Kurt Gscheidle ist einer der unbesungenen Pioniere des Internets. Der sozialdemokratische Postminister im Kabinett von Kanzler Helmut Schmidt war qua Amt für ein Ungeheuer zuständig, das "Fernmeldewesen" hieß und in grauen Telefonapparaten mit Wählscheibe hauste. Gscheidle wollte es sichtbar machen: Er stellte 1977 auf der Internationalen Funkausstellung (Ifa) in Berlin seine Pläne für den Bildschirmtext vor.

Was sollte sich nicht alles anstellen lassen mit dem kurz Btx genannten Onlinedienst: Kontostand abfragen, Rente berechnen lassen, IQ testen, das "rechnervermittelte Gesellschaftsspiel Labyrinth" oder auch "briefähnliche Mitteilungen der Benutzer" und ein Chat-System. Und das alles auf dem Fernseher, einem speziellen Terminal oder dem eigenen Computer.

Aber nicht die Vorläuferin der E-Mail war aus Sicht des Anbieters, der Deutschen Bundespost, das Wichtigste, sondern der "Telekauf per Schaltstern". Mithilfe der Tasten * und # konnten Benutzer Schlagworte eingeben, zum Beispiel *Quelle# oder *Neckermann#. Firmen sollten diese Begriffe gegen eine Gebühr registrieren lassen und so das System finanzieren. Auf ihren Seiten boten Sie zum Beispiel aktuelle Informationen oder einen Onlineversandhandel an. Die Anbieter wiederum kassierten vom Nutzer eine Gebühr für den Abruf ihrer Seite, abgerechnet wurde das über die Telefonrechnung. Und auch die Bundespost kassierte Geld vom Nutzer, über eine monatliche Grundgebühr sowie eine Einrichtungsgebühr in Höhe von 55 D-Mark.

Es war ein Sachbearbeiter im Referat für Zukunftsfragen der Bundesregierung, der in einer Kommunikationszeitschrift auf die britischen Bildschirmtext-Systeme Viewdata und Prestel gestoßen war und nach ausgiebiger Prüfung einen Import empfahl. Er hieß Eric Danke und führte später als Technikvorstand bei T-Online den Digitalableger der Telekom an die Spitze der europäischen Internetprovider. Btx dagegen war alles andere als ein schneller, durchschlagender Erfolg: Es dauerte Jahre, bis der Dienst auf den Markt kam. Ein Hindernis waren die Zeitungsverleger, die damals wie heute die kostenlose Konkurrenz auf dem Informationsmarkt fürchteten und das neue Medium bekämpften.

Auch ohne ihr Zutun lief einiges schief bei der Entwicklung von Btx. Die Bundespost beauftragte damit den in diesem Bereich unerfahrenen IBM-Konzern, der die Ausschreibung mit einem ambitionierten Angebot gewann. Es kam, wie Experten vorausgesagt hatten: Statt wie geplant 1978 begann der Publikumsbetrieb erst zum 1. September 1983. Minister Gscheidle war schon nicht mehr im Amt.

Bis dahin präsentierte die Post immer wieder kleine Fortschritte, etwa den Feldversuch 1980 in Düsseldorf und Berlin mit 300 Anbietern von Seiten und jeweils rund 2.000 Teilnehmern. Zum bundesweiten Start waren es dann 344 Firmen, die sich vom Bildschirmtext-Netz Millionenumsätze erhofften und dort eigene Angebote machten.

Der Bildschirm, auf den die digitalen Informationen per Telefonleitung gelangten, war zunächst in ein spezielles Gerät eingebaut, das Btx-Terminal, das es für üppige 2.000 D-Mark nur bei der Post zu kaufen gab. Ob Terminal, Modems wie das klassische DBT-03, Akustikkoppler oder später der Btx-Decoder, der an den Fernseher angeschlossen wurde: Die Bundespost hatte ein Monopol auf das Fernmeldenetz, nur von ihr zugelassene Geräte durften die Nutzer anschließen. Die Preise blieben hoch.

Eine Zeitschrift für die "Teleleser"

Bei 1.200 Bit pro Sekunde mussten Anwender viel Geduld aufbringen, bis eine Seite geladen war. Dabei war die Grafikauflösung mit 480 mal 240 Bildpunkten mehr als grob. 32 Farben zugleich waren möglich; die meisten Anbieter entschieden sich für grelle Töne auf schwarzem Hintergrund.

"Teleleser" nannte die Bundespost die Btx-Kunden und brachte sogar eine Zeitschrift für sie heraus – gedruckt, auf Papier. Doch es blieben wenige. Statt der angepeilten drei Millionen Nutzer waren es 1989 gerade mal 150.000. Dabei konnte Btx vieles von dem, was das Internet erst Jahre später ermöglichte: Es gab Chats und eine Art Mail, Onlinehandel und Behördeninformationen.