Google wird 15. "Google Drü…", nein, nicht Drüsenfieber. "Google Grün…" Genau: Gründungsgeschichte. Danke, dass ich das nicht mehr tippen muss: Die erste Begegnung von Larry Page und Sergey Brin ist schon 18 Jahre her, die Umbenennung des Vorläufers BackRub in Google, hier sehr menschelnd aufgeschrieben, immerhin 16 Jahre. Nur die Registrierung von Google Inc. und der dazugehörige Garagenmythos fallen tatsächlich auf den September 1998. Brin und Page hatten damals einen Investorenscheck gekriegt, der war auf "Google Inc." ausgestellt.

15 Jahre, ein Börsengang, ein Mailprogramm, eine Videoplattform, ein Browser, ein Soziales Netzwerk und vor allem: eine Suchmaschine. Knapp 54.000 Mitarbeiter, 268 Milliarden Dollar Börsenwert und 14 Milliarden Dollar Umsatz, natürlich nur im letzten Quartal. Google gehört laut Forbes zu den bekanntesten, wertvollsten, erfolgreichsten, innovativsten Unternehmen der Welt.

Die wirtschaftliche Aufstiegssaga ist trotzdem sagenhaft langweilig – gemessen an den soziokulturellen Auswirkungen, die sie mit sich brachte. Das "Googeln" ist binnen weniger Jahre zur globalen Kulturtechnik avanciert, zur einzig denkbaren Strategie der Weltannäherung und Wissensaneignung.

Das erkennt man schon daran, dass Erinnerung an Vor-Google-Zeiten wie ausgelöscht erscheinen. Wie, fragt man sich schulterzuckend, ist man in den neunziger Jahren überhaupt an Infos zu irgendwas gekommen?

Unser Tor zur Welt

Heute ist nichts mehr planbar, erfahrbar, überprüfbar ohne die Suchmaschine. Kein Text, kein Urlaub, kein Beruf, kein Einkauf, bei dem sie nicht assistiert. Google – muss ich uns mit den 96 Prozent Marktanteil in Deutschland langweilen? – ist das Tor zur Welt geworden. Der Leitwolf im großen Internet. Unser Rechtschreibassistent, unsere Bibliothek von Alexandria.

Die Definition für Allgemeinbildung 1990: Schulwissen + Langzeitgedächtnis + Brockhaus. Viel war das nicht, was der Einzelne so zutage fördern konnte. Heute sind alle Alleswisser. Allgemeinbildung 2013: Smartphone + Spracherkennung + Google = Wikipedia.

Aber haben Sergey Brin und Larry Page wirklich ausreichend über die kulturellen Langzeitwirkungen ihres Algorithmus nachgedacht? Ihr Aufsatz von 1998 The Anatomy of a Large-Scale Hypertextual Web Search Engine, in dem sie die Struktur der neuen Suchmaschine erläutern, ist eigentlich ein kulturtheoretisches Manifest. Der Kerngedanke: Beim Crawlen durchs Netz soll Google, anders als die Konkurrenz, nicht nur nach oberflächlichen semantischen Merkmalen von Webseiten Ausschau halten, sondern auch die Verlinkung auswerten. Aus Sicht der Jung-Akademiker war das sinnvoll: Auf aktuelle Erkenntnisse oder wichtige Kanontexte wird in der Wissenschaft oft verwiesen, auf überholte und irrelevante Publikationen deutlich seltener.  

Suchmaschinenoptimiere dich, lebenslang!

Mittlerweile ist das Prinzip zwar durch die Filterbubble, durch die zunehmende Personalisierung der Suchergebnisse, verwandelt worden. Aber es ist bis heute gültig: Qualität wird aus Quantität abgeleitet. Die Relevanz ergibt sich aus der Platzierung, die Realität aus der Sichtbarkeit. Was ich schnell finde, ist richtig und wichtig.

Daraus wiederum haben sich die kategorischen Imperative der Google-Welt ergeben, die wir Nutzer mittlerweile derart verinnerlicht haben, dass wir sie für zeitlose, gottgegebene, Internet-immanente Wahrheiten halten:  

  • Wenn du etwas verkaufen willst, tu alles dafür, deine Seite unter die ersten drei zu bringen.
  • Wenn du dich selbst verkaufen willst, bedenke von Kindesbeinen, welche Auswirkungen deine Taten und Äußerungen auf deine Suchergebnisse haben könnten. Suchmaschinenoptimiere dich, lebenslang! Apropos: Neulich habe ich meinen süßen, blonden Kindergartenfreund gegoogelt – mein Gott, heute ist er ein dicker glatzköpfiger Urologe.

