Datensammler am Handgelenk, eine Smartwatch von Samsung © Sean Gallup/Getty Images

Seit der Erfindung des Feuers erzeugen neue Technologien Unruhe und Angst. Das ist bei der modernen Revolution, die sich Big Data nennt, auch nicht anders. Wir fühlen uns beobachtet, ausgehorcht, abgetastet. Dagegen rebelliert unser Bürgersinn. Gegen eine solche Datendiktatur wehrt sich auch unser Freiheitsverständnis. Die Autonomie des Subjekts scheint ebenso in Gefahr wie die Verfasstheit der Demokratie.

Doch gerade an Technologieschwellen – und das Internet ist einer der größten Schwellen der Menschheitsgeschichte –, ist intellektuelle Besonnenheit angesagt. Die Stärke einer Gesellschaft erweist sich vor allem darin, neue, herausfordernde, auch riskante Technologien zu integrieren, sie zu einem Motor des Fortschritts zu machen.

Schwache Gesellschaften schrecken vor starken Technologien zurück. Das Zeter-und-Mordio-Geschrei angesichts der Big-Data-Revolution lässt den Rückschluss zu, dass viele Bürger unseren gesellschaftlichen, juristischen und moralischen Institutionen nicht zutrauen, Nutzen aus dieser neuen Technologie zu ziehen und ihre Risiken zu minimieren. Wir scheinen mit einem Feuer zu spielen, dass nicht wärmt, sondern das in erster Linie zerstört.

Vermessen, verbessern, verkaufen: Wohin führt die Quantified-Self-Bewegung? Ein Schwerpunkt © Getty Images

Zuerst muss man aber daran erinnern, dass das Sammeln und Auswerten von großen Datenvolumen keine Erfindung von IT-Konzernen oder Geheimdiensten ist, sondern das Prinzip der modernen Naturwissenschaften und damit die Logik des humanitären Fortschritts.

Gesünder dank Big Data

Früher trafen Ärzte Entscheidungen, die nur auf Erfahrung und Bauchgefühl beruhten. Medizinischer Fortschritt trat erst ein, als systematisch Krankheitsdaten gesammelt und ausgewertet wurden. So entstanden Therapien und Medikamente. Kein Mensch, der ernsthaft erkrankt, will heute auf den Erkenntnisgewinn aus der Analyse großer Datenmengen zu seiner Diagnose verzichten. Durch "big pharmaceutical data" ist die Lebenserwartung im letzten halben Jahrhundert um mehr als 25 Jahre gestiegen.

Viele andere Beispiele aus der Umweltforschung, der Ernährungsindustrie und aus der Ökonomie ließen sich anführen. Sie zeigen, dass Big Data ein zutiefst humanes Antlitz haben kann. Die gewonnenen Erkenntnisse aus Datenmustern verlängern Leben, verhindern Katastrophen, schaffen Arbeitsplätze.

Warum aber steht dann dieses menschliche Antlitz der großen Daten nicht im Zentrum der Diskussion? Warum nur die hässliche Fratze der Geheimdienste?

Zwei Gründe: Erstens hat in Deutschland nicht nur die Technikskepsis Tradition, sondern auch die Kritik des Datensammelns. Schon der Volkszählungsboykott 1987 war ein erstes Aufbegehren gegen Big Data. Dann kamen die Datenschutzbeauftragten und das Vokabular vom gläsernen Staat, Bürger und Patienten. Das "Big Data Bashing" steht in dieser typischen deutschen Fall-Linie des zivilen Ungehorsams gegen die Allwissenheit des Staates. Ihm fehlt die Flexibilität, Daten auch aus einer anderen, wissenschaftlichen Richtung betrachten zu können.