30 Jahre BtxDie ersten Online-Gehversuche der Deutschen

Für die einen war es ein wichtiger Wegbereiter des Internets, für die anderen der größte Technik-Flop der Bundespost: Vor 30 Jahren startete der Bildschirmtext Btx. von 

Kurt Gscheidle ist einer der unbesungenen Pioniere des Internets. Der sozialdemokratische Postminister im Kabinett von Kanzler Helmut Schmidt war qua Amt für ein Ungeheuer zuständig, das "Fernmeldewesen" hieß und in grauen Telefonapparaten mit Wählscheibe hauste. Gscheidle wollte es sichtbar machen: Er stellte 1977 auf der Internationalen Funkausstellung (Ifa) in Berlin seine Pläne für den Bildschirmtext vor.

Was sollte sich nicht alles anstellen lassen mit dem kurz Btx genannten Onlinedienst: Kontostand abfragen, Rente berechnen lassen, IQ testen, das "rechnervermittelte Gesellschaftsspiel Labyrinth" oder auch "briefähnliche Mitteilungen der Benutzer" und ein Chat-System. Und das alles auf dem Fernseher, einem speziellen Terminal oder dem eigenen Computer.

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Aber nicht die Vorläuferin der E-Mail war aus Sicht des Anbieters, der Deutschen Bundespost, das Wichtigste, sondern der "Telekauf per Schaltstern". Mithilfe der Tasten * und # konnten Benutzer Schlagworte eingeben, zum Beispiel *Quelle# oder *Neckermann#. Firmen sollten diese Begriffe gegen eine Gebühr registrieren lassen und so das System finanzieren. Auf ihren Seiten boten Sie zum Beispiel aktuelle Informationen oder einen Onlineversandhandel an. Die Anbieter wiederum kassierten vom Nutzer eine Gebühr für den Abruf ihrer Seite, abgerechnet wurde das über die Telefonrechnung. Und auch die Bundespost kassierte Geld vom Nutzer, über eine monatliche Grundgebühr sowie eine Einrichtungsgebühr in Höhe von 55 D-Mark.

Es war ein Sachbearbeiter im Referat für Zukunftsfragen der Bundesregierung, der in einer Kommunikationszeitschrift auf die britischen Bildschirmtext-Systeme Viewdata und Prestel gestoßen war und nach ausgiebiger Prüfung einen Import empfahl. Er hieß Eric Danke und führte später als Technikvorstand bei T-Online den Digitalableger der Telekom an die Spitze der europäischen Internetprovider. Btx dagegen war alles andere als ein schneller, durchschlagender Erfolg: Es dauerte Jahre, bis der Dienst auf den Markt kam. Ein Hindernis waren die Zeitungsverleger, die damals wie heute die kostenlose Konkurrenz auf dem Informationsmarkt fürchteten und das neue Medium bekämpften.

Prestel

Der britische Ingenieur Sam Fedida vom Post Office Research Centre stellte 1975 ein Viewdata Timesharing Common Carrier genanntes Bildschirmtext-System vor, das bald in Prestel (press telephone) umgetauft wurde und auch die Vorlage für Btx lieferte. Die britische Post führte den Dienst 1979 ein. Die Seiten waren wie beim Videotext aus ASCII-Zeichen zusammengesetzt. Auch Prestel litt unter zu teuren Geräten und erreichte noch weniger Nutzer als Btx.

Minitel

Dank massiver Subventionierung der Terminals durch den französischen Staat war das 1982 landesweit eingeführte Minitel-System erfolgreicher als die Projekte der Nachbarn. France Télécom zählte zu Spitzenzeiten 25 Millionen Nutzer an neun Millionen Terminals, 10.000 Firmen unterhielten Angebote. Statt nur an den Geräten oder am Telekauf verdiente der Anbieter auch am Besuch der Seiten, die mit bis zu einem Euro pro Minute auf der Telefonrechnung auftauchten. Erst 2012 wurde Minitel eingestellt.

