NSA-SkandalLavabit-Gründer gibt Interview am Rande der Legalität

Edward Snowden nutzte den E-Mail-Dienst Lavabit. Die US-Behörden setzten den Gründer Ladar Levison unter Druck, bis er aufgab. Was genau passierte, darf er nur andeuten. von 

Ladar Levison und sein Anwalt

Ladar Levison (re.) und sein Anwalt Jesse Binnall im Interview mit Democracy Now  |  © Screenshot ZEIT ONLINE

Das Sprechen fällt Ladar Levison nicht leicht. Wie auch, wenn jeder falsche Satz im Interview bedeuten könnte, in Handschellen abgeführt zu werden? Immer wieder presst der Gründer des E-Mail-Providers Lavabit die Lippen zusammen, schaut auf den Boden oder hilfesuchend zu seinem Anwalt. Der sitzt direkt neben ihm und nickt hin und wieder unterstützend.

Levison hat erstmals öffentlich mit dem nicht-kommerziellen Politikmagazin Democracy Now über das gesprochen, was ihm in den letzten Wochen widerfahren ist. Lavabit war ein E-Mail-Dienst, der die Nachrichten seiner Nutzer nur verschlüsselt speicherte, Whistleblower Edward Snowden war deshalb einer der Nutzer. Vielleicht deshalb interessierte sich die US-Regierung zuletzt zunehmend für Levisons Unternehmen. Sie hatte bereits in der Vergangenheit wiederholt die Herausgabe von Nutzerdaten verlangt, Levison hat dem nach eigenen Angaben stets Folge geleistet. Doch nun wollte er das nicht länger hinnehmen. Er schloss Lavabit und löschte, was er von seinen Kunden gespeichert hatte.

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Das alles musste sich die Öffentlichkeit mehr oder weniger zusammenreimen aus einem kryptischen Brief, den Levison verfasst und auf der Homepage seines Dienstes veröffentlicht hatte. Darin deutete er bereits an, in seiner Redefreiheit rechtlich eingeschränkt zu sein. Trotzdem gab er jetzt das Interview. 

"Letztlich musste ich zwischen dem kleineren von zwei Übeln wählen. Den Service zuzumachen, wenn er nicht sicher ist, war die bessere Wahl", so Levison. Was wäre die andere gewesen? Das dürfe er nicht sagen. Nicht einmal mit seinem Anwalt dürfe er alle Informationen teilen. "Wenn die amerikanische Öffentlichkeit wüsste, was unsere Regierung macht, dann hätte sie wohl längst nicht mehr die Befugnis dazu." 

Levison droht bei einer falschen Antwort Gefängnis

Levison bestätigt, dass es auf Lavabit einen Account mit Snowdens Namen gab. "Ich habe immer das Gesetz befolgt. Aber in diesem speziellen Fall hatte ich das Gefühl, dass genau das…" Er bricht ab. Stille. Levisons Anwalt Jesse Binnall schaltet sich ein. "Wir müssen wirklich vorsichtig sein." Sein Mandant stecke in einer Situation, in der sich ein Amerikaner eigentlich nicht befinden dürfte, so der Anwalt. "Aus Angst davor, ins Gefängnis zu kommen, muss Ladar jedes Wort abwägen, wenn er mit der Presse spricht. Wir können nicht einmal über die Bedingungen sprechen, die dazu führen, dass er auf seine Worte achten muss. Es gibt einige schmale Linien, die er nicht übertreten darf."     

Levison erzählt, wie er den Dienst "von Geeks für Geeks" vor rund zehn Jahren aufgebaut hat. Lavabit habe eine Nische besetzt, indem man sichere E-Mails anbot. Zum Zeitpunkt der Schließung habe es 410.000 registrierte Nutzer gegeben.   

Wie Lavabit hat auch der Dienst Silent Circle reagiert. "Wir haben uns entschlossen, ihn zu zerstören, bevor wir Informationen rausgeben mussten", teilte Silent Circle mit. Die Interviewerin Amy Goodman fragt Levison nach seiner Meinung zu dem Fall. Levison setzt an, stockt. "Can I say that?" Nein, kann er nicht, urteilt der Anwalt.

Auch Edward Snowden selbst hat sich zum Fall Lavabit geäußert und den Blick auf die Großen der Branche gelenkt: "Die Internet-Titanen müssen sich fragen, warum sie nicht in derselben Weise für unsere Rechte kämpfen, wie kleinere Unternehmen dies machen."   

Leserkommentare
  1. ich vermisse hier den aufschrei unserer regierung. wenn dies in russland passiert waere es ein rueckschritt in finsterste stalinzeiten und ein zeichen das putin der absolute despot und wahrheitsunterdruecker sei. jetzt passiert das aber bei "der mutter aller demokratien "und da kann es ja nicht so schlimm sein, da das verbieten von mail-verschluesselungen sicherlich dazu fuehrt das terroranschlaege vermieden werden. irgendwie bin ich allerdings nicht davon ueberzeugt das die usa noch eine demokratie sind in der freie meinungsaeusserungen erwuenscht sind.

