Zensur oder Selbstabschaltung? Der Wikipedia-Gründer Jimmy Wales weiß genau, wie er sich entscheiden würde, wäre er in China vor diese Wahl gestellt. Lieber wolle er in dem Land auf das Online-Lexikon verzichten, als sich den Zensurvorschriften zu unterwerfen, sagte Jimmy Wales dem Wall Street Journal in einem Interview in Hongkong. Dort sprach er am Wochenende bei der Jahrestagung der Wikimedia-Stiftung, zu der die Community hinter der Enzyklopädie zusammengekommen war – gewissermaßen auf halbfeindlichem Boden. 

Denn das Verhältnis zwischen der Volksrepublik China und Wikipedia ist traditionell kein gutes. Hongkong bildet zwar aufgrund seiner Geschichte als ehemals britisches Protektorat eine Ausnahme, die Wikipedia kann hier ganz normal aufgerufen werden. Doch im Rest des Landes sind zahlreiche Inhalte gesperrt. Und immer wieder kommt es zu Zusammenstößen zwischen chinesischen Behörden und den Wikipedia-Betreibern. 

Nachzulesen ist das etwa in dem Wikipedia-Eintrag mit dem Titel Sperrungen von Wikipedia in der Volksrepublik China. Illustriert ist der detaillierte Beitrag über diverse Komplettsperrungen des Angebotes in den Jahren 2004 bis 2006 mit einem Foto. Es belegt, dass eben dieser deutsche Beitrag nicht angezeigt wird, wenn ihn ein Nutzer von einem Rechner in China aus aufruft. Statt des Artikels erscheint innerhalb des Wikipedia-Layouts offensichtlich eine kurze Fehlermeldung.

Damit dokumentiert das Foto, wie feingliedrig die Zensur in China angewendet wird. Die Behörden sind längst davon abgekommen, vollständige Angebote zu blockieren. Stattdessen kommen seit etwa 2006 verstärkt raffinierte Filtersysteme zum Einsatz, die etwa auf den chinesischen, aber auch auf den englischen und den deutschen Wikipedia-Seiten "sensible" Themen ausklammern. Gemeint sind damit Themen wie die verbotene religiöse Bewegung Falung Gong oder das Massaker auf dem Tiananmen-Platz im Jahr 1989. Diese Filter werden auf der Ebene der Internet-Provider eingesetzt, sodass die Wikimedia-Stiftung nichts dagegen tun kann.

Andere Firmen kennen das Problem

Ähnliche Listen werden etwa auch für Chat-Dienste wie TOM-Skype (die für den chinesischen Markt angepasste Version von Skype) und Sina UC angewendet. Eine Studie hat jüngst gezeigt, dass die Kommunikation hier auf mehr als 4.250 Schlagworte durchsucht wird, die auch Bereiche wie Drogen- und Waffenhandel, Pornografie und Glücksspiel umfassen, allerdings von Dienst zu Dienst deutlich variieren.

Weil sich die Niederschlagung des Volksausstandes in Peking im kommenden Jahr zum 25. Mal jährt, erlebt die Wikipedia-Community allerdings seit Kurzem einen erneuten Kurswechsel der Behörden. Er betrifft die verschlüsselte Version der Wikipedia –  also jene mit einer https-Adresse. Sie kann von außen nicht zensiert werden, außerdem kann der Staat nicht nachvollziehen, welche Artikel ein chinesischer Nutzer darin aufruft. Diese Version wird nun wieder komplett blockiert. Chinesen, die keine Werkzeuge zum Umgehen der Zensur haben, bleibt nur die unverschlüsselte Seite, die gesiebt und überwacht wird. "Wir sind mit der Filterung nicht einverstanden, aber es gibt derzeit nichts, was wir dagegen tun könnten", erklärte Jimmy Wales in Hongkong bei dem Treffen der Wikipedianer.

Der aktuelle Vorstoß der chinesischen Überwacher bringt die Stiftung in ein ähnliches Dilemma, wie es bereits diverse Internetfirmen im Umgang mit den Zensoren erlebt haben. Wie weit sind Kompromisse mit den Behörden zulässig, um weiter in China operieren zu können? Microsoft hat durch die Zusammenarbeit mit der chinesischen Suchmaschine Baidu, die selbstverständlich nur gefilterte Ergebnisse anzeigt, seinerzeit zwar sicher seine Marktchancen verbessert, nicht aber seine Sympathiewerte. Google hatte 2010 zwar mit einem medialen Paukenschlag das Ende der Selbstzensur erklärt, der es sich bis dahin auf Druck aus Peking unterwerfen musste. Suchanfragen aus China wurden über Hongkong umgeleitet, wo die Zensur nicht greift. Doch der Widerstand bröckelt langsam: Seit Anfang 2013 weist Google chinesische Nutzer nicht mehr darauf hin, wenn sie nach sensiblen Begriffen suchen, die blockiert werden.