Die Hong Konger Zeitung South China Morning Post berichtet unter Berufung auf anonyme Quellen, dass die chinesische Regierung plant, ein Loch in die berüchtigte Great Firewall des Landes zu bohren: Erstmals soll es auf dem chinesischen Festland freies Internet geben – allerdings nur in der geplanten Freihandelszone in der ostchinesischen Metropole Shanghai.

Die soll zunächst 29 Quadratkilometer im östlichen Shanghaier Stadtteil Pudong umfassen. Es gibt allerdings Überlegungen, sie langfristig auf den gesamten Stadtteil auszudehnen, der mehr als fünf Millionen Einwohner hat und unter anderem die Shanghaier Börse und die Finanz- und Handelszone Lujiazui beherbergt.

Die Pläne für die Freihandelszone waren im August bekannt geworden, voraussichtlich am 29. September sollen sie bereits in Kraft treten – ein erster Schritt, um die Wirtschaft des Landes zu liberalisieren. So soll der Umtausch des chinesischen Yuan in andere Währungen erleichtert werden und es soll ausländischen Unternehmen möglich sein, in Branchen zu investieren, die bisher chinesischen Firmen vorbehalten waren.

Damit werden wohl auch zum ersten Mal ausländische Telekommunikationsanbieter Zugang zum chinesischen Markt bekommen. Wie und in welchem Umfang ist unklar, die detaillierten Regeln sollen erst im Laufe der kommenden Monate veröffentlicht werden.

Erste Öffnung seit 2009

Offenbar wird aber auch das Internet geöffnet. Genau wie die anderen Maßnahmen hat auch das nur ein Ziel: China attraktiver für ausländische Investoren zu machen. Laut den Verantwortlichen, die in der South China Morning Post zitiert werden, sollen Facebook und andere gesperrte Seiten vor allem zugänglich sein, damit die dort lebenden Ausländer "sich wie zu Hause fühlen können".

Es wäre das erste Mal seit 2009, dass Internetnutzer in der Volksrepublik Facebook und Twitter legal nutzen können. Seit mehr als vier Jahren ist der Zugang zu solchen Seiten und auch zu prominenten Medien wie der New York Times gesperrt – zu letzterer, seit sie 2012 über das Vermögen des damaligen chinesischen Premiers Wen Jiabao berichtet hatte.

Entsprechend groß ist die Aufmerksamkeit westlicher Medien für diese Meldung. Die britische BBC und andere verbreiteten sie schnell.

Gesperrt für "Hunde und Chinesen"

Der starke Fokus der chinesischen Behörden auf Ausländer bei dieser behutsamen Reform kommt bei den chinesischen Internetnutzern allerdings nicht so gut an: Auf Sina Weibo, der chinesischen Version von Twitter, erinnern die Nutzer an die Zeiten des westlichen Imperialismus in China und bezeichnen die Freihandelszone empört als "Internetkonzession"

Sie beziehen sich damit auf die ausländischen Handelskonzessionen. Die gab es im 19. Jahrhundert in allen wichtigen Handelsstädten Chinas, sie waren dem Land nach der Niederlage in den Opiumkriegen vom Westen aufgezwungen worden und gaben Ausländern weitreichende Privilegien, zum Beispiel Straffreiheit von chinesischen Gesetzen.

"Hunde und Chinesen dürfen das freie Internet nicht beschmutzen", kommentiert ein Nutzer bitter. Eine Anspielung auf die Verbotsschilder, die früher in den für "Westler" gedachten Restaurants oder Klubs angebracht waren und auf die Konzessionen hinwiesen.

Nur ein PR-Stunt?

Was die Lockerung der Internetsperren in Teilen Shanghais in der Praxis für Auswirkungen hat, wird sich erst zeigen, wenn sie in Kraft getreten ist. Derzeit scheint es eher ein von wirtschaftlichen Interessen geleiteter Vorstoß zu sein, der darauf ausgelegt ist, möglichst viel Aufmerksamkeit zu erregen.

Angesichts der chinesischen Realität stellt sich aber die Frage, ob es nicht nur ein PR-Gag ist. Viele ausländische Dienste und Seiten sind in China zwar offiziell gesperrt. Gleichzeitig ist es in ausländischen Unternehmen üblich, für die eigenen Mitarbeiter innerhalb der Firma Virtual Private Networks (VPN) oder andere Möglichkeiten anzubieten, mit denen die chinesische Zensur umgangen werden kann.

Auch ausländische Privatpersonen und Chinesen, die ein Interesse daran haben, Facebook zu nutzen, können das in der Regel recht problemlos tun: Zwar wird das prominente Anonymisierungsnetzwerk TOR von chinesischen Behörden gezielt blockiert, andere Programme zum Umgehen der Zensur aber kann man einfach im Ausland herunterladen und einrichten, um sie dann in China zu nutzen.