Wenn Dinge zu einfach sind, werden sie schnell ungerecht. Fahrkartenautomaten sind daher ziemlich kompliziert. © Fredrik von Erichsen/dpa

Im Mai 2009 hörte ich auf dem Politcamp Berlin jemanden behaupten, Politik sei nun mal kompliziert, und man könne sie nicht vereinfachen. Ich stellte mich auf eine Bierbank und sagte, diese Aussage zeuge von einem Mangel an Vorstellungsvermögen. Vor 30 Jahren hätte man dasselbe von Computern gedacht, und heute könnten Zweijährige mit dem iPad umgehen. Ich habe weder vorher noch nachher auf Bierbänken gestanden und mich zur Politik geäußert, und ich fühlte mich sehr klug dabei.

Heute bin ich mir weniger sicher. Dass es nicht so einfach ist mit der Vereinfachung, weiß ich spätestens, seit mir unter dem Einfluss von Substanzen die Schweiz persönlich erschien, um mir ihr Steuersystem zu erläutern. Man wird vor vielem gewarnt im Zusammenhang mit dem Gebrauch von Substanzen, aber dass die Schweiz sich herbeimanifestieren kann und eine Stunde lang über Verwaltungsfragen diskutieren möchte, das sagt einem keiner.

In Deutschland muss man als Angestellter oder Beamter keine Steuererklärung machen. Man kann sie abgeben, wenn man Geld zurückhaben möchte, man kann es aber auch lassen. Der Arbeitgeber behält die Lohnsteuer ein und überreicht sie dem Staat direkt. In der Schweiz müssen alle Bürger eine Steuererklärung abgeben, und zwar zum selben Termin. 

Wenn man die Steuern direkt beim Arbeitgeber einzieht, dann spüren die Bürger weniger stark, dass es sich um ihr Geld handelt, weil sie es nie besaßen. Sie werden sich weniger dafür interessieren, was der Staat mit diesem Geld anfängt. Belastet man sie hingegen mit einer eigenen Steuererklärung, dann jammern sie herum, weil das Nachdenken über die Steuer schmerzt und sie etwas hergeben müssen, das schon auf ihrem Konto war. Das ist lästig, aber harmlos, und kann in der Schweiz wenigstens von allen gleichzeitig erledigt werden. So fühlen sich die Schweizer weniger allein mit ihrem Steuerkummer. 

Anstrengung in die Politik zurückholen

Durch die deutsche Vereinfachung des Steuerzahlens verschiebt man das Problem an eine andere Stelle, wo es größere Nachteile verursacht. Die Bürger werden gleichgültiger, der Staat wird frecher.

Staat muss ein bisschen weh tun, erklärte mir die Schweiz im Traum. Tut er nicht weh, dann heißt das, dass man ihn nicht ernst genug nimmt. Er ist ein komplexes Gebilde, das Respekt verdient, und, so sagte die Schweiz im Tonfall einer Mutter, die sich aufgeräumte Kinderzimmer wünscht, der Staat verlangt ja nicht sehr viel. Es ist keine übertriebene Zumutung, einmal im Jahr Rechenschaft abzulegen, einmal im Jahr das Wunschdenken mit der Realität abzugleichen: Hast du den Armen gegeben? Was gibst du dem Staat, was gibt er dir? Deckt sich dein berufliches Wunschdenken ("Ich bin ein Plattenlabel!") mit den beobachtbaren Tatsachen?

Als ich 2009 auf der Bierbank stand, hielt ich die Piraten noch für eine Partei, die die Politik vereinfachen wollen. Es waren schließlich alles Softwareentwickler, und Softwareentwickler sind daran gewöhnt, komplizierte Anforderungen in Code zu gießen und mit einer Benutzeroberfläche zu versehen, die nur noch drei wohlgeformte Knöpfe hat.

Aber auch damit hatte ich nicht recht. Die Piraten arbeiten vielmehr daran, die Anstrengung in die Politik zurückzuholen. Direktere Demokratie bedeutet mehr individuelles Nachdenken der Bürger über Entscheidungen. Die Abschaffung des Fraktionszwangs bedeutet mehr individuelles Nachdenken der Politiker über ihr Handeln.