Alles wird verdatet – Volkszählung in Indien, bei der Fingerabdrücke und Augen aller Bürger gescannt werden. © REUTERS/Mansi Thapliyal

Die heutige Datensammelwut betrifft nicht nur die NSA. Sie ist der Ausdruck eines neuen Glaubens, den man Dataismus nennen könnte. Er erreicht im Moment fast religiöse oder totalitäre Züge. Auch die Big-Data-Euphorie huldigt diesem Glauben des digitalen Zeitalters.  

Daten werden heute für jeden Zweck gesammelt. Nicht nur NSA, Acxiom, Google oder Facebook haben ungezügelten Hunger nach Daten. Auch Anhänger des Quantified Self sind dem Dataismus verfallen. Sie versehen ihren Körper mit Sensoren, die alle körperlichen Parameter automatisch aufzeichnen. Gemessen wird alles, ob Körpertemperatur, Schritte, Schlafzyklen, Kalorienzufuhr, Kalorienverbrauch, Bewegungsprofile oder sogar Gehirnwellen. Sogar bei der Meditation werden noch Herzschläge protokolliert. Selbst bei der Entspannung zählt also Leistung und Effizienz, eigentlich ein Paradox.

Nicht nur der Körper wird heute mit Sensoren ausgestattet. Immer mehr Sensoren in unserer Umwelt verwandeln uns in Daten. Gleichzeitig schweben wir in einem merkwürdigen Gefühl der Sinnlosigkeit und stürzen uns in die Hyperaktivität und Hyperkommunikation.  

Vermessen, verbessern, verkaufen: Wohin führt die Quantified-Self-Bewegung? Ein Schwerpunkt © Getty Images

Können die gesammelten Daten überhaupt dazu beitragen, sich selbst besser zu verstehen? Aufzeichnungen über sich selbst waren schon in der Antike wesentlich für die Sorge um sich. Der römische Schriftsteller Tertullian nennt es Publicatio sui – gemeint ist die Erforschung des Selbst und das schonungslose Veröffentlichen aller Gedanken. Der Sünder sollte sich als Sünder zeigen und sich damit von seiner Sünde befreien.

Die christliche Selbstenthüllung geht mit einem Verzicht auf das selbstsüchtige Ich einher, zugunsten eines höheren Sinnzusammenhanges: Ego non sum, ego. Durch Verzicht auf das kleine Ego soll ein höheres Ich erreicht werden. Publicatio sui ist eine Praxis der Wahrheit, ist einem höheren Sinnzusammenhang verpflichtet, genau wie die antike Askese keine Diät ist.

Quantified Self hingegen ist eine bloße Technik der Optimierung der körperlichen und geistigen Leistung. Vor lauter Daten aber verfehlt der Selbstoptimierer die wirkliche Sorge um sich selbst. Es ist das Aufzeichnungssystem des selbstbezüglich gewordenen Ego.

Das Smartphone als mobiler Beichtstuhl

Aus dem Ego allein ergibt sich kein Sinn. Die gesammelten Daten beantworten die Frage nicht: Wer bin ich? Das Smartphone als mobiler Beichtstuhl liefert keine Selbsterkenntnis und bietet keinen Zugang zur Wahrheit.  

Aus Daten allein, wie umfassend sie auch sein mögen, ergibt sich keine Erkenntnis. Sie beantworten jene Fragen nicht, die über die Leistung und Effizienz hinausgehen. In dieser Hinsicht sind die Daten blind.

Daten allein ergeben weder Sinn noch Wahrheit. Sie allein machen die Welt auch nicht transparenter. Im Gegenteil, sie wirkt gespenstischer denn je. Uns fällt auch schwer, das Wichtige vom Unwichtigen zu unterscheiden. Wir sind fast automatischen Prozessen ausgeliefert und optimieren uns, ohne wirklich zu wissen wofür.

Die Welt zerfällt in Daten

Das Data-Wissen ist eine beschränkte, rudimentäre Form des Wissens. Es kann nicht einmal einen Kausalzusammenhang erkennbar machen. Big Data suggeriert ein absolutes Wissen. In Wirklichkeit fällt es mit dem absoluten Unwissen zusammen. Sich in Big Data zu orientieren, ist unmöglich.

Wir kommunizieren intensiv, fast zwanghaft. Eine Lücke in der Kommunikation erscheint uns unerträglich. Sie offenbart eine Leere, die durch mehr Kommunikation, durch mehr Information überbrückt werden muss.

Der Dataismus geht wohl mit einem Nihilismus einher. Der Dataismus ergibt sich aus Verzicht auf Sinn und Zusammenhänge, die Daten sollen die Sinnleere füllen. Die ganze Welt zerfällt in Daten, und wir verlieren dabei größere, höhere Zusammenhänge immer mehr aus dem Blick. In dem Sinne sind Dataismus und Nihilismus zwei Seiten einer Medaille.