Videotext

Die in Deutschland als Videotext, andernorts als Teletext bekannten Texttafeln im Fernsehen werden über die Austastlücke des Signals übertragen – jene Pause, die der Strahl der analogen Bildröhre braucht, um zum Anfang der nächsten Zeile zu springen oder zurück zum Startpunkt des Bildes. ARD und ZDF begannen 1980 mit dem Test-, 1990 mit dem Regelbetrieb. Vorreiter war das schon 1974 gestartete britische Ceefax, das zunächst vor allem für Untertitel für Hörgeschädigte gedacht war und 2012 eingestellt wurde.

Auch ohne ihr Zutun lief einiges schief bei der Entwicklung von Btx. Die Bundespost beauftragte damit den in diesem Bereich unerfahrenen IBM-Konzern, der die Ausschreibung mit einem ambitionierten Angebot gewann. Es kam, wie Experten vorausgesagt hatten: Statt wie geplant 1978 begann der Publikumsbetrieb erst zum 1. September 1983. Minister Gscheidle war schon nicht mehr im Amt.

Bis dahin präsentierte die Post immer wieder kleine Fortschritte, etwa den Feldversuch 1980 in Düsseldorf und Berlin mit 300 Anbietern von Seiten und jeweils rund 2.000 Teilnehmern. Zum bundesweiten Start waren es dann 344 Firmen, die sich vom Bildschirmtext-Netz Millionenumsätze erhofften und dort eigene Angebote machten.

Der Bildschirm, auf den die digitalen Informationen per Telefonleitung gelangten, war zunächst in ein spezielles Gerät eingebaut, das Btx-Terminal, das es für üppige 2.000 D-Mark nur bei der Post zu kaufen gab. Ob Terminal, Modems wie das klassische DBT-03, Akustikkoppler oder später der Btx-Decoder, der an den Fernseher angeschlossen wurde: Die Bundespost hatte ein Monopol auf das Fernmeldenetz, nur von ihr zugelassene Geräte durften die Nutzer anschließen. Die Preise blieben hoch.

Eine Zeitschrift für die "Teleleser"

Bei 1.200 Bit pro Sekunde mussten Anwender viel Geduld aufbringen, bis eine Seite geladen war. Dabei war die Grafikauflösung mit 480 mal 240 Bildpunkten mehr als grob. 32 Farben zugleich waren möglich; die meisten Anbieter entschieden sich für grelle Töne auf schwarzem Hintergrund.

"Teleleser" nannte die Bundespost die Btx-Kunden und brachte sogar eine Zeitschrift für sie heraus – gedruckt, auf Papier. Doch es blieben wenige. Statt der angepeilten drei Millionen Nutzer waren es 1989 gerade mal 150.000. Dabei konnte Btx vieles von dem, was das Internet erst Jahre später ermöglichte: Es gab Chats und eine Art Mail, Onlinehandel und Behördeninformationen.

Leserkommentare
  1. BBS(Bulletin Board System)/Mailboxen mit einem Homecomputer und Akustikkoppler oder Modem (mit oder ohne FTZ Nummer/Zulassung...) schon damals die wesentlich bessere Alternative... BTX überlebte nur aufgrund vom Onlinebanking letztlich so lange. Der Rest wurde leider seitens der BP verschlafen...

    2 Leserempfehlungen
  2. 2. Ja...

    #>Gabs denn damals nicht schon DOS-Kisten mit Modems? Hatte nen Account bei der Uni Karlsruhe, hab mich per Ortsgespräch da reingepiepst und das ganze damalige ftp-Neuland stand mir offen. Nur inländisches Online Banking ging damit wohl nicht. Mache ich auch heute, wohl aus konservativer Gewohnheit, nicht so gerne.

    #>Und ne e-mail Adresse hatte ich auch

    #>

    2 Leserempfehlungen
    • Uwee
    • 02. September 2013 12:04 Uhr

    Wir haben uns an Entwicklung des Internets wenig beteiligt. Dies gilt auch für Militäreinsätze. Die Kontrolle hat die USA bzw. NSA übernommen.Die Internetdienstleister sitzen in den USA.

  3. "Das Internet war hingegen ein offenes Netzwerk ..."

