Im Mai 2009 hörte ich auf dem Politcamp Berlin jemanden behaupten, Politik sei nun mal kompliziert, und man könne sie nicht vereinfachen. Ich stellte mich auf eine Bierbank und sagte, diese Aussage zeuge von einem Mangel an Vorstellungsvermögen. Vor 30 Jahren hätte man dasselbe von Computern gedacht, und heute könnten Zweijährige mit dem iPad umgehen. Ich habe weder vorher noch nachher auf Bierbänken gestanden und mich zur Politik geäußert, und ich fühlte mich sehr klug dabei.

Heute bin ich mir weniger sicher. Dass es nicht so einfach ist mit der Vereinfachung, weiß ich spätestens, seit mir unter dem Einfluss von Substanzen die Schweiz persönlich erschien, um mir ihr Steuersystem zu erläutern. Man wird vor vielem gewarnt im Zusammenhang mit dem Gebrauch von Substanzen, aber dass die Schweiz sich herbeimanifestieren kann und eine Stunde lang über Verwaltungsfragen diskutieren möchte, das sagt einem keiner.

In Deutschland muss man als Angestellter oder Beamter keine Steuererklärung machen. Man kann sie abgeben, wenn man Geld zurückhaben möchte, man kann es aber auch lassen. Der Arbeitgeber behält die Lohnsteuer ein und überreicht sie dem Staat direkt. In der Schweiz müssen alle Bürger eine Steuererklärung abgeben, und zwar zum selben Termin. 

Wenn man die Steuern direkt beim Arbeitgeber einzieht, dann spüren die Bürger weniger stark, dass es sich um ihr Geld handelt, weil sie es nie besaßen. Sie werden sich weniger dafür interessieren, was der Staat mit diesem Geld anfängt. Belastet man sie hingegen mit einer eigenen Steuererklärung, dann jammern sie herum, weil das Nachdenken über die Steuer schmerzt und sie etwas hergeben müssen, das schon auf ihrem Konto war. Das ist lästig, aber harmlos, und kann in der Schweiz wenigstens von allen gleichzeitig erledigt werden. So fühlen sich die Schweizer weniger allein mit ihrem Steuerkummer. 

Anstrengung in die Politik zurückholen

Durch die deutsche Vereinfachung des Steuerzahlens verschiebt man das Problem an eine andere Stelle, wo es größere Nachteile verursacht. Die Bürger werden gleichgültiger, der Staat wird frecher.

Staat muss ein bisschen weh tun, erklärte mir die Schweiz im Traum. Tut er nicht weh, dann heißt das, dass man ihn nicht ernst genug nimmt. Er ist ein komplexes Gebilde, das Respekt verdient, und, so sagte die Schweiz im Tonfall einer Mutter, die sich aufgeräumte Kinderzimmer wünscht, der Staat verlangt ja nicht sehr viel. Es ist keine übertriebene Zumutung, einmal im Jahr Rechenschaft abzulegen, einmal im Jahr das Wunschdenken mit der Realität abzugleichen: Hast du den Armen gegeben? Was gibst du dem Staat, was gibt er dir? Deckt sich dein berufliches Wunschdenken ("Ich bin ein Plattenlabel!") mit den beobachtbaren Tatsachen?

Als ich 2009 auf der Bierbank stand, hielt ich die Piraten noch für eine Partei, die die Politik vereinfachen wollen. Es waren schließlich alles Softwareentwickler, und Softwareentwickler sind daran gewöhnt, komplizierte Anforderungen in Code zu gießen und mit einer Benutzeroberfläche zu versehen, die nur noch drei wohlgeformte Knöpfe hat.

Aber auch damit hatte ich nicht recht. Die Piraten arbeiten vielmehr daran, die Anstrengung in die Politik zurückzuholen. Direktere Demokratie bedeutet mehr individuelles Nachdenken der Bürger über Entscheidungen. Die Abschaffung des Fraktionszwangs bedeutet mehr individuelles Nachdenken der Politiker über ihr Handeln.

