Cryptoparty - die Hilfe zur Selbsthilfe bei Verschlüsselung im Netz ging aus der Cypherpunk-Bewegung hervor ©REUTERS/Thomas Peter

Er wollte ein freies, autonomes und anonymes Internet ohne staatliche Einmischung: Der Mathematiker Eric Hughes hat in den frühen neunziger Jahren gemeinsam mit Timothy C. May und John Gilmore eine ungewöhnliche politische Bewegung begründet, die Cypherpunks

Die Chiffren-Punks forderten, dass jeder Zugang zu Verschlüsselungstechnik haben müsse und wollten Nationalstaaten in die Knie zwingen, indem sie sichere Software entwickelten und eine parallele Gesellschaft und Wirtschaft im Internet aufbauten. Vor zehn Jahren feierten sie ihren großen Sieg und erklärten, der "Cryptowar" sei vorüber, Kryptografie sei kein Staatsgeheimnis mehr. Aus ihren Kreisen gingen unter anderem Erfindungen wie Bitcoin, Wikileaks oder Tor hervor. Und das A Cypherpunk’s Manifesto, das Hughes seinerzeit verfasste, ist bis heute berühmt als Erklärung für Freiheit und Privatsphäre. Was sagt er angesichts der NSA-Affäre heute?

ZEIT ONLINE: Zu Beginn der neunziger Jahre waren Sie davon überzeugt, dass Fortschritte in der Computer- und Softwaretechnik Staaten in den Untergang treiben könnten. Programmieren sei die neue Revolution. Das hat mit Blick auf die Erkenntnisse über die NSA nicht so gut geklappt, oder? 

Eric Hughes: Nun, Programmieren kann immer noch helfen. Aber Sie haben natürlich recht: In der Zwischenzeit ist etwas passiert. Der Personal Computer – auf dem man wirklich persönlich tun und lassen kann, was man möchte – ist in der heutigen Zeit nicht mehr das dominante Gerät. Er wurde ersetzt durch eine Fülle von Geräten, die nur auf Inhalte und Funktionen zugreifen, die von Servern im Internet bereitgestellt werden. Damit verlieren die Benutzer die Kontrolle darüber. Und bei Geräten wie Smartphones zum Beispiel ist es im Grunde unmöglich, zu analysieren, was alles darin geschieht.

ZEIT ONLINE: Ihre Idee, dass man programmieren soll, um neue Welten mit neuen Gesetzen zu schaffen – die war dann wohl allzu verträumt?

Hughes: Nein, das ist immer noch möglich! Doch zuerst einmal müssten die Menschen wieder Geräte bekommen, autonome Handys zum Beispiel, die sie wirklich kontrollieren können. Dagegen stehen ökonomischer Druck und etliche praktische Fragen.

ZEIT ONLINE: Also ist es unwahrscheinlich?

Hughes: Bevor Sie jetzt schreiben, dass die Cypherpunks mit all ihren Ideen gescheitert sind, schauen Sie sich einmal um. Wir haben damals sichere, verschlüsselte Kommunikationsmethoden verbreiten wollen – das ist passiert. Wir wollten sichere Transaktionen über das World Wide Web und sichere Bezahlmöglichkeiten – und auch das ist heute zu einem großen Teil Wirklichkeit.

Mir machen auch Dinge wie der Anonymisierungsdienst TOR Hoffnung. Dieser Dienst hat alle erdenklichen Probleme, aber er verzeichnet deutlich steigende Nutzerzahlen, und das ist ein gutes Zeichen.

ZEIT ONLINE: Aber starke Staaten gibt es immer noch. Der amerikanische Staat ist so stark, dass er weltweit das ganze Internet abhören lässt…

Hughes: Ich habe bisher immer gesagt, ich bin noch nicht paranoid. Und ich hatte auch nicht wirklich erwartet, dass es zur universalen Überwachung aller Kommunikation kommen würde! Doch ich gebe es zu: Der Alptraum eines jeden Cypherpunks ist wahr geworden.

ZEIT ONLINE: Und alles wegen der Sammelwut der NSA.

Hughes: Nicht nur. Das Internet wurde schließlich für das öffentliche Leben entwickelt, nicht aber für das private Leben, in dem jeder selber bestimmt, welche Daten und Informationen er mit wem teilt. Es war vielleicht ein Fehler einiger Leute in unseren Reihen, ein Missverständnis: Keine Technologie ist komplett deterministisch. Unsere Manifeste waren ja nicht als Prognosen zu verstehen, das waren Kampfschriften.