    Da haben Sie recht ... das war... :-(

    2 Leserempfehlungen
    Antwort auf ""Internetpionier""
  4. ... das war es, wollte ich schreiben, pardon.

    Was ich meine: Google und Facebook sind genauso zentralistisch, proprietär und kommerziell wie einst BTX, CompuServe und AOL, und haben erreicht, womit jene damals scheiterten.

    Auch wenn das gute alte, offene WWW immer noch als Schicht dazwischen liegt.

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    • kla-sch
    • 02. September 2013 12:47 Uhr

    Die Dienste kommen und gehen. Früher war mal ICQ Hip und Trendy. Das hat heute niemand mehr. Die Jugendlichen verlassen jetzt auch schon Facebook, weil ihre Eltern auch da sind. Wer will schon, dass die Eltern mitlesen. Ich würde da jetzt keine Aktien mehr kaufen wollen.

    Problematisch sind z.Z. eher die Smartphones. Geschlossene Plattformen, die ihre Nutzer komplett entmündigen. Da kann man nur hoffen, dass die Leute in der Zukunft wieder auf mehr Offenheit bestehen.

  5. 7. [...]

    Entfernt. Bitte beteiligen Sie sich mit sachlichen Beiträgen zum konkreten Artikelthema. Danke, die Redaktion/sam

    • kla-sch
    • 02. September 2013 12:47 Uhr

    Die Dienste kommen und gehen. Früher war mal ICQ Hip und Trendy. Das hat heute niemand mehr. Die Jugendlichen verlassen jetzt auch schon Facebook, weil ihre Eltern auch da sind. Wer will schon, dass die Eltern mitlesen. Ich würde da jetzt keine Aktien mehr kaufen wollen.

    Problematisch sind z.Z. eher die Smartphones. Geschlossene Plattformen, die ihre Nutzer komplett entmündigen. Da kann man nur hoffen, dass die Leute in der Zukunft wieder auf mehr Offenheit bestehen.

    Eine Leserempfehlung
    Antwort auf "Google & Facebook"
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    ...naja, wenns keine Äpfel sind, kann man sich ja die "Mühe" machen und die Dinger auch rooten und gewisse vorservierte Apps rauskicken. Das ist ganz einfach und bedarf keines Spezialisten, auf einer halben A4 Seite erklärbar. So macht man sich die Dienste zu diensten. Bei mir gibts dann nur Telefon und nen Browser. Musik und Kamera sind offline.

    >> Google und Facebook werden nie das Internet beherrschen. <<

    Faktisch tut zumindest Google das m.E. jetzt schon.
    Sicher: Niemand ist gezwungen, einen der diversen Google-Dienste zu benutzen. Praktisch tun es aber wahrscheinlich 99,9% der Internetnutzer. Was sich in Zukunft nochmals deutlich verschärfen dürfte angesichts dessen, was (nicht nur aber eben auch) Google z.B. in den Internet-Schwellenländern derzeit so treibt.

    Der Unterschied zu "damals":

    Seinerzeit waren "Fernkommunikationsmittel" tatsächlich noch "Neuland". Selbst (oder vielleicht: gerade) für die, die sich damals schon näher damit befassten war eigentlich nur eines absehbar: Dass nichts wirklich absehbar war. Klar war zwar, dass die Technik voranschreiten würde - unklar war aber, wohin. AOL, Compuserve, Yahoo oder eben das von Ihnen erwähnte ICQ sprangen mehr oder weniger mutig auf fahrende Züge mit unbekannten Ziel auf... und waren Geschichte sobald deutlich wurde, dass sich das befahrene Gleis als Sackgasse entpuppte.

    Google ist das sehr viel cleverer und sehr viel strategischer angegangen... und hatte das Glück, genau zum richtigen Zeitpunkt groß geworden zu sein, um überhaupt derart strategisch vorgehen zu können. Deshalb wird, befürchte ich, Google noch mindestens auf viele Jahre, vielleicht Jahrzehnte hinaus für viele eine Art Synonym für das Internet bleiben bzw. werden.

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