kanal wechseln.

  5. ist ein Algorithmus, der das Zeug dann liest.

    11 Leserempfehlungen
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    • gleusch
    • 15. August 2013 20:59 Uhr

    Die gibt es längst. Zeitungsmeldungen (oder genauer gesagt, Agenturmeldungen) werden seit Jahren als Trainingsdaten in NLP (Natural Language Processing) genommen. Und in den letzten beiden Jahren sind die ersten Paper dazu aufgetaucht, wie man maschinell erstellte Texte erkennt und ausfiltert, um "Inzucht" bei den Systemen zu verhindern.

    Beispiel, was so an Daten verwendet wird: http://www.ldc.upenn.edu/...

  6. "Die Seele des Journalismus liegt für Waite in der Emotion: Heuchelei, Gier oder Empörung – all das könne ein Algorithmus weder identifizieren noch interpretieren."
    Noch nicht. Ich möchte behaupten: Nicht mehr sehr lange. Das wird nicht mehr aufzuhalten sein. Irgendwann wird sich der Inhalt dieser hoch flüchtigen Medien selber erzeugen. Und irgendwann wird der Mensch als Produzent ganz überflüssig werden. Da das anscheinend ein evolutionärer Mechanismus ist wird es irgendwohin führen. Ich denke, es schafft uns ab. In der Form in der wir jetzt noch existieren.
    Die Facette mit dem Schreibrobot ist ja nur eine winziger Ausschnitt aus dem was sich da jetzt rasend schnell veräöndert. 3D Drucker boomen und billiges Plastikzeugs kann mittlerweile one Probleme reproduziert werden ohne dass irgendwer dafür irgendeinen Handschlag tut. Außer der Roboter. Und der nächste echte Schub an Rechenpower, Quantencomputer vielleicht wird die Möglichkeiten weiter potenzieren, die uns mit vollautomatisch erzeugten Produkten versorgt. Schnittstellen zu Organismen alles das ist keine Science Fiction mehr, sondern wartet vor der Tür. Was nicht immer lustig ist.
    http://www.sueddeutsche.d...
    Solche Robots werden dann die Pfründen derjenigen schützen, denen die vollautomatisierte Welt gehört.
    Ich bin davon überzeugt: Das was wir heute unter Zivilisation verstehen wird es schon in relativ kurzer Zeit nicht mehr geben.

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  7. >> Im besten Fall bleibt den menschlichen Journalisten so mehr Zeit zur Recherche und zur Bewertung und Einordnung von Nachrichten. <<

    ... zur Recherche und Bewertung? Ja, nichts wie her mit dem Ding!

    Obwohl - ob wirklich der Zeitmangel schuld ist? Vielleicht eher zu viel Nähe zwischen Wirtschaft, Politik und Journalismus. Ob Quill Pressbälle mag?

    Eine Leserempfehlung
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    >> Im besten Fall bleibt den menschlichen Journalisten so mehr Zeit zur Recherche und zur Bewertung und Einordnung von Nachrichten. <<

    Ja, den paar menschlichen Journalisten die übrigbleiben, denen bleibt sicherlich mehr Zeit für Recherche etc. Die anderen haben dann sogar ausschließlich Freizeit und müssen sich um solche Dinge gar nicht mehr kümmern. Ist doch auch schön.

    Also, nur zu, liebe Journalisten, schafft euch selbst ab, und genießt das süß-dekadente Leben in Hartz IV ;)

    • vastus
    • 15. August 2013 20:39 Uhr

    Vieles spricht dafür, dass wir gerade am Anfang oder bereits mitten drin in einem Zeitalter leben, dass zukünftig denselben Rang einnehmen wird, der bis zum Ende des 20ten Jahrhunderts dem Mittelalter beigemessen wurde.

    Die Technik beginnt mehr Wissen zu zerstören als neues zu generieren. Viele Generationen später werden erst so mit Technik umgehen gelernt haben, dass sie fähig sein werden das Wissen des Altertums und der Aufklärung neu schätzen zu lernen.

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