Der Weg in die intellektuelle Abhängigkeit?

Der Preis dafür, dass Google uns das Netz blitzschnell und ansprechend vorsortiert vor die Füße legt, ist die radikale Reduzierung von Komplexität. Lebensläufe schrumpfen auf fünf Treffer zusammen. Wer gar nichts mehr lesen will, begnügt sich mit der Autovervollständigung. Otto Sander? "Krebs / Das Boot". Wolfgang Herrndorf? "Blog / Krank / Tschick / Sand". Peer Steinbrück? "Weint / Stinkefinger". Muss man mehr wissen? Eben.

Die Googlesuche hat uns mit immer neuen Features zur Ungeduld erzogen, Jahr um Jahr ein bisschen mehr. In ihrem Aufsatz 1998 waren Page und Brin noch davon ausgegangen, dass Nutzer "nur noch" dazu bereit wären, sich die ersten 30, 40 oder 50 Ergebnisse anzusehen. Heute sind wir vermutlich bei drei bis fünf Webseiten, die wahrgenommen oder probeweise angeklickt werden, mit einer Verweildauer, die oft nur im einstelligen Sekundenbereich liegt. Je kürzer der Moment, den es braucht, um sich einen Überblick zu verschaffen, desto besser.

Diese Methode der Wissensbeschaffung hat sich bis in die Struktur unserer Texte hineingefräst. Und dabei müssen wir nicht mal mit dem Finger auf Abiturienten und ihre Copy-Paste-Referate zeigen. Eilig zusammengegoogelte Sachbücher bilden längst ein eigenes Genre. Genauso wie Artikel, die mit der Formulierung "Gibt man xy bei Google ein, bekommt man z Millionen Treffer" anfangen.

Wir denken anders, seit es Google gibt

Google hat immer betont, dass die Suchmaschine selbst sich passiv verhält, dass sie nur unsere Schwarmintelligenz, also unseren Herdentrieb abbildet. Das stimmt. Und es stimmt auch nicht. Denn Google verstärkt die Trampelpfade der Massen, indem es mit großen "Hier entlang!"-Pfeilen immer nur genau auf diese Pfade hinweist. Dabei entsteht ein sich selbst verstärkender Mainstream aus Faktenfetzen, Neuigkeiten und Gerüchten, der in Sonntagsreden gerne als "transparente Wissensgesellschaft" gelobt wird.

15 Jahre Google: Wir denken anders, wir schreiben anders, wir forschen anders, wir bilden uns unsere Meinungen über Mitmenschen anders, seit die Suchmaschine sich einen festen Platz im Alltag erobert hat.

Und, das wird gerne übersehen: Google tut alles, um diese Entwicklung voranzutreiben. Um unserer Bequemlichkeit mit immer neuen Innovationen entgegenzukommen, könnte man wohlwollend sagen. Um uns in immer größere intellektuelle Abhängigkeit und Unmündigkeit zu stürzen, würde der Kulturpessimist erwidern.

In den vergangenen Jahren hat das Unternehmen jedenfalls konsequent daran gearbeitet, nicht mehr nur auf die Inhalte anderer zu verweisen. Denn jeder Klick, den der Nutzer noch aus dem Google-Kosmos heraus machen muss, ist einer zuviel. Der Knowledge Graph, eine Art Karteikarte mit eingebauten inhaltlichen Querverweisen, die seit 2012 rechts sichtbar wird, wenn man nach bekannten Künstlern, Bauwerken, Städten, Filmen, Büchern sucht, soll ausgebaut werden.

Am Donnerstag, beim Geburtstagsfest in der alten Garage, hat Google seine neusten Pläne verkündet: Die Suchmaschine soll noch besser "verstehen", was genau der Nutzer wissen möchte – und darauf eine möglichst präzise Auskunft geben. Durch die Spracheingabe an den mobilen Geräten hätten sich viele angewöhnt, ihrem Smartphone lange, komplizierte Fragen zu stellen. Beziehungsweise Google. Wem auch sonst.