Wenn es gerecht sein soll, wird es kompliziert

Der Jurist Karl-Nikolaus Peifer wird in einem Interview bei irights mit dem Satz zitiert: "Wir können ein gerechtes Urheberrecht nicht einfach gestalten, weil einfach nicht gerecht heißt." Es scheint ein universelles Prinzip zu sein, das für Urheber- und Steuerrecht genauso gilt wie für Fahrkartenautomaten: Entweder gibt es einen einheitlichen, auch für Touristen verständlichen Fahrscheinpreis, dann klagen diejenigen, die nur kurze Innenstadtstrecken fahren und dafür dasselbe zahlen wie Pendler aus dem Umland. Oder jeder Nutzer zahlt für die zurückgelegte Strecke, Tageszeit und Anzahl der mitgeführten Fahrräder. Der Gebrauch der Fahrscheinautomaten erfordert dann Übung und gelegentlich das Hinzuziehen von Fachleuten, die bei den höheren Leveln helfen.

Früher hätte ich an dieser Stelle zuversichtlich darauf verwiesen, dass es erstens allgemeine Anzeichen für einen Trend zur Vereinfachung gibt, die Flat Tax etwa oder das bedingungslose und damit weitgehend bürokratiefreie Grundeinkommen.

Zweitens, so hätte ich behauptet, ermöglichten neue technische Lösungen endlich Gerechtigkeit und Einfachheit im selben Gehäuse: Die Touchandtravel-App der Bahn erspart ihren Nutzern das Rätselraten am Fahrscheinautomaten, man braucht sich nur beim Einsteigen ein- und beim Aussteigen wieder auszuloggen. Aber auch hier entsteht ein neues Problem an einer anderen Stelle, denn nicht jedem Fahrgast ist es angenehm, dass die Bahn seine Aufenthaltsorte erfasst.

Es ist nicht so, dass man bestimmte Dinge partout nicht vereinfachen könnte. Aber die Vereinfachungen verschieben das Problem nur an eine andere Stelle, an der es unter Umständen noch schlechter aufgehoben ist.

Fehler verschwinden nicht, sie tauchen nur woanders auf

Der Kinderarzt John Gall beschrieb dieses Schiebespiel 1975 in seinem bis heute aufgelegten Standardwerk Systemantics über das Eigenleben der Systeme, hier am Beispiel des Computers: "Die Vorstellung, dass Fehler verschwinden, weil Bauteile immer zuverlässiger werden, ist natürlich reines Wunschdenken. Nur die banalsten Fehler haben irgendetwas mit der Zuverlässigkeit von Bauteilen zu tun. Eine Fehlerrate von eins zu einer Million ist kein Problem für Computer, deren Herstellerfirmen in einem von drei Fällen zugrunde gehen, sodass der Käufer mit einem vollständigen System dasteht, das nicht mehr gewartet wird. Im Allgemeinen verschiebt eine erhöhte Zuverlässigkeit von Bauteilen nur Anergie in die Verbindungskomponenten des Systems oder in andere Bauteile, die sich weniger leicht verbessern lassen." (Anergie ist in Galls Theorie das Gegenteil von Energie. Unzulängliche Lösungen speichern Anergie, wie eine gespannte Sprungfeder Energie speichert.)

Ich weiß nicht, was ich zu sagen hätte, wenn die Welt durch die Erfindung der Zeitmaschine vereinfacht und ich auf meine Bierbank im Jahr 2009 zurückversetzt würde. Vielleicht würde mir das Volk zujubeln, wenn ich nach weiterer Verkomplizierung der Politik riefe, damit die Demokratie nicht den Eindruck erweckt, sie sei eine bequeme Angelegenheit: Eine Drittstimme für den bevorzugten Koalitionspartner, eine Viertstimme als Minusstimme, die nach verschiedenen konkurrierenden Methoden prozentual gegen die Zweitstimme gerechnet wird, und eine Fünftstimme, die sich wie die Kontrollziffer eines Barcodes ergibt und die man selbst ausrechnen muss, um nicht ungültig zu wählen. Mein neues System würde die grundsätzlichen Herausforderungen der Demokratie in bisher ungeahnter Weise widerspiegeln.

Aber wahrscheinlich bliebe ich einfach sitzen.