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    - Uneingeschränkte freie Meinungsäußerung.
    - uneingeschränktes Behindern gesetzlich legitimierter Geheimdienste.
    - öffentliche Preisgabe von als geheim eingestufter Informationen.

    ich begreife, ehrlich gesagt, nicht was sie mit ihrem kommentar bezwecken ! natuerlich bedeutet demokratie uneingeschraenkte meinungsfreiheit. und zwar solange wie ich keine andere person schaedige.lavabit hat kein geheimnisverrat begangen sonder e-mails verschluesselt. inwieweit das mit geheimnisverrat zu tun hat entzieht sich mir.

  2. Kim Dotcom will demnächst auch einen sicheren E-maildienst anbieten. Das traue ich ihm eher zu als den Telekomheinis. Wir erleben hautnah die Umwandlung der USA in ein Regime mit.

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  3. dass man über etwas nicht reden darf, dann stinkt irgendwo irgendwas mächtig gewaltig.

    Besonders interessant ist das Detail, dass Levison offenbar nicht mal seine *Meinung* zu der Sache bekant geben darf. Soviel zum "Mutter"land der Rede- und Meinungsfreiheit.

    Es ist so traurig, dass man nur noch lachen kann.

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    So langsam kann ich da gar nicht mehr unterscheiden.

    allein mir bleibt kein Lachen, das mir im Halse stecken bleiben könnte.

    Wenn ich das Foto von Ladar Levison auf Seite 1 sehe, bin ich emotional zu geschockt, um auch nur an Lachen zu denken.

  4. am Rande der Legalität
    bedeutet hier doch
    mit einem Bein im Gefängnis - das ist m.E. nicht dasselbe.

    Gibt es für diesen Maulkorb eigentlich einen Gerichtsbeschluss oder ist der Maulkorb eher ein Angebot, das er nicht ablehnen konnte?

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    Wenn dieser Maulkorb ein "Angebot war, das er nicht ablehnen konnte", hätte dieses "Angebot" wohl kaum darin bestanden, alle Nutzerdaten zu löschen, an denen die US-Regierung offenbar sehr interessiert war.

    Da Levison aber genau das getan hat, hat sich Ihre Frage erübrigt.

    • merman2
    • 14. August 2013 17:26 Uhr

    Das sieht eher nach massiven Drohungen unter Ausschluss der Legalität aus.
    Was unterscheidet dieses Vorgehen von einer Diktatur?

    Den Gerichtsbeschluss gibt es mit Sicherheit. Die Amerikaner haben dafür ja extra ein Geheimgericht.
    Ob so ein Beschluss allerdings etwas an Wert hat ist eine andere Frage. Ein Gericht, das (so wirkt es) befangen und nicht unabhängig ist kann man wohl kaum von rechtsstaatlichen Methoden sprechen.

  5. ..wie gut das ich atheist bin. :)

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    • Delfina
    • 15. August 2013 12:46 Uhr

    Da kann ich Ihnen und allen, die sich für die Politik Amerikas und den Einfluss der "religiösen Rechten" interessieren nur das Buch "Amerika - Mit Gewalt in den Gottesstaat" von Gerhard Padderatz empfehlen. Kontrolle und Manipulation sind die Kennzeichen von totalitären Staaten. In der Tat scheint sich Amerika immer mehr vom Rechts- zum Schurkenstaat zu wandeln. Da hilft ein christliches Mäntelchen auch nicht. Das ist dann entweder Heuchelei oder Verblendung. Jesus hat da was anderes vorgelebt.

    • Dr.Um
    • 14. August 2013 16:24 Uhr

    man schämt sich für die Stempelabdrücke im Pass.

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  6. 7. Brazil

    Ich glaub, ich bin im falschen Film. Aber jetzt kommt bestimmt wieder ein deutscher Politiker und sagt "Wir wissen doch gar nicht, ob Snowdens Behauptungen stimmen, das muss man erst prüfen". Wer kann eigentlich noch überprüfen, dass die Überprüfung der Geheimdienste durch demokratisch ernannte Gremien funktioniert? Das ist reine Glaubenssache.

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  7. >> Das dürfe er nicht sagen. Nicht einmal mit seinem Anwalt dürfe er alle Informationen teilen. <<

    ... es hier mit einem Unternehmer zu tun, nicht mit einem Regierungsmitglied oder einem Mitarbeiter eines Geheimdienstes. Der Mann hat sich nie zur Verschwiegenheit verpflichtet, er wird dazu gezwungen.

    USA und Rechtsstaat? Das kann man in den Geschichtsbüchern unter "abgeschlossenes Kapitel" verbuchen. Das gleiche gilt für Deutschland, spätestens seit Pofalla dieser Tage die bedingungslose Kapitulation erklärt hat.

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    Ladar Levison ist ein echter Held, kein schwafelder Maulheld.
    Ich hoffe, dass wieder Zeiten kommen in denen Männer wie er vom Staat unbehelligt ihre Produkte entwickeln können. Des weiteren wäre es schön, wenn WELTWEIT mehr Unternehmen bereit wären lieber ihre Tore zu schließen als mit Geheimdiensten zusammenzuarbeiten.

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